Formel 1 in heller Aufregung

Wegen Reifen-Chaos: Boykott von Massa & Co.?

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Eine Fahrer-Fraktion um Ferrari-Pilot Felipe Massa (Foto) soll sogar einen Boykott des nächsten Rennens auf dem Nürburgring in Erwägung ziehen

Silverstone - Die spektakulären Reifenplatzer haben das Rennen in England überschattet und eine neue Sicherheitsdebatte ausgelöst. Pirelli steht am Pranger, die Teams streiten über Lösungen.

Die Fahrer toben vor Wut und Angst, Pirelli ist ahnungslos und der Automobil-Weltverband FIA bittet zum Rapport: Explodierende Reifen und umherfliegende Gummifetzen beim Großen Preis von England haben die Formel 1 in helle Aufregung versetzt. Eine Fahrer-Fraktion um Ferrari-Pilot Felipe Massa soll sogar einen Boykott des nächsten Rennens auf dem Nürburgring in Erwägung ziehen. „Ich will nicht sagen, dass wir es tun werden“, sagte der Brasilianer, „aber es wäre ein Weg, etwas für unsere Sicherheit zu tun.“

Die spektakulären Reifenschäden in Silverstone haben eine neue Sicherheitsdebatte in der Formel 1 ausgelöst - und es wird heftiger diskutiert denn je. „Diese verdammten Reifen, dafür will ich mein Leben nicht riskieren“, schimpfte Mercedes-Star Lewis Hamilton, dem als erstem der linke Hinterreifen um die Ohren flog. Wie die Luftballons auf einem Kindergeburtstag zerfetzten auch die empfindlichen Pneus von Massa, Jean-Eric Vergne (Toro Rosso) und Sergio Perez (McLaren). Rennleiter Charlie Whiting gestand, dass „das Rennen ziemlich nahe daran war, mit der roten Flagge abgebrochen zu werden.“

Die Piloten hatten alle Mühe, ihre PS-Monster unter Kontrolle zu halten, die umherfliegenden Gummi-Fetzen gefährdeten zudem andere Piloten. „Da kannst du tot sein bei den Geschwindigkeiten. Wenn dir das ins Gesicht oder auf den Sturzhelm fällt, reißt es dir das Genick ab“, wütete Niki Lauda, TV-Experte und Aufsichtsrats-Chef der Silberpfeile. „Wie in einem verrückten Videogame“, schrieb Corriere della Sera. Und Corriere dello Sport konstatierte: „Das Rennen der Angst.“ Da geriet der zweite Saisonsieg von Nico Rosberg (Mercedes) zur Nebensache.

Die FIA hat Einheitshersteller Pirelli umgehend unter Druck gesetzt. „Ich hatte ein Gespräch mit den Verantwortlichen und sie haben mir zugesichert, dass die Vorfälle schnell analysiert werden. Bis zu unserem nächsten Treffen werden sie ihre Ideen und Vorschläge zum Lösen des Problems unterbreiten“, sagte FIA-Präsident Jean Todt, der Pirelli für den Mittwoch zu einer Krisensitzung bestellt hat.

Dabei ist das Problem hausgemacht. Formel-1-Mogul Bernie Ecclestone forderte Pirelli vor der Saison unmissverständlich auf, Reifen zu bauen, die nicht lange halten - um die Show zu verbessern. Doch die Pneus seien nun zu „potenziellen Piloten-Killern“ geworden, meinte Ex-Rennfahrer David Coulthard.

Schon die ganze Saison hagelt es Kritik an den Reifen. Pirelli wollte auch schon eine neue Konstruktion einführen. Der Plan scheiterte aber am Veto von Force India, Lotus und Ferrari. Notlösung: In Silverstone wurde ein neuer Kleber eingesetzt. Um grundlegende Änderungen bei den Reifen einzuführen, bedarf es der Zustimmung aller Teams. Doch das Fahrerlager ist traditionell zerstritten, die Teams gönnen sich das Schwarze unter den Nägeln nicht.

Um die Sicherheit der Fahrer zu gewährleisten, forderte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff jetzt den Schulterschluss. „Wir müssen alle die Köpfe zusammenstecken. Es will keiner, dass sich ein Fahrer verletzt“, sagte er, „wir sind alle gefordert, den Reifenhersteller zu unterstützen.“

Doch Pirelli weiß noch gar nicht, wo das Problem liegt. „Was passiert ist, war nicht vorherzusehen. Diese Art von Schaden ist für uns neu“, sagte Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery, „wir haben mit der Analyse der Schäden begonnen. Erst wenn wir die Fakten kennen, können wir entscheiden, was wir als nächstes tun werden.“ Doch bis zum Rennen auf dem Nürburgring am kommenden Sonntag läuft die Zeit davon.

Vielleicht trifft Pirelli aber auch gar keine Schuld. In Silverstone kursierten Spekulationen, dass die Innenseite eines Randsteins auf der Strecke die hinteren linken Reifen aufgeschlitzt haben könnte. Bestätigt ist dies aber nicht. Die Formel 1 bleibt erst einmal in heller Aufregung.

sid

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