Ärger und Streit um das wahre Gesangbuch

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Im Bild: Das Jahrhunderte alte Weihnachtslied „Gelobet seist du, Jesu Christ“, von Martin Luther (1524) aus dem Gesangbucharchiv der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Doch um die Einführung neuer Gesangbücher konnte auch Streit entstehen.

Halver - Wie emotional die Bevölkerung in Halver und im gesamten Märkischen Sauerland im 18. Jahrhundert noch mit religiöser Tradition verbunden war, macht die Geschichte eines Buches deutlich, das rund 100 Jahre lang in den lutherischen Kirchen als Gesangbuch diente.

Dem Kirchengesang kam in den evangelischen Gottesdiensten ja stets besondere Bedeutung zu. Hatte doch das deutsche Lied wesentlich die Einführung der Reformation begleitet.

Im frühen 18. Jahrhundert – etwa in den Jahren 1717 bis 1722 – erhielt das Märkische Sauerland ein für alle evangelisch-lutherischen Gemeinden geltendes Kirchen-Gesangbuch, das in verschiedenen Ausgaben in Soest, Iserlohn und Hagen gedruckt wurde. Es trug den eigenartigen Titel „Kern und Marck geistlicher Lieder oder vollständiges evangelisch-lutherisches Märckisches Gesangbuch“. Der Untertitel lautete: „Sammt einem Anhang und nöthigen Gebätern, Evangelien und Episteln, Geschichte des Leydens, Auferstehung und Himmelfahrt Christi, Gott zu Ehren und zur Kirchen- und Haus-Andacht.

Mit sonderbahrem Fleiß eingerichtet unter Königlich Preußischem Chur-Brandenburgischem allergnädigstem Privilegio.“ Das Gesangbuch enthielt mehr als 500 der besten geistlichen Lieder aus der Blütezeit des evangelischen Kirchenliedes. Außer den Liedern von Luther fanden sich darin solche von Paul Gerhard, Johann Rist, Martin Böhme, Justus Jonas, Johann Franke und vielen anderen. „Kern und Marck“, wie das Märkische Gesangbuch in Kurzform genannt wurde, gehörte zum Inventar jeder lutherischen Familie in der Region. Viele Jahrzehnte war es das Gesangbuch, das wie ein Erbstück von den Eltern auf die Kinder überging. 

Berliner Gesangbuch ohne Gegenliebe 

Bereits 1770 plante die Kirchenleitung, ein neues verändertes Gesangbuch für die Provinzen Kleve und Mark herauszugeben, doch das Vorhaben fand keine Unterstützung in den Gemeinden. 1782 sollte „Kern und Marck“ dann allerdings kraft „Kabinettsordre“ offiziell durch das „Berliner Gesangbuch“ abgelöst werden. Der preußische König gab damals der „Prediger-Witwenkasse der Grafschaft Mark“ die alleinige Erlaubnis zum Druck des neuen Gesangbuches mit einem regionalen Anhang. Die märkische Synode ließ daraufhin 12 500 Exemplare drucken. Die Mitglieder der lutherischen Gemeinden machten aber keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen das neue Buch und hielten an „Kern und Marck“ fest. 

Ein zeitgeschichtliches Dokument dazu befindet sich im Archiv des Märkischen Kreises. Aus ihm ist zu entnehmen, dass am 1. Adventssonntag 1785 das neue Gesangbuch in der lutherischen Kirche in Altena eingeführt werden sollte. Der größte Teil der Gottesdienstbesucher sang aber demonstrativ aus dem alten Buch, was, wie der Verfasser der Handschrift anmerkt, „viel Unruhe zuwege gebracht hat“. Auch an den folgenden Sonntagen weigerten sich die Gläubigen, das neue Gesangbuch zu benutzen. Der Pastor soll deswegen sogar einmal erzürnt die Kanzel verlassen und ein anderes Mal „mit weinenden Augen“ gepredigt haben. Gegen die Einführung des Berliner Gesangbuches gab es jede Menge Protestschreiben an die Kirchenleitung und an den preußischen König Friedrich Wilhelm III. Sogar Gerichte mussten sich mit dem „Gesangbuchstreit“ in der Grafschaft Mark befassen. 

Widerstand auch in Halver

Auch in Halver gab es erheblichen Widerstand gegen das neue Buch. Grund für die Auseinandersetzungen war hier nicht nur die Anhänglichkeit an das alte Buch. Vielfach wurden die Kosten beklagt, die die Beschaffung des neuen Buches verursachte. Selbst als 1788 eine leicht veränderte Neuauflage des „Berliner Gesangbuches“ herauskam, blieben die Herausgeber auf 10 000 Exemplaren „sitzen“. 

Berlin zog daraufhin im gleichen Jahr die „Ordre“ zurück und gab dem Wunsch nach, „Kern und Marck“ wieder als gültiges Gesangbuch einzuführen. Die märkisch-westfälische Beharrlichkeit hatte sich durchgesetzt sowie der allgemeine Widerwille gegen den Bruch von Traditionen und gegen die Abschaffung des Bewährten. Bindeglied zwischen Kirche und Heim 1792 und 1800 erschienen im Hagener Verlag Voigt „kleine Ausgaben“ von „Kern und Marck“, die sich großer Beliebtheit erfreuten. 

Auf der ersten Seite des Buches stand jetzt unter einem Luther-Holzschnitt mit preußischem Adler und märkischem Wappen ein trotziger und bezeichnender Vers: „Hier sieht die Grafschaft Marck das Marck der besten Lieder, den Schatz, so manches Herz erquicket hin wieder.“ Die Episode um „Kern und Marck“ zeugt nicht zuletzt von der kulturellen und religiösen Bedeutung des Gesangbuches – und zwar für die Christen beider Konfessionen. 

Druck wurde von staatlicher und kommunaler Seite unterstützt

Diente es über Generationen doch als Geschenk zur Konfirmation und Erstkommunion. Damit jede Familie ein Exemplar günstig erwerben konnte, wurde der Druck mancherorts sogar von staatlicher und kommunaler Seite unterstützt. Allerdings haben, wie es der Berliner Kantor Christian Finke sicher nicht ganz zu Unrecht befürchtet, „die heute von der Gemeinde bereitgehaltenen kircheneigenen Exemplare die Sitte des Kirchenvolkes von einst, mit dem Gesangbuch zur Kirche zu gehen, nicht gerade gefördert und seine Auswanderung aus Familie und Haus begünstigt“. 

Wurde doch damit das Gesangbuch zum Kircheninventar und verlor seine Funktion als Bindeglied zwischen Kirche und Heim. Die Tage von „Kern und Marck“ waren übrigens trotz allem Ärger und Streit Anfang des 19. Jahrhunderts gezählt. Die Synoden von Jülich, Kleve, Berg und der Grafschaft Mark beschlossen damals, ein „Evangelisches Gesangbuch“ herauszugeben. Offenbar war das Bedürfnis nach einem neuen Gesangbuch auch in der Mark gewachsen, zählten die hiesigen Gemeinden doch zu den ersten, die im Frühjahr 1834 das neue Buch in Gebrauch nahmen. In Halver wurde es im Jahr 1836 eingeführt.

- Von Hans-Jürgen Kammenhuber

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