Coronavirus in Halver

Einblick in den Kita-Alltag: „Mit Abstand können wir nicht arbeiten“

Abstand halten scheint nicht möglich. Die Kinder schnappen sich die Kamera, holen Puzzle und sitzen schnell neben der Reporterin am frisch desinfizierten Tisch.
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Abstand halten scheint nicht möglich. Die Kinder schnappen sich die Kamera, holen Puzzle und sitzen schnell neben der Reporterin am frisch desinfizierten Tisch.

Kitas sind geöffnet. Das Leben in den Einrichtungen verläuft auf dem ersten Blick wie immer. Kein Abstand, keine Masken, viele Menschen in einem Raum. Auf dem zweiten Blick wird die Sicht klarer. Wir waren einen Vormittag zu Gast in der evangelischen Kita Pusteblume und durften miterleben, wie der Alltag am Bächterhof abläuft. 

„Eins, zwei, drei – hier geht‘s rund“, singen die Kinder und Erzieher im Morgenkreis um 9 Uhr und lassen ihre Hände wirbeln. Es ist Freitag. Die Kinder hören eine biblische Geschichte in der Kita Pusteblume und zünden eine Kerze an. „Wofür steht sie noch mal?“, will Erzieherin Sandra Nordmeier wissen. „Für Gott“, weiß Lara. Normalerweise gehen die Mäuse, Tiger und Pferde freitags in den Gottesdienst. Corona-bedingt fällt der aber seit vielen Monaten aus. Das ist die Alternative, die den Kindern sichtlich Spaß macht.

Der tägliche Morgenkreis war zu Beginn der Pandemie still. Selbst „Dornröschen war ein schönes Kind“ wurde gesprochen, nicht gesungen. Jetzt ist Singen in Maßen erlaubt.

20 Schuhe, 20 Kinder: Im Morgenkreis sitzen alle zusammen, singen Lieder und hören Geschichten.

Nach dem morgendlichen Ritual, bei dem die 20 Kinder und drei Erzieherinnen Kinderstuhl an Kinderstuhl sitzen, wird die Terrassentür geöffnet. Es ist ein ungewohntes Bild in diesen Zeiten. Dicht an dicht. Ohne Masken. Auf den ersten Blick scheint hier alles normal, aber das ist es nicht. Im Morgenkreis niest ein Mädchen. „Hände waschen“, rufen mehrere Kinder im Chor ihr zu. Die Kinder haben die Regeln verinnerlicht, fragen und hinterfragen nicht, sagt Leiterin Michaela Leitzbach. Aber vieles geht nicht mehr. Die Tiger, Mäuse und Pferde bleiben unter sich.

Der Flur, sonst voller Kinder, ist leer. Das Außengelände ist mit rot-weißem Flatterband in drei Bereiche eingeteilt. Nach jedem Toilettengang wird desinfiziert. Zur Hilfe haben die Klotüren einen bunten Punkt. „Ich war auf blau“, heißt es dann zum Beispiel – und die Erzieherin weiß, wo sie mit Gummihandschuhen hin muss. Die Haken im Waschraum sind leer. Anstelle von eigenen Handtüchern, gibt es Papiertücher.

Michaela Leitzbach leitet die evangelischen Kitas Pusteblume und Spatennest in Halver.

Früher wurde jedes Kind mit Handschlag begrüßt. Heute bimmelt in den Gruppen alle 20 Minuten ein Wecker, der ans Lüften erinnert. Die Kinder haben Sweatjacken für den Fall, dass ihnen kalt wird. Dem Gast mit der großen Kamera zeigen sie ihre plüschigen Jacken mit Sternen drauf. Kurz darauf holen sie Puzzle, sitzen auf dem Schoß und klauen Stifte aus der Hosentasche. Abstand zu Kindern zu halten, scheint unmöglich.

„Mit Abstand können wir nicht arbeiten“, sagt Michaela Leitzbach deutlich. Auch mit Angst nicht, auch wenn die Kolleginnen intern über Risiken gesprochen haben. Das redet man in der Kita nicht klein. Ein 100-prozentiger Schutz sind die Maßnahmen nicht. Aber die Gruppenaufteilung wird dafür sorgen, dass im Falle eines Falles nur eine Gruppe, dafür aber nicht die ganze Einrichtung geschlossen wird. „Wir glauben, das wird auch hier passieren. Damit müssen wir rechnen“, sagt die Leiterin, die seit 1989 in der Pusteblume arbeitet. „Wir sind eine Kette. Vielleicht hatten wir bisher auch einfach nur Glück.“ Aber: „Wir wollen den Kindern eine schöne Zeit bereiten – außerhalb von Corona.“ Dafür geben die Erzieherinnen jeden Tag ihr Bestes. Sie sagt aber auch: „Es geht uns nicht immer gut.“ Aber die Kinder geben viel zurück, sagt die Leiterin der Pferdegruppe, Britta Strohschein.

Wir arbeiten hier nach KiBiz, nicht nach Hygienekonzept.

Michaela Leitzbach

Der pädagogische Auftrag ist klar, und den wollen auch alle erfüllen. Eine Maske trägt hier keiner mehr. „Es geht immer um die Kinder.“ Mimik und Gestik sind zwingend notwendig. Michaela Leitzbach ergänzt: „Wir arbeiten hier nach KiBiz, nicht nach Hygienekonzept.“

Die Kinder waschen sich regelmäßig die Hände in der Kita. Das haben sie schnell verinnerlicht.

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