Vorwurf der sexuellen Nötigung

32-Jähriger aus Halver überraschend freigesprochen

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Laut Richter Thomas Kabus könnte ein sexueller Missbrauch in der Kindheit der 28-Jährigen ihr Aussageverhalten beeinflusst haben. Er sprach den 32-Jährigen frei.

Halver/Lüdenscheid - Fast einen ganzen Acht-Stunden-Tag beschäftigte sich das Amtsgericht Lüdenscheid mit einer Bettgeschichte aus Halver. Am Ende blieben viele offene Fragen und ein 32-jähriger Angeklagter, der vom Vorwurf der sexuellen Nötigung etwas überraschend freigesprochen wurde.

Es war eine klassische Aussage-gegen-Aussage-Situation: Beide Beteiligten kannten sich seit vielen Jahren und waren sich bei sporadischen Treffen immer mal wieder sehr nahe gekommen. Nach dem Ende einer Beziehung besuchte die 28-Jährige ihren alten Freund am 12. November 2016 mit dem Hinweis, dass es diesmal nicht zu sexuellen Kontakten kommen solle. In alter Verbundenheit übernachtete sie dennoch in dessen Bett.

Mann hält sich nicht an Abmachungen Im Amtsgericht gab der Angeklagte zu, dass er sich entgegen der Abmachung um intensivere körperliche Kontakte bemüht hatte. Von einer sexuellen Nötigung oder gar Vergewaltigung könne aber keine Rede sein, wehrte sich der 32-Jährige gegen die Vorwürfe der Anklage, die auf den Schilderungen der Zeugin fußten. In ihrer Aussage, die sie wegen der belastenden Aussagesituation und der intimen Details des Geschehens unter Ausschluss der Öffentlichkeit machte, wiederholte sie die Vorwürfe: Der Angeklagte habe ihren Schlaf ausgenutzt, um sie intim zu berühren.

Heftige Gegenwehr der 28-Jährigen

Anschließend habe er sich mit nacktem Unterleib auf ihren Brustkorb gesetzt und mit den Knien ihre Arme fixiert, um weitere sexuelle Handlungen zu erzwingen. Dazu war es aus Sicht der Zeugin aufgrund ihrer heftigen Gegenwehr nicht gekommen. Er habe daraufhin von ihr abgelassen, und es blieb eine tiefe Verstörung zurück.

Warum der Angeklagte zum Abschied eine Schreckschusswaffe aus seinem Nachtschrank holte, blieb rätselhaft: Er selbst behauptete, dass er ihr die Waffe zum Selbstschutz auf der nächtlichen Straße geben wollte: „Ich wollte nicht, dass sie so raus geht.“ Und auch die Zeugin bestätigte, dass er die Waffe nicht auf sie gerichtet habe.

Angeblich hatte er nach seinem Fehlverhalten aber ein ganz anderes Angebot unterbreitet: „Da ist meine Waffe – da kannst du auf mich schießen“, zitierte die Zeugin ihren angetrunkenen Freund. „Ich war total geschockt und wollte eigentlich nur noch weg.“

Anschließend tauschten die beiden Beteiligten zahlreiche Kurznachrichten aus. Immer wieder entschuldigte sich der Angeklagte darin für das, was in jener Nacht passiert war und bat um ein klärendes Gespräch: „Es tut mir unheimlich leid.“

Das provozierte im Gerichtssaal Nachfragen nach dem Grund für diese Entschuldigungen, wenn angeblich doch nichts Strafwürdiges passiert war. „Ich bin davon ausgegangen, dass ich etwas getan habe, was ihr nicht gepasst hat“, erklärte der Angeklagte. Die Zeugin war in ihren Nachrichten wenig konkret: „Du hast mir körperlich und psychisch wehgetan“, schrieb sie ihm und dokumentierte das beginnende Nachdenken über eine Strafanzeige: „Du kannst froh sein, wenn ich dich nicht anzeige.“

Weiterer Zeuge macht keine Aussage

Da ein Zeuge, zu dem die Zeugin in jener Nacht geflüchtet war, sich nach Kräften dagegen wehrte, eine verwertbare Aussage über das zu machen, was sie ihm damals erzählt hatte, blieb es bis zu den Plädoyers und dem Urteil bei zwei sehr unterschiedlichen Erzählungen. „Ich glaube, dass wir Ihnen das nachweisen können“, leitete Staatsanwältin Sauter ihr Plädoyer ein, das die belastenden Indizien noch einmal versammelte.

Es gebe kein erkennbares Motiv für eine Falschaussage der Zeugin, sagte sie und beantragte eine Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Die Zeugin habe die Ereignisse „flüssig, plausibel und nachvollziehbar geschildert“.

„Er ist kein großer Zombie“

Verteidiger Clemens Louis bemühte Bilder aus dem Zeitalter der Dinosaurier und schloss finstere Parallelen aus: Sein Mandant sei „kein großer Zombie, der sie mitten in der Nacht als ein großer Raptor anfällt“.

Das von der Zeugin geschilderte Geschehen hätte sichtbare Verletzungen hinterlassen müssen – so etwas sei aber nicht belegt. Und dann tauchte da noch ein Punkt auf, der großes Unbehagen hinterließ: Die Zeugin hatte von einem sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit berichtet. Der musste nun dafür herhalten, ihre Glaubwürdigkeit und Aussagetüchtigkeit zu untergraben.

Das Schöffengericht konnte letzte Zweifel an der Darstellung der Zeugin letztlich nicht ausräumen. Auch Richter Thomas Kabus verwies auf „die Geschichte von früher“, die möglicherweise Einfluss genommen haben könnte auf das Aussageverhalten der Zeugin.

Deren Anwältin Jutta Klaus kündigte Rechtsmittel gegen das Urteil an. Und auch die Staatsanwältin will eine mögliche Berufung prüfen. Zu klären wäre noch einiges.

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