Abstruse Geschichte zweier Freundinnen

- Symbolbild

Halver/Lüdenscheid -  Zwei Freundinnen trafen sich am Dienstag im Amtsgericht Lüdenscheid. Die eine hatte in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli 2013 ihr Portmonee samt EC-Karte und PIN-Nummer verloren, die andere sollte mit dieser Karte unter Zuhilfenahme des beigefügten Zugangscodes 340 Euro bei der Sparkasse in Halver abgehoben haben.

Von Thomas Krumm

Dabei wurde sie von einer Angestellten beobachtet. Diebstahl, Computerbetrug – eine möglicherweise recht fiese Verhandlung drohte.

Die 32-jährige Angeklagte wies die Vorwürfe jedoch zurück: „Ich bin selber hereingefallen“, versicherte sie und erzählte eine Geschichte, die im Gerichtssaal für große Skepsis sorgte: Zwei Jungs, deren Namen sie nicht kenne, hätten sie gebeten, ihnen bei der Barabhebung zu helfen, erklärte die Angeklagte. Beim ersten Versuch erleichterte sie das Konto um 340 Euro. Ein zweiter Versuch in einer anderen Filiale scheiterte. „Mehr ging nicht“, gewährte die 36-jährige Besitzerin der EC-Karte als Zeugin einen tiefen Einblick in ihre damaligen finanziellen Verhältnisse.

Zwei „osteuropäisch“ anmutende Jungen, denen die Angeklagte zweimal nur geholfen haben wollte, ohne zu wissen, dass es sich um die EC-Karte ihrer Freundin handelte? Der ermittelnde Polizeibeamte schüttelte über diese „unglaubwürdige Erklärung“ nur den Kopf und vermutete mit recht guten Gründen eine „Schutzbehauptung für die Tatausführung“: „Diese Geschichte konnte ich beim besten Willen nicht glauben.“

Ganz anders und mit einem goldenen Herzen ohne überflüssiges Misstrauen präsentierte sich die bestohlene Freundin: Sie sei immer noch mit der 32-Jährigen befreundet, gab sie zu Protokoll. Und griff zu starken Worten: „Ich vertraue ihr, dass sie das nicht war.“

Richter Thomas Kabus machte deutlich, dass er eher dem Misstrauen des Ermittlers zu folgen geneigt sei, wenn es denn zu einem Urteil kommen müsse. „Das würde eher nicht zu Ihren Gunsten ausfallen“, ließ er die Angeklagte wissen. Rechtsanwalt Friedhelm Wolf wurde nicht müde, die abstruse Geschichte der 32-Jährigen als doch irgendwie glaubwürdig darzustellen. Der Staatsanwalt bahnte schließlich den Weg zu einer Entscheidung, die wahrlich salomonische Dimensionen hatte: „Die Geschichte der Angeklagten klingt abstrus, aber ich würde einer Einstellung des Verfahrens zustimmen.“ Der Richter folgte dieser Linie und ließ die Schuldfrage offen. Die endgültige Einstellung des Verfahrens gibt es für die 32-Jährige allerdings nicht zum Nulltarif: Sie muss ihrer Freundin den entstandenen Schaden ersetzen, denn zweifelsfrei hatte sie an der Plünderung des Kontos irgendwie mitgewirkt. Ende gut, alles gut: Die beiden Freundinnen gönnten sich nach der Entscheidung eine herzliche Umarmung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare