Attacke nach „Schadenszauber“ - Psychiatrisches Gutachten erforderlich

Halver - Zum Schauplatz eines brutalen Verbrechens wurde das Asylbewerberheim in Halver in der Nacht zum 24. Oktober 2014: Ein 33-jähriger Ägypter stach mit einem langen Messer auf den Kopf einer Frau ein, die mit ihren fünf Kindern aus Eritrea nach Europa geflohen war.

„Ich wollte sie töten“, sagte der Angeklagte am Mittwoch mehrfach im Amtsgericht Lüdenscheid, wo das Schöffengericht gegen ihn verhandelte - allerdings „nur“ wegen gefährlicher Körperverletzung. Weil der Angeklagte von seinem Tötungsvorsatz abgerückt war und die Polizei angerufen hatte, geht die Staatsanwaltschaft nicht von einem versuchten Tötungsdelikt aus.

„Ich wollte nur raus aus Ägypten“, erklärte der Angeklagte sein Motiv für die Flucht nach Italien „über’s Meer“ vor etwa neun Jahren. Als er dort vor drei Jahren keine Perspektive mehr sah, kam der Ägypter nach Deutschland. „Als ich nach Halver kam, war alles ok. Ich bin nicht hergekommen, um zu betteln. Ich bin hergekommen, um zu arbeiten.“ Im Asylbewerberheim kamen sich die beiden Flüchtlinge näher und fanden sich zu einer Beziehung zusammen.

Deren Entwicklung überforderte den Angeklagten allerdings: „Ich schwöre bei Gott - das ist nicht gelogen - ich war wie ein Sklave. Ich wollte meine Freiheit wiederhaben. Ich wollte gehen, aber das ging nicht“, beschrieb er die selbstangelegten Fesseln. So weit war die Schilderung nachvollziehbar. Schwierig wurde es für einen mitteleuropäischen Prozessbeobachter an jenem Punkt, wo der Angeklagte davon sprach, dass die Frau ihn „verzaubert“ habe - nicht in jenem guten Sinn, den jeder Verliebte kennt, sondern als Schadenszauber, der ihm übel mitgespielt habe: „Diese Frau hat durch Zauberei mein Leben kaputtgemacht.“

Um den Schadenszauber wieder loszuwerden, suchte der Angeklagte den Prediger und Vorbeter einer Moschee in Dortmund auf, der ihm riet, sich von dieser Frau zu entfernen. Doch dieses Vorhaben verdichtete sich dann offenbar zu der brutalen Attacke mit dem Messer.

Ist jemand, der von dem Glauben an einen Schadenszauber zu einer Gewalttat veranlasst wird, Herr seiner selbst und strafrechtlich verantwortlich? „Ein Glaube an einen Zauber kann keine verminderte Schuldfähigkeit begründen“, stellte Richter Thomas Kabus fest.

Auch der Angeklagte wies die Möglichkeit einer möglicherweise als Psychose zu deutenden seelischen Störung zurück. „War es Ihre Entscheidung, die Frau töten zu wollen?“, wollte Richter Thomas Kabus wissen. „Ja, das war meine Entscheidung“, versicherte der Angeklagte. „Das war für mich alles egal - auch ob ich im Knast lande. Diese Frau wollte mir meinen Willen nehmen.“

Staatsanwältin Ina Pavel zog die Konsequenz aus der ungeklärten Geistesverfassung des 33-Jährigen: „Da muss ein Fachmann ran.“ Der Fachmann - das ist ein psychiatrischer Gutachter, der bis zur Fortsetzung des Verfahrens ein Gutachten über den Ägypter erstellen soll. Der Dolmetscher für die arabische Sprache, zu dem der Angeklagte offenbar Vertrauen hatte, soll dem Gutachter das Gespräch mit dem 33-Jährigen ermöglichen.

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