Pokerspiel um Bahrain-Absage

Shanghai - Schweigen, Witze, Verharmlosungen: Ein neuerlicher Bombenanschlag und die anhaltenden Unruhen haben für heftige Diskussionen um eine erneute Absage des Formel-1-Rennens in Bahrain gesorgt.

Das Fahrerlager ist aber anscheinend zur unpolitischen Zone erklärt worden, in der Ängste und Emotionen verboten sind.

Offensichtlich haben sich die Fahrer und Teamvertreter trotz verständlicher Bedenken einzelner darauf verständigt, sich aus politischen Diskussionen herauszuhalten und der Thematik auch nicht durch persönliche Befindlichkeiten zusätzliche Brisanz zu verleihen. Selbst Piloten, die sich kürzlich noch kritisch zu einer Austragung des im Vorjahr abgesagten Rennens im Golfstaat geäußert hatten, versuchten sich nun als Diplomaten.

Die Organisatoren überbieten sich derweil in Verharmlosungen. Die Veranstalter vor Ort bezeichneten Kritiker in einer Pressemitteilung als „Sofa-Beobachter“ und „Panikmacher“. Formel-1-Boss Bernie Ecclestone erklärte flapsig, „dass eine Pop-Band auch dorthingehen und singen würde“. Ein Sprecher des Automobil-Weltverbands FIA erklärte dem SID, es habe sich „absolut nichts geändert“. Und FIA-Präsident Jean Todt hat sich noch überhaupt nicht zu diesem Thema geäußert.

Weltmeister Sebastian Vettel verbat sich sogar Fragen zu der brisanten Thematik. „Bitte keine Bahrain-Fragen“, sagte er: „Es gibt genug andere Personen im Fahrerlager. Fragt die.“ Auf neuerliche Nachfragen rettete er sich in einen Witz: „Ich habe zu wenig mitbekommen. Vielleicht schaue ich nicht genug Fernsehen. Außerdem haben wir in Deutschland genug Probleme.“

Rekordweltmeister Michael Schumacher antwortete auf die Frage, ob er Sicherheitsbedenken habe, mit einem rigorosen „Nein“. Sein Mercedes-Teamkollege Nico Rosberg erklärte, es sei „schwierig, überhaupt ein Gefühl zu haben, weil wir nicht wissen, was los ist“. Force-India-Pilot Nico Hülkenberg verwies darauf, „dass wir keine Politiker sind“.

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Andere ruderten gar zurück. Auch Timo Glock und Witali Petrow benutzten nun die anscheinend von der Teamvereinigung FOTA ausgegebene Sprachregelung, man vertraue dem Urteil der FIA. Dabei hatte Glock, wohlgemerkt vor dem Bombenanschlag mit sieben Verletzten am Montag, noch gesagt: „Warum sollten wir uns unnötig einem Risiko aussetzen? Wegen mir müssen wir dort nicht fahren.“

Der Gipfel des Schweigegelübdes war die offizielle Pressekonferenz am Donnerstag. Als die Frage nach der persönlichen Meinung, den Emotionen und eventuellen Ängsten aufkam, sahen alle sechs Fahrer betreten zu Boden, kein einziger äußerte sich.

Dabei ist es trotz der Fokussierung auf das bevorstehende Rennen in China nicht vorstellbar, dass keinen der Fahrer - einige davon sind Familienväter - in Bahrain ein mulmiges Gefühl beschleichen würde. Die Deutsche Botschaft in Manama urteilt in ihrer aktuellen Stellungnahme: „Auch im Stadtzentrum von Manama kommt es in den Abendstunden und an den Wochenenden regelmäßig zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, teilweise auch unter Einsatz von Tränengas.“

Das Auswärtige Amt rät: „Reisenden wird empfohlen, sich umsichtig zu verhalten, Menschenansammlungen und Demonstrationen zu meiden und die örtliche Medienberichterstattung zu verfolgen.“ Wolfgang Grenz, Generalsekretär der Menschenrechtsorganisation Amnesty International Deutschland, riet in der Süddeutschen Zeitung, die Formel 1 solle „Bahrain weiträumig umfahren. 2011 ist es dort zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen gekommen. Eine Absage des Rennens wäre ein Signal, dass die Lage weiter besorgniserregend ist.“

Angesichts dieser allgemeinen Sicherheitslage wirken Aussagen wie die von Ecclestone, er glaube „wirklich nicht, dass die Oppositionellen vor Ort irgendetwas gegen die Formel-1-Leute oder gegen Journalisten haben“ geradezu fahrlässig oberflächlich. Zumal in den vergangenen Tagen Menschenrechtler der Formel 1 vorwarfen, eine Diktatur zu unterstützen, und Protestgruppen gedroht hatten, den Ablauf des Rennwochenendes massiv zu stören.

Anscheinend hat sich kurz vor dem geplanten Renntermin am 22. April auch ein Pokerspiel entwickelt. Vertragsbrüchig wird schließlich derjenige, der absagt. Die FOTA verweist auf die FIA, die als einzige Instanz ein Rennen absagen könne. Ecclestone erklärt, nur die Sporthoheit Bahrains könne absagen. So oder so: Dass die Diskussion wieder aufkommt, hat die FIA selbst zu verantworten. Sie hatte Bahrain trotz der Absage 2011 wieder in den aktuellen Kalendar aufgenommen.

sid

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