Vesper: Verdrehung

Pechstein beschwert sich bei DOSB

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Claudia Pechstein

Berlin - Claudia Pechstein hat mit ihrem Aufruf zur Kritik an der Athletenvereinbarung im deutschen Lager einen Stein ins Rollen gebracht, der nur schwer zu stoppen sein dürfte.

Angebliche Drohungen, verunsicherte Sportler und viele offene Fragen: 100 Tage vor Olympia in Sotschi stellt die Pechstein-Petition den deutschen Sport vor eine Belastungsprobe. Es steht die Frage im Raum, ob potenzielle Olympia-Teilnehmer erpresst wurden, den Aufruf zu ignorieren. Sicher ist: Die Athletenvereinbarung stößt auf wachsende Kritik, der designierte DOSB-Chef Alfons Hörmann kündigte bereits erste Konsequenzen an.

„Dass meinen Kollegen damit gedroht wird, sie nicht für Olympia zu nominieren, wenn sie die Erklärung nicht unterzeichnen, ist ein Skandal“, sagte Pechstein der FAZ. Ein Bundestrainer soll erklärt haben, dass er bei der Nominierung für Sotschi Sportler bevorzugt, die Pechsteins Petition nicht unterschreiben. „Es ist erbärmlich und zeigt mehr als deutlich, dass die Kritik durch uns Athleten einen Nerv getroffen hat“, sagte die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin.

Namentlich wird Thomas Schwab genannt. Der Generaldirektor des Bob- und Schlittenverbandes soll vor zwei Wochen in einer E-Mail die Bundestrainer seines Verbandes aufgefordert haben, „dass der Bitte von Claudia Pechstein nicht nachgegangen wird“. Schwab wies anschließend alle Vorwürfe von sich.

Pechstein hatte in ihrem Aufruf die Athletenvereinbarung hinterfragt. Den Athleten sei bei ihrer Unterzeichnung nicht bewusst, dass sie auf das Grundrecht verzichten, selbst in existenziellen Fragen ein deutsches Gericht anrufen zu können. 55 Sportler wie Olympiasieger Robert Harting (Diskus) und die Weltmeister Raphael Holzdeppe (Stabhochsprung) und Christina Obergföll (Speerwurf) hatten die Petition unterzeichnet.

Vor den Olympischen Winterspielen droht nun dennoch Ungemach. Viele Sportler sind verunsichert, zögern womöglich mit der Unterschrift. „In dem Punkt müsste die Athletenvereinbarung vielleicht noch einmal überdacht werden“, sagte Biathlon-Olympiasiegerin Andrea Henkel. Der DOSB kündigte erste Konsequenzen an. „Die Athletenkomission wird sich jetzt kurzfristig mit den Themen, die von Claudia Pechstein addressiert werden, beschäftigen“, sagte der zukünftige DOSB-Präsident Hörmann.

Athletensprecher Christian Breuer wurde im DOSB-Gespräch konkret und kündigte eine neue Informationsoffensive in Form eines Fragen- und Antwortkataloges für Athleten an, „der von einer neutralen Instanz durchgeführt wird, damit nicht unterstellt werden kann, dass es aus einer Richtung gesteuert wird“. Pechsteins Aktion sieht er kritisch: „Solange das für Aufklärung steht, ist das völlig okay. Wenn aber diese Unterschriften dafür eingesetzt werden, um eigenen Dingen zu dienen oder um irgendwas zu belegen, was damit nicht belegbar ist, finde ich das schade.“

Unterdessen stellte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper klar, dass es ohne Unterschrift keinen Start in Sotschi gebe. „Wer an Olympischen Spielen in der deutschen Olympia-Mannschaft teilnehmen möchte, muss sich dem NADA- und WADA-Anti-Doping-Code unterwerfen“, sagte er. Laut Vesper müssen die Unterschriften der Athleten zu den DOSB-Nominierungsterminen der jeweiligen Sportart am 19. Dezember bzw. 23. Januar vorliegen.

Daher wird auch Pechstein selbst wohl trotz aller Kritik die Vereinbarung unterzeichnen. „Mir bleibt ja nichts anderes übrig, der Zwang zur Unterschrift besteht nach wie vor. Wenn ich dem nicht nachgebe, platzt mein Olympiatraum“, sagte die 41-Jährige und ergänzte: „Meine Unterschrift ändert aber nichts daran, dass ich weiter vehement für eine Reform der Athletenvereinbarung samt Schiedsklausel kämpfen werde. Der Sport muss lernen, die Grundrechte von uns Sportlern zu akzeptieren.“

Präsident Clemens Prokop vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) befürchtet keine breite Ablehnung der Athletenvereinbarung und damit der Sportsgerichtsbarkeit vor Sotschi. „Ich habe in der Vergangenheit schon oft mit Sportlern darüber diskutiert. Am Ende haben sie immer die Sportgerichtsbarkeit akzeptiert, weil sie ihnen als die beste Lösung erschien“, sagte der Jurist dem SID und forderte: „Hier muss einfach eine bessere Aufklärung betrieben werden. Es herrscht ein Informationsdefizit.“

Pechstein stellt auch bei ihrem juristischen Kampf vor dem Münchner Landgericht gegen den Weltverband ISU die Legitimation der Sportgerichtsbarkeit und damit des CAS als letzter Instanz in Frage. Die 41-Jährige fordert Schadensersatz in Höhe von 3,5 Millionen Euro, nachdem sie ihrer Meinung nach von 2009 bis 2011 zu Unrecht wegen Dopings gesperrt worden war. Ende Januar entscheidet das Gericht, ob es für den Fall zuständig ist.

sid

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