Altes Stellwerk in Oberbrügge

Stellwerkhaus in Oberbrügge: Ein Stückchen Eisenbahngeschichte

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Seit 40 Jahren im Ruhestand: Das Stellwerkshäuschen in Oberbrügge wurde 1925 errichtet. Bis 1979 wurden hier Signale und Weichen gestellt.

Oberbrügge/Kierspe - Viel Geschichte steckt in dem Stellerwerkhäuschen in Oberbrügge. Wir haben einen Blick hinein geworfen.

Die stählerne Signaltechnik im alten Stellwerkshäuschen in Oberbrügge ist zwar seit Langem ausrangiert, aber wie dort bis 1979 Weichen und Signale für Fahrten Richtung Kierspe, Halver und Brügge gestellt wurden, lässt sich auch vier Jahrzehnte nach Betriebsende noch gut nachvollziehen. 

Ursprünglich verlief die Bahnstrecke in Oberbrügge westlich von den heutigen Gleisen und der B54 und querte damals per Bahnübergang die Heerstraße. Der Einschnitt in den Fels, wo die heutige Trasse verläuft, erfolgte ab 1920, ein großer Arbeitsaufwand mit Sprengungen und viel Handarbeit, sagt Michael Arnold von der Schleifkottenbahn GmbH. 

Ursprünglich zwei Stellwerk-Gebäude

Von den zwei 1925 errichteten Stellwerk-Gebäuden ist allerdings nur eines erhalten geblieben, nämlich das Stellwerk etwa 300 Meter südlich vom ehemaligen Bahnhofsgebäude entlang der Gleise Richtung Kierspe und Halver. Es ist das Stellwerk Oberbrügge „Of“ – das steht für Oberbrügge Fahrdienstleiter. Das in Richtung Brügge an der Bahnunterführung der Straße Am Hirschberg gelegene Stellwerk Oberbrügge Ost – abgekürzt „Oo“ – wurde hingegen bereits in den 1960er-Jahren abgerissen.

Die Fahrstraßen werden am Blockkasten (vorne) eingestellt. Erst dann können bestimmte Weichen- und Signalhebel an der Hebelbank (hinten) bedient werden.

Auch das erhaltene Stellwerk ist seit 1979 nicht mehr in Betrieb, erhalten sind im Obergeschoss jedoch Hebelbank und Blockkasten, über die früher die Weichen und Signale gestellt wurden. Welche Hebel überhaupt bewegt werden können, hängt von der sogenannten Fahrstraße ab, die vorher am Blockkastenuntersatz gewählt wird. „An den Fahrstraßenhebeln ist abzulesen, welche Weichen- und Signalhebel zu stellen sind“, erklärt Arnold. Ein Blick in den Verschlusskasten der Hebelbank zeigt, wie das funktioniert. 

Stellung der Fahrstraßenhebel

Die Stellung des Fahrstraßenhebels bewegt Fahrstraßenschubstangen, die mit Sicherungshaken und Riegeln (im Fachjargon als Verschlussstücke plus und minus bezeichnet) unter oder über andere Stangen greifen können, um so je nach Fahrstraße die richtigen Weichen- oder Signalhebelpositionen festzulegen oder zu sichern. „Die Position dieser Haken und Riegel beziehungsweise Verschlussstücke ist extrem wichtig“, sagt Arnold. Der Inhalt der Hebelbänke/Verschlusskästen musste nach genauen Plänen montiert werden. „Da durften nur Signaltechniker dran, Fahrdienstleiter nicht.“ 

Die Kästen waren verschlossen, hineinschauen konnte man nicht. Im Museumsstellwerkgebäude in Oberbrügge ist es zu Anschauungszwecken mittlerweile möglich, durch eine Glasscheibe die ausgeklügelte Mechanik zu betrachten. „Das Stellwerk war nur stundenweise an bestimmten Wochentagen mit einem Fahrdienstleiter besetzt“, sagt Arnold. Die restliche Zeit musste am Blockkasten der Fahrstraßenhebel auf Betriebszustand „Durchfahrt“ – kurz „duf“ – gestellt werden, damit Züge auf dem Hauptgleis in beide Richtungen ungehindert durchfahren konnten.

Signale selbst setzen

Auch die Signale mussten entsprechend gegensätzlich auf „Fahrt“ gestellt werden und so in beide Richtungen „grün“ anzeigen. Erhalten ist die Anlage im letzten Betriebszustand – bezeichnet als Abzweigung oder kurz „Abzw“ - aus dem Jahr der Stilllegung. Die Hebelbank umfasst neun Hebel, um die Weichen und Signale an zwei Gleisen bedienen zu können. Je ein Hebel regelte/stellte die Weichen von und nach Halver sowie in und aus Richtung Vollme. Für jede dieser vier Weichen beziehungsweise Fahrstraßen musste per Hebel ein entsprechendes Signal gestellt werden – das macht acht. Der neunte Hebel bediente eine Gleissperre, die durch gezieltes Entgleisen verhindern sollte, dass ein Zug oder Wagen unbeabsichtigt von einem Neben- ins Hauptgleis rollt. 

Michael Arnold demonstriert die Bedienung der Hebel.

Als im Bereich Oberbrügge noch fünf Gleise inklusive aller dafür nötigen Weichen und Signale überwacht und gestellt werden mussten, war die Hebelbank mit deutlich mehr Hebeln bestückt. Wie viel Kraft benötigt wird, um einen Hebel zu bewegen, sei unterschiedlich, sagt Arnold. Es hängt von der Entfernung der Signale und Weichen und damit der Länge der zu ihnen hinführenden Drahtseile ab, aber auch von der Anzahl der Umlenkrollen und wie gut Rollen und Seile gewartet und geschmiert waren. 

Und das musste regelmäßig geschehen, denn sie waren draußen der Witterung ausgesetzt. Sie zu schmieren kostete jedes Mal mindestens eine runde Stunde, sagt Arnold. Nachdem das Stellwerk nicht mehr fürs Stellen von Weichen und Signalen zuständig war, mussten Rangierer die Weichen selbst aufschließen und umlegen. Doch so ohne Weiteres ging das nicht, sie hatten dabei ein bestimmtes Prozedere zu befolgen. 

Weichenschlüssel und Blockeinrichtung

In einem kleinen Fernsprech-/Schalthaus zwischen Stellwerk- und Bahnhofsgebäude befand sich eine Blockeinrichtung für den Schlüssel der Weichen. Nachdem die Rangierer den vom Fahrdienstleiter in Brügge ausgehändigten Weichenschlüssel zum Stellen und Rückstellen der beiden Weichen in Oberbrügge eingesetzt hatten und der Zug auf die Nebenstrecke Richtung Halver gewechselt hatte, wurde der Weichenschlüssel in der Blockeinrichtung des Schalthauses elektromechanisch verriegelt und erlaubte somit dem Fahrdienstleiter in Brügge, einen weiteren Zug von Brügge nach Kierspe beziehungsweise Meinerzhagen loszuschicken oder in Gegenrichtung entgegen zu nehmen. 

Auf der Rückfahrt wiederholte man das ganze Prozedere mit Fahranfrage beim Fahrdienstleiter Brügge, dem von Brügge aus ferngesteuerten Entriegeln des Weichenschlüssels im Blockkasten, dem Stellen und Rückstellen der Weichen und abschließender Mitnahme des Schlüssels der „Awanst“ (Ausweichanschlussstelle) Oberbrügge, wie die offizielle Bezeichnung nach der Zurückstufung von einer Abzweigung lautete. 

Erst wenn dieser Schlüssel wieder in der Blockeinrichtung in Brügge eingesetzt war, ließen sich Züge auf die Hauptstrecke zwischen Meinerzhagen/Kierspe und Brügge leiten. Dass trotz Umstellung auf Handbetrieb und zeitweiser kompletter Stilllegung der Strecke nach Halver das Stellwerk heute noch existiert, ist ehrenamtlichem Engagement zu verdanken. 1979 pachtete der Bürgerverein zur Förderung des Schienenverkehrs das Stellwerk von der Deutschen Bundesbahn.

Zweites Stellwerk abgerissen

 Ein Abriss, wie beim anderen Stellwerk „Oo“, konnte so abgewendet werden, aber der Zustand des Gebäudes war alles andere als gut. Die Fassade war dunkel und dreckig, durch das undichte Schieferdach von 1925 war zudem viel Nässe in das Gebäude eingedrungen, berichtet Arnold: „Man kann sich nicht vorstellen, wie der Dienstraum seinerzeit zur Übernahme von der Bundesbahn aussah.“ 

Doch durch viel Engagement konnte das Gebäude gerettet, renoviert werden und ging in 1998 in den Besitz des Vereins Bergisch-Märkische Eisenbahn über. Diesem und dem Aktionsbündnis Volme-Agger-Bahn, das sich über viele Jahre für die Reaktivierung der Regionalbahn im oberen Volmetal eingesetzt hat, dient es seitdem als regelmäßiger Treffpunkt.

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