Falsche Identität: Halveraner gibt sich als Geheimdienstler aus

+

Halver/Lüdenscheid - Weihnachten ist auch die Zeit des Spendens und der offenen Herzen und Portemonnaies. Die 800 Euro schwere Überweisung eines 43-jährigen Mannes aus Halver an die Hilfsorganisation „Brot für die Welt“ ist allerdings nicht so ganz freiwillig.

Das Amtsgericht Lüdenscheid wird nur gegen Zahlung dieser Geldauflage ein nicht alltägliches Strafverfahren wegen Urkundenfälschung und Amtsanmaßung endgültig einstellen. 

Die Geschichte begann mit dem Wunsch eines Freundes des Angeklagten: Dessen Freundin in Thailand hatte ihn nicht immer zum vereinbarten Zeitpunkt angerufen, weshalb er den 43-jährigen IT-Spezialisten darum bat, ihm bei der Überwachung des Lebenswandels seiner fernen Freundin zu helfen. Der Maschinenbau-Ingenieur erzählte als Zeuge vor Gericht, dass er im Gegenzug in ganz anderer Weise gefragt war: „Er wollte Waffen von mir kaufen.“ 

Der Angeklagte habe sich ihm gegenüber zwei Jahre lang als Mitarbeiter des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), des Nachrichtendienstes der Bundeswehr, ausgegeben. Im Rahmen seiner Ausbildung müsse er Schießübungen absolvieren. Mit der Begründung, dass die Übungsmunition der Bundeswehr nichts tauge, habe er dann seinem Freund in Halver Munition abkaufen wollen. Dazu eine „Bockflinte“ und eine Pistole der Marke Walther P99 – „Ein MAD-Kollege suche genau so eine Waffe“, erinnerte sich der Zeuge an die Begründung des 43-Jährigen. Geliefert hatte der Zeuge nichts. 

Seit einem Monat vom MAD überwacht 

Auf die angebliche nachrichtendienstliche Tätigkeit setzte der Angeklagte irgendwann noch einen drauf: Er „informierte“ seinen Freund darüber, dass dieser bereits seit einem Monat vom MAD überwacht werde. Um ihm Näheres darüber erzählen zu können, müsse dieser eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben. Das Schriftstück unterschrieben der Zeuge und der Angeklagte unter seinem angeblichen MAD-Tarnnamen Major Dr. Lohmann. Der Zeuge verpflichtete sich darin zum Schweigen – ansonsten drohte ihm das Papier für den Fall des Hochverrats von Staatsgeheimnissen eine Haftstrafe nicht unter zehn Jahren an. 

Es blieben Restzweifel beim Zeugen 

Spätestens an diesem Punkt hätte eigentlich jedem klar sein müssen, dass das Ganze eine große Räuberpistole war. Dem Zeugen ging es nicht viel anders: „Richtig geglaubt habe ich ihm die Geschichte nie.“ Doch es blieben Restzweifel, ob Major Dr. Lohmanns gesammelte Erzählungen, die „technisch und informativ sehr untermauert waren“ nicht doch stimmen konnten: „Ich habe ihn 99 Prozent der Zeit nicht ernst genommen.“ Die auf ein Prozent geschätzten Restzweifel veranlassten den Zeugen schließlich, die „MAD-Stelle“ mit der laufenden Nummer 3 in Hilden anzurufen. 

Darüber kam schließlich die Strafanzeige in Gang, denn der Angeklagte hatte sich mehrfach mit Federn geschmückt, die ihm nicht zustanden: Der Doktortitel, der militärische Dienstgrad, der falsche Name, die Vortäuschung einer nicht bestehenden Vertretung des MAD. „Das war offensichtlich als Scherz gedacht“, erklärte Verteidiger Dirk Löber. Es sei doch überhaupt nicht glaubwürdig gewesen, dass er ein Mitarbeiter des MAD gewesen sein könnte, erklärte der Angeklagte und lieferte weitere Details der Geschichte. Durch die Verschwiegenheitsklausel habe das ganze Konstrukt „authentischer“ aussehen sollen. 

"Scherz, der komplett daneben ging"

Den Briefkopf des Schreibens habe er mit einem Bildbearbeitungssystem auf der Grundlage zusammengeklaubter Elemente aus dem Internet gebastelt. 

Richter Thomas Kabus nannte die Geschichte einen „Scherz, der komplett daneben gegangen ist“ und verwies auf die allgemeine Nervosität in einer Zeit der Bedrohung durch terroristische Anschläge. Gleichwohl war der Angeklagte nicht vorbestraft, und so kam er nach seinem letztlich doch offensichtlichen Scherz mit einer Einstellung des Verfahrens und einer moderaten Geldauflage davon. Auf eine Entschädigung für die bei ihm durchgeführte Hausdurchsuchung verzichtete er. Die Polizeibeamten hatten dabei keine Verstöße gegen das Waffengesetz festgestellt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare