Überschwang der Gefühle

Vettel: "Das war ein fantastisches Rennen"

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Sebastian Vettel auf dem Podest

Abu Dhabi - Nach seiner Aufholjagd in Abu Dhabi zeigte sich Sebastian Vettel rundum glücklich. Immerhin reichte es für ihn fürs Podium.

Nachdem Sebastian Vettel als Held aus dem Chaos von Abu Dhabi hervorgegangen war, vergaß der Weltmeister im Überschwang der Gefühle sogar für einen Moment seine gute Kinderstube. Er goss dem schockierten Moderator David Coulthard nach seinem dritten Platz das Rosenwasser in den Nacken, und auch um seine Wortwahl kümmerte er sich nicht mehr.

„Es besteht immer die Gefahr, dass es beschissen läuft“, sagte der sonst so wohlerzogene Formel-1-Champion noch vornehm übersetzt: „Aber es ist nicht so gekommen.“

Das Happy End eines modernen Sportmärchens aus 1001 Nacht hatte Vettel dabei nur knapp verpasst, Rang drei nach dem Start aus der Boxengasse war dennoch schöner als die meisten Siege. Trotz einer nahezu unglaublichen Anzahl an unglücklichen Verkettungen hatte er nämlich seine WM-Führung erfolgreich verteidigt. „Ich kann es gar nicht glauben“, rief der Hesse direkt nach der Zieleinfahrt in den Boxenfunk. „Ich habe nicht gezweifelt“, ergänzte er auf dem Podium: „Das Podium war mein Ziel, auch wenn es am Anfang weit weg schien. Aber wir haben die Chance bei den Hörnern gepackt und nur ganz wenige Punkte verloren. Es ist toll, hier oben zu stehen und Champagner zu trinken - oder was immer das auch ist.“

Der 25-Jährige hatte sich als vorletzter Starter aus der Boxengasse mit insgesamt rund 30 Überholmanövern durchs Feld und ließ sich auch von einer kuriosen Kollision mit einem Styroporschild nicht stoppen. Am Ende fehlten dem Red-Bull-Piloten lediglich 4,1 Sekunden zum fünften Sieg in Folge. Dennoch hat er den Titel-Hattrick bei zehn Punkten Vorsprung in der eigenen Hand. Gewinnt Vettel sein 100. Rennen in Austin und sein Rivale Fernando Alonso (Ferrari) wird nur Fünfter, ist der Titel schon vor dem Saisonfinale in Sao Paulo sicher.

Alonso belegte 0,8 Sekunden hinter dem erstmals seit mehr als drei Jahren und 1162 Tagen siegreichen Finnen Kimi Räikkönen (Lotus) Platz zwei und war ebenfalls „sehr glücklich. Wir waren nicht super-konkurrenzfähig, aber wir haben bis zum Schluss um den Sieg gekämpft. Und wir werden auch um den Titel bis zum Schluss kämpfen.“ Kurios: Räikkönens theoretische Titelchance endete ausgerechnet am Tag des erlösenden ersten Sieges seit dem Comeback nach zwei Jahren Rallye-WM.

„Sebastian ist ein brillantes Rennen gefahren, er hat niemals aufgegeben und wirklich gepusht“, lobte Teamchef Christian Horner: „Trotz aller Probleme ist er ein fantastisches Rennen gefahren. Dass er direkt hinter Fernando Alonso ins Ziel gekommen ist, ist mehr, als wir uns erträumt haben. Sebastian ist ein großartiger Racer, ein fantastischer Champion.“ Der Ausfall des zweiten „Bullen“ Mark Webber sorgte aber dafür, dass der dritte Konstrukteurs-Titel in Folge noch nicht unter Dach und Fach ist, bei 82 Punkten Vorsprung auf Ferrari ist er aber Formsache.

Vettel hatte aus der Boxengasse statt von Platz drei starten müssen, weil sein Auto in der Auslaufrunde des Qualifyings mit zu wenig Sprit liegen geblieben war. Er demolierte sich während des Rennens gleich zweimal den Frontflügel, und schon am Freitag hatte ihn ein Bremsdefekt das fast komplette dritte Training gekostet. All das konnte ihn jedoch nicht wirklich aufhalten.

Ein ganz schwarzes Wochenende erlebten die anderen deutschen Piloten. Nico Hülkenberg (Force India/1. Runde) und Nico Rosberg (Mercedes/9. Runde) schieden frühzeitig aus, blieben aber glücklicherweise unverletzt. Rekordweltmeister Michael Schumacher verpasste als Elfter trotz sieben Ausfällen zum fünften Mal in Folge die Punkteränge. Wenigstens Marussia-Pilot Timo Glock durfte nach dem beachtlichen 14. Rang halbwegs zufrieden sein.

Vettel startete freiwillig aus der Boxengasse. Das war der Preis dafür, dass Red Bull das Auto aus dem Parc ferme geholt hatte, um es (erfolglos) zu untersuchen. Schon nach der zweiten Runde lag er jedoch auf Platz 18. Doch früh zeichnete sich bei ihm ein Schaden am Frontflügel ab. Die Mechaniker standen schon zum Wechsel bereit. Doch der Hesse fuhr weiter und rollte das Feld von hinten auf. Nach vier Umläufen war er schon 14. „Gute Geschwindigkeit“ wurde ihm über den Boxenfunk mitgeteilt.

Nach dem Unfall zwischen Rosberg und Karthikeyan rückte für sechs Runden das Safety-Car aus. Der spektakuläre Unfall, bei dem der Silberpfeil Rosbergs kurzzeitig abhob und dann in die Boxenmauer einschlug, verlief Gott sei Dank glimpflich. Rosberg. „Bir mir ist alles okay. Ihm ist die Lenkung gebrochen, deshalb ist er auf die Bremse gestiegen und ich bin hinten drauf gefahren.“

Doch der Kuriositäten damit nicht genug: Vettel fuhr während der Safety-Car-Phase beim Ausweichen gegen Daniel Ricciardo gegen ein Styroporschild und demolierte sich endgültig den Frontflügel. „Was macht der denn da?“, schimpfte er wütend über den Boxenfunk. Der Weltmeister musste in die Box, kam als 21. wieder raus und musste eine erneute Aufholjagd starten. Nach etwas mehr als einem Drittel des Rennens erwischte es dann auch den bis dahin souverän führenden Lewis Hamilton, dessen McLaren einfach liegen blieb.

Alonso rückte auf Rang drei vor und übernahm erstmals virtuell die WM-Führung. Vettel erreichte nach 23 Runden erstmals Platz zehn und damit die Punkteränge, drei weitere Umläufe später war er Siebter - und in der WM-Wertung wieder an Alonso vorbei. Als der Spanier in die Box fuhr, zog er sogar während des Rennens zwischenzeitlich vorbei. Nach 31 von 55 Runden war der Weltmeister sensationell Zweiter.

18 Runden vor Ende rief sein Team „Box, Box“. Vettel fuhr gerade als Vierter mit den nun frischesten Reifen wieder heraus. Prompt erwies sich dieser Schachzug als eigentlich goldrichtig, denn die nächste Safety-Car-Phase nach einer Massenkollision ließ die Zeitabstände zur Makulatur werden.

Mit den frischen Reifen schien Vettel nun sogar Siegchancen zu haben. Doch Alonso musste zunächst gegenüber Räikkönen abreißen lassen und hielt Button auf, an dem wiederum der Deutsche lange nicht vorbeikam. So konnte der Finne seinem ersten Sieg seit dem 30. August 2009 in Spa entgegen fahren, auch wenn Alonso gegen Ende wieder bedrohlich nahe kam. Vettel kassierte drei Runden vor dem Ende Button und sorgte für großen Jubel bei seinen Mechanikern.

sid

Die Pressekonferenz nach dem Rennen

Herr Vettel, ist Platz drei nach einem Start aus der Boxengasse schöner als so mancher Sieg?

Sebastian Vettel: Ich kann es noch gar nicht wirklich glauben. Es ist schwer von ganz hinten, aber hatte einen großen Fehler und kaputten Frontflügel. Das war ein fantastisches Rennen. Es ist toll, hier oben zu stehen und Champagner zu trinken - oder was immer das auch ist. (In Abu Dhabi gibt es bei Siegerehrungen Rosenwasser, d. Red.)

Haben Sie vor dem Rennen geglaubt, aufs Podium fahren zu können?

Vettel: Es war eine große Gefahr, viel zu verlieren, aber wir haben nur ganz wenige Punkte verloren. Man hat immer eine Chance, und wir haben unsere bei den Hörnern gepackt. Und irgendwie habe ich immer dran geglaubt. Das Podium war mein Ziel, auch wenn es am Anfang weit weg war.

Was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie sich auf Platz 11 vorgearbeitet hatten und wegen des kaputten Frontflügels in die Box mussten?

Vettel: Einmal das Feld von hinten aufrollen reicht normalerweise. Wir haben es eben zweimal gemacht.

Was passierte in der Szene, als sie Daniel Ricciardo ausweichen wollten und sich am DRS-Schild den Flügel zerstört haben?

Vettel: Das war nicht ideal. Er hat vor mir scharf gebremst, ich war überrascht und habe das Schild erwischt.

Was beurteilen Sie nun mit einem Tag Abstand Ihre Rückversetzung am Samstag wegen des zu leeren Tanks beim Abstellen in der Auslaufrunde?

Vettel: Von Platz drei aus wäre es sicher ein anderes Rennen gewesen. Aber wir haben das hinnehmen müssen, auch wenn es uns nicht gepasst hat. Aber eines möchte ich klarstellen: Wir hatten nicht versucht, uns einen Vorteil zu verschaffen. Da muss einfach irgendetwas schief gegangen sein. Auf dem Papier hatten wir genug Benzin, aber leider nicht im Auto.

Sie haben nun zehn Punkte Vorsprung auf Fernando Alonso bei zwei noch ausstehenden Rennen. Wie sehen Sie Ihre Chancen?

Vettel: Man sieht jede Woche, wie viel noch passieren kann. Aber wir haben ein fantastisches Auto, das Team ist in Superform. Ich freue mich auf die letzten zwei Rennen.

aufgezeichnet bei der Pressekonferenz von Holger Schmidt

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