"In Deutschland bricht ein Fall Vettel aus"

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Sebastian Vettel bekommt Gegenwind

Köln - Bislang ging es für ihn immer nur bergauf, jetzt bläst Weltmeister Sebastian Vettel erstmals ein kalter Wind ins Gesicht. Aber Vettel bekommt auch prominente Rückendeckung.

Dieses Mal hat er den falschen Finger gezeigt. „In Deutschland bricht ein Fall Vettel aus“, stellte die Gazzetta dello Sport am Mittwoch fest und spekulierte über „Spannungen“ im Red-Bull-Lager. „Er hat gegen den Verhaltenskodex verstoßen“, sagt der frühere Formel-1-Fahrer und heutige Sky-Experte Marc Surer. „Sebastian muss damit klarkommen, dass es jahrelang für ihn nur nach oben ging und jetzt auf einmal nicht mehr“, stellte Altmeister Hans-Joachim Stuck fest.

Weltmeister Vettel, der die Formel 1 zwei Jahre lang fast nach Belieben beherrscht hat, lernt in der Anfangsphase der Saison 2012 eine andere Seite seines Berufes kennen. Nach zwei Rennen liegt Vettel nur auf Platz sechs der Fahrerwertung, er hat 18 Punkte und damit 17 weniger als Spitzenreiter Fernando Alonso im Ferrari. Zudem sorgte er mit seinen Reaktionen nach dem Zusammenstoß mit Narain Karthikeyan in Malaysia für einigen Wirbel. Vettel nannte den Inder eine „Gurke“ und zeigte ihm sehr deutlich den Stinkefinger.

Mercedes-Sportchef Norbert Haug bricht allerdings eine Lanze für den jungen Champion. „Auch als Doppelweltmeister ist Sebastian Vettel ein großartiger Mensch und ein ursprünglicher Racer geblieben“, sagte Haug dem SID: „Man sollte die Kirche im Dorf lassen, wenn man jetzt urteilt.“ Auch Fahrerkollege Adrian Sutil, als Nachfolger des glücklosen Felipe Massa bei Ferrari im Gespräch, steht Vettel bei. „Ich kann ihn verstehen“, sagte Sutil im Gespräch mit der Tageszeitung Die Welt: „Ich habe mich auch oft über die Überrundeten geärgert.“

Die Szene mit dem erhobenen rechten Mittelfinger Vettels war von der Onboard-Kamera aufgezeichnet worden. Ein entsprechendes Foto wurde vom britischen Sender BBC verbreitet und rief prompt den Automobil-Weltverband FIA auf den Plan, der sich mit der Angelegenheit beschäftigen wird. Surer glaubt allerdings nicht an drastische Folgen für Vettel: „Ich denke, dass die Leute in Paris bei der FIA Verständnis haben für jemanden, der einfach sauer ist. Und deswegen wird es wahrscheinlich keine schlimme Strafe geben.“

In einer ersten Stellungnahme auf seiner Homepage gestand Vettel ein, dass der elfte Platz von Malaysia „nicht nur für mich, sondern auch für das ganze Team frustrierend“ gewesen sei: „Trotzdem müssen wir uns in nächster Zeit vermehrt auf uns selbst konzentrieren und dafür sorgen, dass uns alles, was außen herum passiert, nicht ablenkt. Nur so können wir gut arbeiten und im nächsten Rennen wieder Punkte gutmachen.“

Das findet am 15. April in China statt, und bis dahin muss sich der Heppenheimer auch noch vor seinem eigenen Team verantworten. Die Aussprache mit Teamchef Christian Horner soll bei den Simulator-Tests am Wochenende im Werk in Milton Keynes stattfinden. Vettel hatte sich trotz aussichtsloser Position kurz vor dem Ende des Rennens in Malaysia geweigert, wie von Renningenieur Guillaume Rocquelin mehrmals gefordert („Box, box, box, stop the car“), aufzugeben. Im Falle eines Ausscheidens hätte Red Bull beim nächsten Rennen in China straffrei das Getriebe wechseln dürfen, was sonst mit einer Rückversetzung um fünf Startplätze geahndet wird.

Vettel hatte seine Weigerung anschließend wie folgt erklärt: „Man wollte wohl das Auto sparen, aber ich wollte die Zielflagge sehen. Ich hätte reinkommen sollen, aber ich habe gedacht, es gehört sich, zu Ende zu fahren, auch wenn das Auto den Geist aufgibt.“ Auch in diesem Fall bekommt er Unterstützung von Norbert Haug. Er könne zwar, so Haug, zu dem speziellen Fall nichts sagen, da er die teaminternen Vereinbarungen nicht kenne, aber „einen Rennfahrer, der fährt, solange sein Auto fahren kann, verstehe ich allemal“.

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Marc Surer schlug sich bei der Bewertung der Szene ebenfalls auf Vettels Seite: „Es war die richtige Entscheidung von Vettel. Das Team muss bei solchen Kommandos auch aufpassen. Man darf nur bei einem technischen Defekt das Auto an die Box holen.“ Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko erklärte die Aufforderung der Teamleitung im Gespräch mit der Bild-Zeitung allerdings mit technischen Problemen: „Nach dem Crash ist die Temperatur der Bremsscheiben weit über das erlaubte Maß gestiegen. Wir haben ihn reingerufen, weil das Auto nicht mehr sicher war. Das war keine taktische Entscheidung.“

Schon im vergangenen Oktober hatte sich Vettel den Vorgaben seines Teams widersetzt und sich damit Ärger eingehandelt. Trotz klarer Führung war er in der letzten Runde ein Risiko eingegangen und die schnellste Rennrunde gefahren. „Er weiß, dass wir das nicht mögen“, hatte Horner damals gesagt: „Wir haben unser Bestes getan, um ihn einzubremsen, aber wir konnten nichts machen. Wir hätten ihm eine Kuh in den Weg stellen sollen.“ Vettel habe sich entschuldigt, erklärte Horner kurz darauf und konstatierte gnädig, der Weltmeister sei eben „ein Vollblutrennfahrer“.

sid

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