10- bis 15 000 Festmeter Fichte fallen jeden Monat in Halver

Borkenkäfer ungebremst

Borkenkäfer ungebremst
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Am schnellsten geht’s mit dem Harvester, hier im Bild unterhalb von Ostendorf.

Die Strategie war einleuchtend im letzten Jahr. Mit massiven Einschlägen wollte man den Borkenkäfer aus dem Wald rund um Halver bekommen. Verbunden mit einem feuchteren und kühleren Sommer als in den drei Vorjahren, wäre das für 2021 im inzwischen vierten Käferjahr die Chance gewesen, die gesunden Fichtenbestände zu retten.

Halver - Das hat nicht funktioniert. Wälder und Wege sehen aus wie Schlachtfelder. Die Käfer scheinen den Winter weitgehend unbeschädigt überstanden zu haben. „Von einem Wochenende aufs nächste“ seien die Schädlinge in zuvor gesunde Bestände eingefallen, sagt Halvers Förster Ulrich Ackfeld, der Ende Mai Augenzeuge des ersten Käferfluges wurde. „Eine schwarze Wolke“ sei zwischenzeitlich in der Luft gewesen. Weder Feuchtigkeit noch Verpilzung hätten die Population im Boden ausreichend reduzieren können. „Es ist schlimmer als letztes Jahr“, sagt Ackfeld.

Drei Harvester parallel

Das Ergebnis kann man sehen am früheren Munitionsdepot bei Schwenke, aber auch an den Stadtgrenzen zu Lüdenscheid und Schalksmühle bei Halverscheid und Ostendorf oder am Steinbachhang. Drei Harvester gleichzeitig, hochmechanisierte Vollernter, arbeiten sich an den befallenen Bäumen ab. An anderer Stelle sind Trupps mit Säge und Keilen im Wald unterwegs und fällen Baum um Baum.

Kaputte Bestände auch im steilen Hälverhang.

Es sei wie im Vorjahr ungefähr das Zehnfache des üblichen jährlichen Einschlags, der heraus muss. Laufen die Arbeiten unter Volllast, sind es etwa 30 Container täglich, die abgefahren werden. 10 000 bis 15 000 Festmeter Fichtenholz sind es im Monat. Im Vorjahr waren es mehr als 135 000 Festmeter übers ganze Jahr.

Immerhin: Die Preise dafür sind nicht mehr so weit im Keller wie über weite Teile des vergangenen Jahres. Je nach Qualität gibt es wieder etwa 80 Euro pro Meter für B-und C-Ware, 30 Prozent weniger für D-Ware, allerdings immer abzüglich Lohn-, Rücke- Vermarktungskosten. Der Rohholzpreis lag vor einigen Jahren schon einmal bei bis zu 100 Euro. Doch als der Markt kalamitätsbedingt zusammenbrach, auch schon unter 30 Euro.

70 Prozent des älteren Bestandes bald gefällt

Aber das ändert nichts daran, dass der Wald zu großen Teilen verloren ist. Vielleicht 20 Prozent des Bestandes seien zu retten, wenn der Borkenkäfer dorthin keinen Zugang findet, so die grobe Schätzung des Försters. Etwa 70 Prozent des gesamten älteren Fichtenbestandes dürften zum Ende dieses Jahres verschwunden sein. Und dies sei kein lokales Problem, sagt Ackfeld beim Termin im Wald. Das Bergische Land und der Nordosten des Märkischen Sauerlandes seien bereits vorher stärker betroffen gewesen und uns somit ein Jahr voraus. Es folgten schwerpunktmäßig die südwestlichen Bereiche des Märkischen Sauerlands, und jetzt sei die Kalamität auch bis weit in die höheren Lagen des Sauerlandes vorgedrungen.

Kaputte Wege und Riesenmengen Holz.

An eine systematische Aufforstung sei zurzeit nicht zu denken, sagt Ackfeld weiter über das laufende Katastrophenjahr. „Dafür fehlen uns derzeit die Ressourcen.“ Wann die Arbeitskraft in die Planung und Steuerung der Wiederaufforstung gesteckt werden könne, hänge auch vom weiteren Verlauf der Kalamität ab. Und ob die Wiederaufforstung flächendeckend in der zur Verfügung stehenden Zeit überhaupt gelingt, sei bei der immensen Fläche nicht so sicher.

Natürlich regenerieren

Möglicherweise bleibe ein großer Teil der Flächen sich selbst überlassen, um sich natürlich zu regenerieren. Je nach Situation könne dann zu einem späteren Zeitpunkt zum Beispiel ein natürlich gewachsener Birkenaufwuchs mit weiteren Baumarten unterbaut werden. „Wir werden letztlich einen in vielen Bereichen artenreicheren Wald vorfinden. Sei es nun durch aktive Pflanzung in Anlehnung an das Waldentwicklungskonzept des Landes NRW oder lediglich durch die Natur selbst.“ Letztendlich entscheide jeder Waldeigentümer für sich, welchen Weg er einschlagen möchte, vorausgesetzt eine gewisse Verfügbarkeit von Ressourcen.

Wege schieben für den Abtransport.

Ein anderes Problem ist permanent feuchtes bis nasses Wetter. Wo Lkw, Harvester und Rückegeräte arbeiten, bleibt von den Wegen nicht viel übrig. Geschoben, geschottert und planiert wird dann, wenn Material verfügbar ist, und auch dann nur dort, wo es überhaupt Sinn macht. Ob man über den frisch planierten Erdweg unterhalb von Ostendorf eine Walze fahren lassen könne, will Ackfeld am Telefon vom dort tätigen Unternehmer wissen? „Nö. Die geht ab, zu lehmiger Boden“, ist die praktische Auskunft zum Gelände, das bis vor wenigen Wochen noch ein Waldweg war.

Probleme bei Zuwegungen

Bei Anliegern stößt der Notstand im Wald nicht immer auf Verständnis. Pkw stehen an Zuwegungen, die von den Transportern benötigt werden. Weichen Lkw auf die Wiese aus, um geparkten Autos auszuweichen oder ihre teuren Spiegel nicht durch machtvoll in die Forstwege sprießende Äste zu beschädigen, steht der nächste Ärger ins Haus. Die Anrufe landen bei ihm und bei der Forstbetriebsgemeinschaft, die versucht, die Vermarktung der Riesenmengen Holz für die Eigentümer gerecht zu kanalisieren und die Kosten fair umzulegen. Wann das Desaster aber ein Ende hat, wagt Ackfeld nicht vorauszusagen – möglicherweise dann erst, wenn der Käfer mit den Fichten seine eigene Lebensgrundlage vernichtet hat.

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