Aktion mitten in der Nacht

140 Oberbrügger wegen Hochwasser evakuiert

Land unter in Oberbrügge: Die Feuerwehr evakuiert 140 Anwohner.
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Land unter in Oberbrügge: Die Feuerwehr evakuiert 140 Anwohner.

Erst sah noch alles gut aus in Oberbrügge. Das Wasser erreichte Gärten, bis an die Häuser kam es noch nicht. Dann ging am späten Mittwochabend alles ganz schnell: 140 Anwohner mussten evakuiert werden. Sie kehren nach und nach zu ihren Häusern und Wohnungen zurück.

Oberbrügge – Später Mittwochabend. Die Lage spitzt sich zu, die Volme hat die Volmestraße komplett eingenommen. Von den Häuschen in den Gärten sind nur noch Dachspitzen zu sehen. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr müssen am Abend reagieren. Rund 140 Personen, Anwohner der Siedlung Loewen und der Volmestraße, werden evakuiert. Denn steigt das Wasser noch mehr, würde es keine Möglichkeit mehr geben, die Häuser und die Menschen darin zu erreichen, sagt Dennis Wichert, Leiter der Halveraner Feuerwehr. Bei rund 20 Personen, schätzt Wichert, war die Lage bereits zu diesem Zeitpunkt lebensbedrohlich.

Dramatische Szenen mitten in der Nacht

Es spielten sich dramatische Szenen ab, wie Anwohner erzählen. „Sie fuhren mit Baggern an die Haustüren, die Bewohner mussten in die Schaufel“, erzählt Peter Noelle-Niklas, der mit seiner Frau Angelika das Geschäft mit kleiner Bäckerei auf der Ecke Volme-/Heerstraße betreibt. Aus dem Fenster sehen sie gegen 23 Uhr mit an, wie ihre Nachbarn von der Feuerwehr vor den Wassermassen gerettet werden.

120 Einsatzkräfte waren vor Ort – Feuerwehr, THW, DRK und Ordnungsamt. Es war ein Kraftakt, der die Ehrenamtler an ihre Grenzen gebracht hat, sagt Wichert. Die Nachricht vom Tod eines Kameraden aus Altena hat alle zudem tief geschockt. „Diese Nachricht wollte ich aus Halver nicht hören“, sagt Wichert. Mit Respekt, teilweise auch Angst, haben die Wehrleute alles gegeben, um die Anwohner zu retten. Einen Mann holten sie vom Dach einer Firma. Ältere Menschen werden mit aller Kraft durch die Fenster aus ihren Wohnungen geholt – ein Weg durch die Tür unmöglich. Und das Wasser steigt weiter. Das THW stellt ein Flutlicht auf, Strom gibt es in den Häusern bereits nicht mehr.

Der Tag nach dem Hochwasser in Oberbrügge.

Der Tag nach dem Hochwasser in Oberbrügge.
Der Tag nach dem Hochwasser in Oberbrügge.
Der Tag nach dem Hochwasser in Oberbrügge.
Der Tag nach dem Hochwasser in Oberbrügge.
Der Tag nach dem Hochwasser in Oberbrügge.

Viel geschlafen hat in der Nacht keiner. „Vor der Tür war ein See mit reißender Strömung“, erzählt Angelika Noelle-Niklas. Ununterbrochen arbeiten die Einsatzkräfte im Schichtbetrieb und bekommen Unterstützung von zwei Löschzügen aus dem Kreis Soest.

Herberge als sicherer Ort für Anwohner

Die evakuierten Anwohner sind in Sicherheit. Wie Thomas Gehring, Leiter Bürgerdienste, auf Anfrage erklärt, sind alle evakuierten Personen nach Breckerfeld in die Jugendherberge gebracht worden. Gesammelt wurden sie zunächst im Bürgerhaus, das DRK begann Betten zu organisieren, als die Idee mit der Jugendherberge aufkam – und zum Glück funktionierte, sagt Gehring. „Dort können die Menschen schlafen und werden verpflegt.“

Der Pegel sinkt so schnell, wie er stieg. Sichtbar wird, was das Unwetter angerichtet hat. Auf den Straßen am Donnerstagmorgen liegen Mülltonnen, Paletten, Holzbalken. Ganze Schotterplätze wurden abgetragen, die Straßen sind am frühen Morgen nicht befahrbar.

Aber es ist viel los unten im Dorf. Man hilft sich in Oberbrügge, hält zusammen. Das Seniorenzentrum Bethanien spendiert ein Frühstück für die Feuerwehrmänner, Nachbarn aus Häusern, die weit genug vom Wasser liegen und somit verschont blieben, kommen mit Thermoskannen Kaffee vorbei.

Die Aufräumarbeiten beginnen

Fabiana Cuocina fragt Angelika Noelle-Niklas nach einem Wischer, um ein paar Häuser weiter bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Sie erkundigt sich nach den Nachbarn, wundert sich, warum keiner die Tür öffnet, sie macht sich Sorgen. Dass Menschen evakuiert wurden, wusste sie nicht. Mittags kommen die ersten Anwohner wieder zurück in ihre Häuser. Bei manchen aber muss noch geprüft werden, inwieweit das möglich ist. Wie Fabiana Cuocina sagt, stand das Wasser im Keller mancher Häuser bis zur Decke, sodass jetzt erst geprüft werden müsse, ob der Boden der darüberliegenden Etage einsturzgefährdet ist.

Walter Noelle vom Autohaus gegenüber brachte mit seinen Mitarbeitern noch rechtzeitig die Autos in Sicherheit. Geparkt wurden sie oben am Bahngelände. „Sie wären alle vollgelaufen“, sagt Walter Noelle. Jetzt ist nur der Keller unter Wasser. Er hätte ihn zwar selbst ausgepumpt, sagt er. Aber alle Häuser entlang der Volme waren bis mittags ohne Strom.

Straße unter Wasser in Oberbrügge.

Mitarbeiter von Enervie waren im Einsatz und verschafften sich einen Überblick. „Alle Verteilerkästen sind voll Wasser gelaufen“, erklärt ein Mitarbeiter, während er über den auf der Motorhaube ausgebreiteten Lageplan schaut. Von Kierspe bis nach Schalksmühle, entlang der Volme, müssen die Kästen instand gesetzt werden.

Was hat Priorität? Wo fängt man an? Am Einsatzwagen der Feuerwehr hängen Meldungen, um sich einen Überblick zu verschaffen. „Keller voll“, „Ölfässer schwimmen eventuell“. Kleinigkeiten im Vergleich zur Nacht. In diesem Ausmaß hat das noch keiner erlebt. Niemand von der Feuerwehr, kein Anwohner, auch die Stadt nicht. Es gibt einen „Hochwasseralarmplan“, wie er intern genannt wird. Gegriffen hat dieser allerdings nicht. Er geht von der Höchststufe von 2,50 Metern (Wasserpegel in Stephansohl) aus, aber der war bei rund vier Metern, schätzt Wichert. Man musste selbst reagieren.

Das Haus von Guiseppe Cuocina stand unter Wasser.

Jetzt bleibt das Aufräumen. Das Haus von Familie Coucina liegt direkt neben dem Vömmelbach. „Eigentlich plätschert der Bach nur“, erzählt Guiseppe Coucina. Das Ehepaar trägt an diesem Tag Gummistiefel und Handtücher über den Schultern. Ihren Augen trauten sie am Abend nicht. „Das Wasser lief aus den Wänden wie ein Wasserhahn“, erzählt Michaela Cuocina. Das Wohnzimmer, die Küche, das Badezimmer – alles stand unter Wasser. Bis spät in die Nacht schüppen sie das Wasser raus, „wir waren hilflos gegen das Wasser“. Wo man auch hinsah, „überall war Wasser“. Die Versicherung wird helfen, sind sich die meisten sicher. Aber ob das Wasser noch einmal so eine Bedrohung wird, weiß keiner. Die Angst bleibt.

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