Ominöser Koffer wirft weiter Fragen auf

"Drecksau"!? Neuer Showdown im Schumacher-Prozess

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Stefan Schumacher

Stuttgart - Auch nach dem nächsten Showdown von Stefan Schumacher und dessen ehemaligem Gerolsteiner-Boss Hans-Michael Holczer bleiben im Betrugsprozess gegen den Radprofi viele Fragen offen. Für Holczer allerdings ist alles klar.

Hans-Michael Holczer war auf den vierten Showdown vor Gericht bestens vorbereitet. Für sich und gegen Doping hielt der ehemalige Gerolsteiner-Boss im Betrugsprozess gegen seinen einstigen Schützling Stefan Schumacher erneut ein flammendes Plädoyer - und ließ sich auch von „Drecksau“-Vorwürfen nicht von seinem Weg abbringen. Weil zudem auch Holczers Ehefrau Renate erstmals vor der 16. Großen Strafkammer in Stuttgart erschien, wird die Luft für den angeklagten Radprofi wieder dünner.

Die frühere Geschäftsführerin des ProTour-Teams wies die Spekulationen um den vermeintlichen „Doping-Beweis“, jenen ominösen Medikamentenkoffer, den Schumachers Verteidigung am vergangenen Prozesstag ins Rennen geschickt hatte, entschieden zurück. Verbotene Substanzen seien in der 2007 nachträglich zur Tour de France gebrachten Box sicher nicht gewesen, sagte Frau Holczer: „Ich hatte keine Angst, dass da was drin ist, was da nicht reingehört.“

Am 15. Verhandlungstag hatte Markus R., Sohn des früheren Gerolsteiner Logistik-Leiters Peter R., berichtet, einen versiegelten Medizinerkoffer auf Anweisung von Holczers Ehefrau zur laufenden Rundfahrt nach Frankreich gebracht zu haben. Zudem hätten Vorgänge im Mannschaftshotel das Misstrauen des heute 43-Jährigen geweckt.

Eben solche Vorgänge, das bekräftigte der eloquente Holczer erneut sehr ausschweifend, habe „es im Team Gerolsteiner nicht gegeben. Da war unser Team anders“, sagte Holczer während seiner inzwischen vierten Befragung und klopfte bei jedem einzelnen Wort energisch auf den Zeugentisch: „Ich habe niemals in meinem Leben einen Cent oder Pfennig für Dopingmittel ausgegeben.“

Höhepunkt des Aufeinandertreffens von Schumacher und Holczer am Mittwoch war der als Frage getarnte Vorwurf von Schumachers Verteidigung, Holczer habe dem Angeklagten am ersten Verhandlungstag „Du Drecksau“ zugeraunt - Holczer drehte sich entsetzt auf seinem Stuhl herum und entgegnete überdeutlich: „Nein! ` Er sei erstaunt, `dass ich mir hier vor Gericht von einem Stefan Schumacher moralische Vorhalte zum Thema Doping machen lassen muss“, sagte Holczer. Schumacher meinte am Ende des Tages: „Ich kann nur sagen, dass ein Haufen Lügen erzählt wurden.“

Sämtliche Verwicklungen, die sich im Laufe des Marathon-Prozesses entwickelt hatten, verwies der 59-jährige Hoclzer ins Reich der Fabel. Beispielsweise sei „es für mich nicht vereinbar gewesen“, bei einer „Manipulationsverschleierung“ im Falle Schumacher mitzuwirken„, sagte er: `Das ist mit mir vollkommen undenkbar.“ Inwieweit das Gericht bis zum geplanten Prozessende am 29. Oktober zu einem Urteil kommt, ist völlig offen.

Holczers Ehefrau pflichtete ihrem Mann bei: „Wir haben es nicht geduldet“, sagte sie über mögliche Dopingpraktiken: „Wir haben getan, was wir dachten, tun zu können.“ In jener Box sei eine „vom französischen Gesundheitsministerium genehmigte“ Liste der Medikamente gewesen. Ein nachträglich zur Tour gebrachtes Fahrzeug sei zudem damals „üblich“ gewesen, sagte Renate Holczer. Aufgrund des Tour-Starts in London habe man nicht zu viel „Ballast“ mit auf die Insel nehmen wollen.

An den zurückliegenden Verhandlungstagen hatten auch die früheren Teamärzte Ernst J., Achim S. und Mark S. allesamt erklärt, die Profis nie mit Dopingmitteln versorgt zu haben. Holczer sagte aus, ihn habe „kein einziges Mal“ ein Mediziner „darauf hingewiesen, dass er von seiner Schweigepflicht Gebrauch machen müsse“. Zumindest vorstellbar sei es aber, dass die teilweise jungen Ärzte großem Druck seitens der Fahrer standhalten mussten. „Diese jungen Ärzte verfügen über ein Wissen, das missbräuchlich verwendet werden kann“, sagte er.

Diese Aussagen stehen im Gegensatz zu den Schilderungen Schumachers, die von seinem Ex-Teamkollegen David Kopp gestützt werden. Laut Schumacher hatten die Mediziner (gegen Mark S. und Ernst J. wird wegen Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz, wegen Körperverletzung und wegen Rezeptbetrugs ermittelt) eine Schlüsselrolle im vermeintlichen Doping-System innerhalb des einstigen ProTour-Teams inne.

Die Schlussfolgerung von Schumachers Verteidigung ist deshalb: Wenn die Ärzte von allem gewusst und das Doping sogar initiiert haben, kann der angeblich betrogene Holczer nicht außen vor gewesen sein. Dieser hat aber jede Mitwisserschaft bei den Praktiken des inzwischen geständigen Dopingsünders Schumachers zurückgewiesen.

sid

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