Mit dem Handbeil Vorfahrt erzwungen

Halver - Wie aus dem Lehrbuch für die Straßenverkehrsordnung: Zwei Autofahrer kommen sich auf einer engen Straße entgegen, passen nicht aneinander vorbei, sie bremsen, verständigen sich mit Handzeichen, einer setzt zurück, macht Platz - und weiter geht’s. Doch auf der Südstraße, am 19. Mai um 10.05 Uhr, ist das graue Theorie. Hier macht keiner Platz. Hier endet die Geschichte vor dem Strafrichter. Ein 60-Jähriger muss sich wegen Nötigung verantworten. Er hat ein Handbeil gezückt.

„Er hatte das Hindernis auf seiner Seite. Ich hatte Vorfahrt.“ Der Angeklagte, 60 Jahre alt, Energieanlagen-Elektroniker und seit 1993 arbeitslos, will Strafrichter Thomas Kabus von seiner Unschuld überzeugen. Sein Gegner (67) räumt ein: „Es war uns beiden möglich, zurückzusetzen und dem anderen Platz zu machen.“ Aber der andere sei ja aus einer Ausfahrt gekommen. „Ich hatte Vorfahrt.“

So stehen sich die beiden älteren Herren minutenlang gegenüber, der eine gestikuliert, der andere wartet einfach. Bis es ihm zu bunt wird. „Wo haben Sie denn das Beil plötzlich her gehabt?“, will die Staatsanwältin wissen. Die Antwort: „Aus dem Fußraum, das lag da.“

Ja, er sei mit dem Beil auf den Opel des Rentners zugegangen, gibt der Angeklagte zu. „Ich habe dann gesagt: ‘Muss ich erst den Baum abhacken, damit’s passt?’.“ Denn in der Nähe steht ein Gehölz, das die Straße an dieser Stelle verengt. Die Vertreterin der Anklage schaut ihn streng an und fragt: „Geht’s noch? Verarschen kann ich mich alleine.“ Da fügt er hinzu: „War eine blöde Idee, ich weiß.“ Aber er sei Maurerlehrling und danach Marinesoldat gewesen, „da regelt man seine Sachen selbst“. Immerhin: Der Rentner verriegelt die Türen, legt den Rückwärtsgang ein und gibt nach. „Ich hatte Angst um mein Auto.“

Richter Kabus mahnt gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr an und nennt das Verhalten des Angeklagten „sozial völlig unangemessen“. Er verurteilt ihn zur Zahlung einer Geldstrafe von 600 Euro und brummt ihm einen Monat Fahrverbot auf. Damit folgt er dem Antrag der Staatsanwältin in vollem Umfang.

Der Verurteilte erklärt sein eigenes Verständnis vom sozialen Verhalten. „Der brutalste Schläger zwischen Flensburg und südlich von Barcelona war mein Grundschullehrer Fischer. So habe ich soziales Verhalten gelernt.“ - Olaf Moos

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