50 Tage nach dem Hochwasser: Flutopfer haben noch viele Fragen

Atalay Ince in der Gartenanlage: Im Gartenhaus muss alles renoviert werden. Das meiste ist geschafft. Nur ernten wird seine Frau Gülhan Ince dieses Jahr nichts mehr
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Atalay Ince in der Gartenanlage: Im Gartenhaus muss alles renoviert werden. Das meiste ist geschafft. Nur ernten wird seine Frau Gülhan Ince dieses Jahr nichts mehr.

Wie ist die Stimmung in Oberbrügge 50 Tage nach dem Hochwasser am 14. Juli. Wir haben noch einmal mit Betroffenen gesprochen. Einige Fragen stellen sich noch. Und auf Sachverständiger wartet man noch immer.

Oberbrügge – Bäume und Hecken stehen noch so schief, wie sie die Flut bog. Die Gärten der Siedlung Loewen aber werden wieder grün. Gras wächst auf dem Boden, der von Volme und Schlemme überschwemmt war. Auch Gartenmöbel stehen wieder an Ort und Stelle, teils provisorisch. „Man kommt zur Ruhe“, sagt Sonja, die einfach nur Sonni genannt werden will.

Die Anwohnerin genießt die Sonne unter einem Apfelbaum. Ihre Stühle sind original. „Die haben wir wieder aus der Volme gefischt“, sagt die 52-Jährige. Der Tisch aber ist neu, wenn man so will. Eine Glasplatte liegt auf einem umgedrehten Pflanzkübel – wenn ihre Katzen an der Konstruktion vorbeihuschen, wackelt es.

Provisorischer Garten: Hinter dem roten Zaun fließt die Volme. An diesem Tag ruhig, die Sonne reflektiert malerisch im Wasser. Kaum vorstellbar, welche Gewalt der Fluss vor 50 Tagen ausübte.

50 Tage sind seit dem Hochwasser vergangen. „Es war der 14. Juli“, sagt Sonni, „den werde ich nie vergessen.“ Das Wasser stieg so schnell, sie konnte dabei zusehen, erinnert sie sich. Binnen Minuten wurde es höher. Im Keller, der eben mit dem Boden ist, stand sie bis zu den Oberschenkeln im Wasser. Im Garten schwamm der volle Sandkasten ihrer Enkelkinder an ihr vorbei. Szenen wie im Film spielten sich rund ums Haus ab, wo sich Schlemme und Volme treffen.

Das Technische Hilfswerk (THW) hat die Bewohnerin der Siedlung gegen 19 Uhr evakuiert. Mit einem Schlauchboot hat man sie und auch eine Nachbarin geholt, erzählt sie. Die Strömung hätte sie mitreißen können, denn die Wiese hinterm Haus war eins mit den Gewässern. Das ganze Wasser sammelte sich rund um die Häuser der Siedlung. Alles, was sie aus ihrer Wohnung mitnahm, waren Unterwäsche und eine Zahnbürste. Dann stieg sie ins Boot. Mit ihrer Tochter, die drei Häuser weiter wohnt, verbrachte sie die Nacht bei ihrer Mutter in Schmidtsiepen.

Es vergingen drei Tage, ehe die Oberbrüggerin wieder in ihre Wohnung ging. „Ich konnte es nicht ertragen“, erzählt sie, will aber nicht klagen. Andere hat es weitaus schlimmer getroffen, sagt sie, und ist froh, dass es in Oberbrügge noch einmal gut ging. Aber der Anblick der Verwüstung und Zerstörung war schwer zu ertragen. Vor den Häusern stand sämtliches Inventar aus Kellern. Auch aus ihrem war bis auf Blumentöpfe kaum etwas zu retten. „Alles ist weg.“ Vor allem Erinnerungen.

Als der Sperrmüll von den grünen Autos des Stadtreinigungs-, Transport- und Baubetrieb Lüdenscheid (STL) abgeholt wurde, war das nicht einfach für die Bewohner, sagt Sonni. „Es wurde alles abgeholt“, sagt sie. „Und dann stehen Sie mal hinter so einem Auto.“ Ein Mitarbeiter des STL kam zu ihr, weil er ein Ultraschallbild fand. Es war eines ihrer Tochter. Eine der Erinnerungen, die in Pappkartons im Keller aufbewahrt wurde.

In den Tagen nach dem Hochwasser kamen auch weiße Transporter vorbei. Und die Fahrer nahmen mit, was ging, wenn keiner geguckt hat, erzählt die Anwohnerin. Die Bewohner mussten aufpassen. Aber die Nachbarschaft funktioniert in der Siedlung gut.

Dankbar sind die Anwohner für die Hilfsbereitschaft und die vielen Spenden, die sie erreicht haben. Im Werkhof haben sich einige etwas Neues aussuchen können, was sie sonst nicht gekonnt hätten. Aber es fällt schwer, anzunehmen. Es fällt noch schwerer, nach Hilfe zu fragen. Ein Ende ist noch nicht in Sicht. Auch jetzt steht noch einiges am Straßenrand. Die Keller sind noch immer feucht, die Wände fangen mittlerweile an zu schimmeln. Die Fenster stehen zwar offen, aber es gibt keine Geräte. Bei näherem Betrachten sieht Sonni auch Risse in der Wand, die definitiv neu seien. Wie es seitens der Vermieter heißt, haben alle Gebäude eine Elementarversicherung. Derzeit seien aber Sachverständiger zeitlich sehr eingeschränkt, sodass bisher noch niemand vor Ort war. Auch Trocknungsgeräte sind nicht zu bekommen. Klar ist, dass die Keller saniert werden, sagen die Vermieter. Sie bedauern das Unglück und sind froh, dass kein Mensch zu Schaden gekommen ist. Neben den Häusern ist die Brücke ein weiteres Problem. Auch sie ist im Privatbesitz und muss überprüft werden. Dass die Wassermassen jede Erwartung eines mögliches Hochwasserszenarios übertroffen haben, sei allen bewusst. Die Vermieter aber sagen, dass sie von der Stadt erwarten, die Anwohner zu schützen.

Neue Risse entlang des Kellerfensters. Anwohner der Siedlung Loewen machen sich Gedanken.

Denn es sind nach 50 Tagen noch immer Fragen offen. Warum kam die Feuerwehr erst so spät, warum wurden erst so spät abends Menschen evakuiert? Warum wurden die Anwohner nicht gewarnt? Vorwürfe will Sonni keine machen, aber sie hofft, dass es bei einem weiteren Mal besser läuft. Dass Wasser an sich ein Problem in der Siedlung werden kann – und es auch oft ist–, ist jedem dort klar. Nur nicht in diesem Ausmaß. „Wir hatten Angst“, sagt Sonni. „Man hätte viel eher viel mehr machen können.“

Gedanken um die Zukunft machen sich manche Anwohner jetzt auch mit Blick auf das Neubaugebiet Schmittenkamp, erzählen Sonni und auch ihre Vermieter. Es geht um die Entwässerung des Neubaugebiets, das über die Schlemme geschehen soll. Vergangene Woche war ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung vor Ort, um mit Anwohnern zu sprechen und hat ihnen dazu einiges erklärt. Es war Hubert Kowalski, zuständig für die Belange in der Siedlungswasserwirtschaft und der Gewässer bei der Stadt. Der natürliche Abfluss aus dem Einzugsgebiet der „kleinen Schlemme“ verändere sich durch die Einleitungen durch das Niederschlagswasser aus dem bestehenden Siedlungsgebiet und aus dem neuen Baugebiet Schmittenkamp nicht.

Schimmel bildet sich im Keller. Die Feuchtigkeit geht ohne Technik nicht raus.

Dafür seien die öffentlichen Abwasseranlagen für den Bemessungsfall ausgelegt. Der Abfluss von den bebauten Flächen erfolgt durch Rückhaltungen und verschiedene Drosselorgane gewässerverträglich. Zu befürchten hätten die Anwohner dahingehend deshalb nicht mehr, aber auch nicht weniger, als es durch den natürlichen Abfluss des Gewässers der Fall ist, sagt Kowalski. „Das Wasser gehört in die Schlemme.“ Das sei der natürliche Prozess. Neben dem natürlichen Abfluss aus dem Einzugsgebiet der „kleinen Schlemme“ ist das Regenwasser von bebauten Flächen aus den Siedlungsgebieten aus gesetzlichen Vorgaben dem Untergrund oder dem Gewässer zuzuführen. In dem Fall ist die Vorflut in die „kleine Schlemme“ auszurichten. Dies erklärte Kowalski Anwohnern aufgrund Nachfrage bei einer Ortsbesichtigung.

Dass es einmal zu einem Extremhochwasser kommen könnte, war keine große Überraschung, wenngleich das Ausmaß wesentlich heftiger war, als die Prognose der Bezirksregierung Arnsberg. Schaut man auf das Ereignis eines Extremhochwassers, das sich alle 100 Jahre ereignet, sind längst nicht alle Häuser als gefährdet eingestuft, die es am 14. Juli waren.

Wer zahlt was? Das Ehepaar Reikowski ist auf dem Weg zur Versicherung mit allen Unterlagen in einem Ordner.

Die Bereiche entlang der Volme in Oberbrügge, die vor 50 Tagen geflutet wurden, waren jedoch klar. Die Bezirksregierung hat in den vergangenen Jahren aufgrund gesetzlicher Vorgaben allen Gemeinden und Städten an Flüssen verschiedene Maßnahmen zur Gefahrenabwehr durch Hochwasser aufgegeben. Zu diesen Gewässern gehört auch die Volme bis zur Mündung in die Ruhr und zwar ab Oberbrügge. Für die Stadt Halver sind dies folgende Maßnahmen: Die Anlieger im Bereich der hochwassergefährdeten Gebieten zu informieren, einen Alarm-und Einsatzplan aufstellen und den Abfluss im Gewässer durch Freihalten sicherzustellen. Alle diese Maßnahmen hat die Stadt umgesetzt, erklärt Hubert Kowalski. Weitere Maßnahmen sind Aufgabe der Hausbesitzer.

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