Toronto Raptors gewinnen Finalserie 4:2

O Canada: Die einzigartige Geschichte des ersten kanadischen NBA-Champions

+
Der Anführer und sein Rudel: Kawhi Leonard präsentiert den Kollegen den Pokal.

Ein Abend, grausam für die einen, einzigartig schön für die anderen: Während die Dynastie der Golden State Warriors mit einer Tragödie endet, feiern die Toronto Raptors ihre erste Meisterschaft in der NBA.

Oakland - Katastrophe und Triumph, Champagner und Tränen, Anfang und Ende einer Zeitrechnung lagen nie näher beisammen. Tatsächlich trennten sie vielleicht 25 Meter. Weiter ist der Weg von Kabine zu Kabine nicht in der Oracle Arena zu Oakland.

Wieder Verletzungs-Drama um einen Superstar 

Die Tragödie: Klay Thompson Momente nach seinem Kreuzbandriss.

Um 23 Uhr verschloss man die Umkleide der Golden State Warriors für immer. 47 Jahre hatten sie Oracle - seit 2015 das Zentrum des Basketball-Universums - ihr Zuhause genannt. Im Sommer zieht das Spitzenteam von Oakland nach San Francisco - auf die schöne Seite der Bucht. Wie super diese Super-Mannschaft dann noch aussieht, weiß keiner. Der Abschied endete in einem Desaster unbeschreiblichen Ausmaßes, der dem Zerfall einer Dynastie gleicht. Die Warriors verloren neben dem sechsten Spiel der NBA-Finals (110:114) ihren nächsten Superstar. Drei Tage nach dem Achillessehnen-Riss von Kevin Durant barst Klay Thompsons Kreuzband nach einem Foul. Zunächst verließ er die Arena. Die Fans riefen „Klay, Klay, Klay“. Ein paar Augenblicke später schleppte er sich zurück aufs Feld. Ein letztes Mal erbebte Oracle und packte alle Hoffnung wie Zuversicht in seine Schreie der Erleichterung. Doch auch wenn der Lärmpegel 100 Dezibel (ein Musik-Club von innen) locker überschritt, trat Thompson von der größten Bühne wieder ab. „Ich bin bereit“, soll er zu Trainer Steve Kerr gesagt haben. Doch der untersagte ihm natürlich, mit einem Kreuzbandriss weiterzuspielen, nach den Erfahrungen, die das Team mit Kevin Durant gemacht hat.

Beide - Thompson und Durant - hoffen auf neue Verträge im Sommer. Angebote wird es trotz ihrer Verletzungen genug geben. Die Warriors möchten die Zwei gerne halten, auch wenn sie wohl die nächste Saison verpassen werden und das ehemals unschlagbare Team fürs Erste ins Mittelmaß reißen. „Das ist einfach nur brutal“, sagt Trainer Kerr. Die vielen Verletzungen haben ihm eine vierte Meisterschaft gekostet und eine Liga, in der sich die Fans über Langeweile beschwerten, wieder spannend gemacht.

Champagner, Feuerwerk und gekaperte Ampeln - Torontos Meister-Party

Wann die Toronto Raptors die heilige Halle verließen, ist weniger exakt überliefert. Es muss lange nach Mitternacht gewesen sein. Die Feier umfasste mehrere Stationen. Angefangen auf dem Siegerpodest am Spielfeld, auf dem Liga-Boss Adam Silver den Pokal überreichte und Kawhi Leonard, den Star der Kanadier, als wertvollsten Spieler auszeichnete. Danach übergoss man die Helden mit Champagner in der Umkleide, ehe sie sich zum Erinnerungsfoto aufmachten. Das Studio hatte die NBA provisorisch in der Umkleide der Footballer, der Oakland Raiders, errichtet.

Die größte Meisterfeier brannten sie jedoch in der Heimat ab. Hunderttausende fluteten die Straßen und taten Dinge, die man sich nur an einem historischen Tag traut. Sie sprangen auf Autos, schaukelten auf den Ampelseilen, zündeten Feuerwerkskörper, versprühten Sekt, kletterten auf Kräne. Als erstes kanadisches Team gewann Toronto die Meisterschaft in der NBA. Im Internet verbreitete sich rasend schnell das schwarz-weiß Foto eines grinsenden James Naismith, Erfinder des Basketballs und Kanadier. Anklang fand auch der Vorschlag, die NBA umzubennen - in Internationale Basketball Association. Die Toronto Raptors sind nicht die erste Mannschaft, die mit Basketballern aus der ganzen Welt einen Titel gewinnt. Doch ihr Mix ist zum Markenzeichen geworden. Die Center Marc Gasol und Serge Ibaka kommen aus Spanien, Newcomer Pascal Siakam hat Masaj Ujiri in einem Camp im Senegal aufgestöbert. Der Manager selbst ist Nigerianer - und Baumeister des Titels.

Hinter dem Titel steckt ein jahrelang ausgetüftelter Plan

Die Pläne entwickelte er über Jahre, ständig veränderte und verfeinerte er sie. Übernommen hat Ujiri die Raptors in einer Zeit, in denen Siege die Ausnahme waren. Doch der Manager hat sich schon zuvor in Denver einen Ruf als findiger Tüftler erarbeitet, der gerne Spieler und Picks in der jährlichen Talentziehung veräußert. Zug um Zug konstruierte Ujiri ein konkurrenzfähiges Team. Sagen wir aus der gehobenen Mittelklasse. In den Playoffs schied Toronto regelmäßig aus. Es fehlte ein Superstar, der für Erfolg in der NBA unabdingbar ist. Eine extrem seltene Wahre in der besten Liga der Welt. Der Nigerianer fand ihn beim Vorzeigeclub in San Antonio, der sich mit Kawhi Leonard zerstritten hatte und eine neue Destination für den Edelverteidiger suchte. Ujiri opferte Fan-Liebling Demar Derozan (plus ein paar weitere Gaben) im Tausch für Leonard. Zu Transferschluss im Februar handelte er noch geschickt Marc Gasol heraus. Im Gegenzug schickte er weitere Bestandteile der erfolgreichen Vorjahresteams nach Memphis. Nebenbei entledigten sich die Kanadier somit allen Flüchen und Hexereien, die den Club jahrelang in den Playoffs heimgesucht hatten. Aus mysteriösen Gründen verloren die Raptors ständig ihr erstes Heimspiel und erreichten nie die Form der Vorrunde. Mit Leonards Ankunft wichen die Geister der Vergangenheit.

Entscheidet das Spiel: Fred van Fleet (l.) 

Ujiris riskanteste Aktion betraf jedoch die Trainerstelle. Dwayne Casey, immerhin Coach des Jahres 2018, wurde durch Neuling Nick Nurse ersetzt. Der hatte davor in England, der NBA-Entwicklungsliga sowie als Caseys Assistent gearbeitet. An dieser Stelle sollte man erwähnen, dass nicht jeder Zug des Managers aufging, doch die Trainerrochade wirkte. Nurse installierte seinen Superstar als Fixstern, ohne das Teamspiel zu vernachlässigen. Toronto fand die optimale Balance. Ujiris Bauanleitung unterscheidet sich grundlegend vom bisherigen Erfolgskonzept. Bislang versuchten Teams, Stars zu horten. Nur wer zwei oder drei Ausnahmekönner aufbot, durfte vom Titel träumen. Toronto hingegen entschied sich für einen breiten Kader mit viel Länge und Stärken in der Verteidigung. Beinahe in jeder Partie spielte ein anderer Raptor die zweite oder dritte Geige in Nurse’ Violinenkonzert.

Selbst vor dem Meister liegen Wochen der Ungewissheit

Spiel sechs prägten die beiden Aufbauspieler Kyle Lowry (26 Punkte) und Fred van Fleet (22). Den einen hat man oft als überbezahlt abgekanzelt, für den anderen fand sich bei der Talentziehung 2016 nicht ein Interessent, ehe Toronto den Vertragslosen verpflichtete. Mit drei Dreiern im Schlussviertel sicherte van Fleet den Sieg und stach sogar Stephen Curry, Kopf der Warriors, aus. Trotzdem, und darüber redete verständlicherweise am Meisterabend niemand, weiß kein Mensch, was aus der Meistermannschaft wird. Kawhi Leonards Kontrakt läuft aus. Nach dem zweiten Titel - 2014 hatte er mit San Antonio gewonnen - gilt er als aktuell bester Basketballer des Planeten. Ein kleiner Vergleich: Mehr Punkte in einem Playoff-Lauf haben nur Michael Jordan (1992) und LeBron James (2018) erzielt. Leonards  Zukunft entscheidet über das Schicksal Torontos - und der NBA.

Nach dem Ende der NBA-Saison 2018/2019 sorgte ein Basketball-Profi für eine große Überraschung: Darren Collison von den Indiana Pacers verkündete sein Karriereende - mit 31 Jahren. Dabei hätte er im Sommer wohl einen Mega-Vertrag unterschrieben können.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare