Ein Albtraum für jeden Flüchtling

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Wenn eine Familie einmal abgeschoben wurde, dann gilt für diese Personen ein Einreise- und Aufenthaltsverbot.

Halver/Lüdenscheid - Es ist der Albtraum für jeden Flüchtling: Mitten in der Nacht um halb vier kommt ein Dutzend schwerbewaffneter Polizeibeamter in die Wohnung, trennt Eltern und Kinder und bringt sie anschließend in einem Transporter aus dem Land. So soll es sich in der Nacht auf den 10. September bei Alireza Shokri Nasab nach Angaben des Flüchtlings abgespielt haben.

Der Märkische Kreis hat allerdings eine gänzlich andere Version der Geschehnisse. Fest steht: Shokri Nasab und seine Familie sind nun in Frankreich. In Lüdenscheid hatte der gebürtige Iraner häufigen Kontakt zu einem Arbeitskollegen, der das Verschwinden des Flüchtlings und seiner Familie feststellte, als er diesen am Montagmorgen zur Arbeit mitnehmen wollte und niemanden antraf. Er und Venus Nemati, eine Freundin der Familie, erzählen die Geschichte der jungen iranischen Familie.

Shokri Nasab, seine Frau und die beiden zwei- und achtjährigen Kinder kommen aus dem Süden des Irans, wo der Familienvater selbstständig als Schreiner arbeitete. Aus politischen Gründen verkauften sie ihre Firma und den Besitz, um sich ein Visum und Flugtickets nach Europa leisen zu können. „Von Deutschland haben sie aber leider kein Visum bekommen, sondern nur von Frankreich“, erzählt Nemati. Trotzdem sei die Familie im Dezember 2017 nach Frankfurt geflogen. 

Nach vier Umzügen zwischen Wohnungen und Asylheimen konnten sie schließlich eine Wohnung in Lüdenscheid beziehen und bereits nach wenigen Tagen fand Alireza Shokri Nasab eine Anstellung bei der Firma Pollmann Elektrotechnik in Halver. Shokri Nasabs Asylantrag wurde abgelehnt, laut seinem Arbeitskollegen erhielt er aber eine Duldung und eine Arbeitserlaubnis. 

Einen Mitarbeiter verloren

„Der Arbeitsvertrag lag der Bundesagentur für Arbeit vor, er hatte eine Steuer-ID und eine Sozialversicherungsnummer“, sagt Andrea Pollmann, die nun einen Mitarbeiter verloren hat. Bis Anfang 2019 war der Vertrag dort noch befristet, Andrea Pollmann hätte Alireza Shokri Nasab anschließend gerne fest angestellt. 

Der achtjährige Sohn der Familie habe seit einer Woche die Schule besucht und laut Pollmann sei auch eine Betreuungsmöglichkeit für das zweijährige Kind gefunden worden, damit die Frau ebenfalls arbeiten gehen kann. Warum die Familie nun wieder von vorne anfangen muss? Pollmann zuckt mit den Schultern. 

„Die deutschen Behörden denken, die Familie hätte auch in Frankreich einen Asylantrag gestellt, was verboten wäre. Das haben sie aber nicht, sie waren nie in Frankreich“, sagt hingegen Venus Nemati. Sie ist schockiert über die Art und Weise wie die Familie aus dem Land gebracht worden sein soll. Alireza Shokri Nasab und sein achtjähriger Sohn hätten ihr die Geschichte am Telefon erzählt. 

Mitten in der Nacht seien demnach etwa 15 schwerbewaffnete Polizisten in die Wohnung gekommen. Eltern und Kinder seien getrennt worden und die Kinder von den Polizisten umgezogen worden. „Sie durften nicht mal alleine zur Toilette gehen“, erzählt Nemati. Shokri Nasabs Frau habe mit den Koffern gegen die Wände geschlagen und gerufen, um die Nachbarn auf sich aufmerksam zu machen. „Sie durften ja niemandem Bescheid sagen, die Handys wurden ihnen weggenommen.“ Nachdem die deutsch-französische Grenze erreicht worden sei, sei die Familie buchstäblich auf die Straße gesetzt worden. „Sie haben ein Zelt bekommen und ihnen wurde gesagt ,Da hinten ist die Polizeistation, da könnt ihr euch melden‘. Sie wussten nicht einmal, in welcher Stadt sie waren“, gibt Nemati wieder. 

Der Märkischer Kreis hat eine andere Version 

Die Wohnung sei verwüstet hinterlassen worden, viele Kleidungsstücke die Nemati und ihre Familie für die Iraner besorgt hatten, aber auch Wertsachen wie Laptops seien dort geblieben, was damit passiert, sei unklar. „Im Lüdenscheider Rathaus hat man uns gesagt, die Stadt habe die Wohnung geräumt“, sagt Nemati. Sie habe die Wohnung nicht betreten dürfen, um die Habseligkeiten der Familie zu sichern. 

Auf Nachfrage unserer Redaktion schildert Hendrik Klein, Pressesprecher des Märkischen Kreises, der die Abschiebung als Ausländerbehörde durchführte, die Vorgänge des 10. Septembers deutlich anders. Fakt ist, dass auf Alireza Shokri Nasabs Duldung (liegt der Redaktion vor) vermerkt ist, dass er keinen Aufenthaltstitel besitzt und ausreisepflichtig ist. Dort steht ebenfalls, dass die Duldung am Tage der Abschiebung oder mit deren Ankündigung erlischt. Komplett ohne Vorwarnung würde laut Klein allerdings niemand abgeschoben. „Es gibt Checklisten, Gespräche und Mitteilungen, in denen den Asylbewerbern mitgeteilt wird, dass sie ausreisepflichtig sind. Die wissen das also“, erklärt der Pressesprecher. „Die eigentliche Abschiebung wird natürlich nicht angekündigt.“ Um die Asylbewerber auch anzutreffen, werde eine Uhrzeit gewählt, zu der sie vermutlich alle in der Wohnung sind. 

Zu der „Landüberstellung“, wie Klein sagt, seien zwei Mitarbeiter der Ausländerbehörde und ein Arzt mitgefahren, Waffen habe niemand dabei gehabt. Randaliert habe, wie auch Venus Nemati bereits erzählte, die Frau. „Anstatt die Klamotten in die Koffer zu packen, hat sie sie in der Wohnung herumgeschmissen.“ Abgelehnte Asylbewerber dürften generell ihre Koffer packen und bekämen Zeit, das Notwendigste mitzunehmen. An der Grenze zu Frankreich ende die Zuständigkeit der deutschen Behörden und laut Klein haben dort „die Franzosen übernommen“. 

Nun sei es zu spät, sagen die Kanzleien 

Venus Nemati und ihre Familie hatten sich dafür eingesetzt, dass die Shokri Nasabs in Deutschland bleiben können. Von einem Anwalt sei ihnen seitens der Behörden abgeraten worden, nun sagen die Kanzleien laut Nemati, dass es zu spät sei. „Wir hätten sogar schon eine Ausbildung als Tischler gefunden“, sagt Nemati. 

Mit der Abschiebung gilt für die iranische Familie zudem ein Einreise- und Aufenthaltsverbot, was in den meisten Fällen maximal fünf Jahre lang gültig ist. In Paragraf 11 des Aufenthaltsgesetzes heißt es: „Ein Ausländer, der ausgewiesen, zurückgeschoben oder abgeschoben worden ist, darf weder erneut in das Bundesgebiet einreisen, noch sich darin aufhalten, noch darf ihm, selbst im Falle eines Anspruchs nach diesem Gesetz, ein Aufenthaltstitel erteilt werden (Einreise- und Aufenthaltsverbot).“ Eine Rückkehr der Familie scheint damit ausgeschlossen.

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