Ralf Fährmann im Interview

Keine Angst vor Konkurrenz: "Alles in meiner Hand"

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Ralf Fährmann (25) hat sich als sicherer und selbstbewusster Schalker Rückhalt etabliert.

DOHA - Ralf Fährmann ist mit seinen 1,94 Meter Körpergröße bereits ein echter Hüne. Doch seit dem 30. November scheint er Woche um Woche weiter gewachsen zu sein. Nachdem der 25-Jährige beim 3:0-Sieg über den VfB Stuttgart Timo Hildebrand im Schalker Tor ablöste, steigerte er sich von Partie zu Partie.

Fährmann etablierte sich als sicherer und selbstbewusster Rückhalt und dürfte auch beim Rückrunden-Auftakt beim Hamburger SV am 26. Januar die Nummer eins im Tor der Königsblauen sein. Unser Redakteur Jens Greinke sprach mit dem hoch veranlagten Schlussmann, dessen Karriere nicht immer linear verlief, im Trainingslager in Doha. Hier das Interview:

Herr Fährmann, wenn Sie über Schalke sprechen, dann klingt das so, als seien Sie in Gelsenkirchen geboren.

Fährmann (lacht): Leider nicht ganz. Geboren bin ich ja in Chemnitz. Aber erwachsen geworden bin ich in Gelsenkirchen, als ich mit 14 Jahre dorthin kam. Ich war damals von der Mama weg, vom Papa weg, vom Bruder weg. Im Schalke-Internat habe ich die wahrscheinlich prägendste Zeit des Lebens verbracht, von 14 bis 20. Deswegen sehe ich das Ruhrgebiet auch als meine Heimat, mein Zuhause an. Ich habe in den Jahren die Mentalität im Pott mitbekommen. Es ist zwar eine ökonomisch eher schwache Region, aber man sieht schnell, dass jeder Fan bereit ist, sein letztes Hemd für Schalke zu geben. Das macht diesen Verein einfach einzigartig. In fußballerischer Hinsicht ist Schalke meine große Liebe.

Ist diese Liebe national begrenzt oder gilt sie weltweit?

Fährmann: Ich muss gestehen: Wenn ich an der Playstation sitze, spiele ich mit dem FC Chelsea. Aber im wahren Leben ist Schalke mein Favorit.

Es ist gerade Ihr zweiter Anlauf, die Nummer eins im Tor des FC Schalke 04 zu werden. Was hat beim ersten mal nicht geklappt?

Fährmann: Als ich nach meinem zweijährigen Gastspiel bei Eintracht Frankfurt 2011 nach Schalke zurückkam, hat ja alles geklappt bis zur Verletzung (Anm. der Redaktion: Kreuzbandriss im Herbst 2011). Danach hatte ich eine lange Leidenszeit. Wer als Torwart ein halbes Jahr fehlt, kann nicht sofort wieder 100 Prozent Leistung bringen. Und wenn du als Keeper erst einmal länger raus bist, fällt eine Rückkehr oft sehr schwer. Das ist ein wenig die Crux an dieser Position. Ich habe damals auch kurz an einen Wechsel gedacht. Aber ich wusste, bei Schalke zu spielen ist dein Traum, dafür hast du deine Kindheit aufgegeben. Ich habe weiter auf meine Chance gewartet – und sie in der zurück liegenden Hinrunde ergriffen und auch genutzt.

Wie gefestigt sehen Sie ihre Position als Nummer eins?

Fährmann: Ich kann mir persönlich nichts vorwerfen. Ich habe in allen Trainingseinheiten alles gegeben. In den Spielen konnte man auch von der Tribüne aus sehen, dass ich von Spiel zu Spiel gewachsen bin. Von daher wüsste ich nicht, warum der Trainer mich rausnehmen sollte. Aber natürlich werde ich meine Leistung tagtäglich bestätigen müssen.

Sie zeigen in Ihrem Reich, dem Sechzehner, mittlerweile eine enorme Präsenz. Ihre Spielweise erinnert manchmal an die von Manuel Neuer. Stimmt das?

Fährmann: Wir haben bei Lothar Matuschak, dem wir viel zu verdanken haben, zwar dieselbe Ausbildung genossen, aber trotzdem wäre das, als vergleiche man Äpfel mit Birnen. Wir sind von der Körpersprache her unterschiedlich - ich bin ein bisschen größer (lacht). Nein, im Ernst: Der Manu ist brutal stark am Fuß. Er ist der beste Torhüter der Welt, deshalb möchte ich mich nicht mit ihm vergleichen, sondern meine eigene Karriere machen.

Was macht Sie optimistisch, dass die Mannschaft in der Rückrunde ihre gesteckten Ziele erreichen wird?

Ralf Fährmann weiß: "N atürlich werde ich meine Leistung tagtäglich bestätigen müssen."

Fährmann: Dass wir zum Ende der Hinrunde gezeigt haben, dass wir zu Null spielen können. Wir sind stabiler und kompakter. Und: Wir konnten die Verletzungen kompensieren. Denn es waren ja nicht irgendwelche Spieler, die ausgefallen sind, sondern Eckpfeiler der Mannschaft: Huntelaar, Höger, Aogo oder zuletzt Höwedes. Das ist schon brutal. Wenn die Verletzten bald zurückkommen, stimmt mich das sehr positiv. Zudem ist es für uns ganz gut, dass wir jetzt erst einmal ein bisschen Ruhe in der Trainerfrage haben. Wenn darüber täglich berichtet wird, ist das nicht förderlich für die Mannschaft.

Einige Spieler stehen zwar vor der Rückkehr ins Team, dafür gab es neue Verletzte, wie zuletzt Neuzugang Jan Kirchhoff.

Fährmann: Ja, klar. Das sind natürlich immer wieder neue Nackenschläge, nein, sogar Nackenhiebe. Aber als Fußballer muss man versuchen, aus jedem Rückschlag gestärkt hervor zu gehen. Und wenn alle wieder zurück im Team sind, werden wir stärker sein als zuvor.

Erstmals ist eine Sportpsychologin mit im Trainingslager. Wie stehen Sie dazu?

Fährmann: Ich habe selbst schon mit einem Mentaltrainer zusammengearbeitet. Mir hat das schon einiges gebracht. Viele habe ja so ein Vorurteil, wenn sie den Begriff Psychologen hören. Dann fällt automatisch wieder der Name Robert Enke. Aber das eine hat mit dem anderen ja nichts zu tun. Ein Sportpsychologe versucht einem beizubringen, wie man sein Unterbewusstsein steuert oder sich nach Fehlern sofort wieder neu konzentriert. Das ist heute enorm wichtig. Fußball ist ein Fehler-Sport. Wenn keiner einen Fehler machen würde, würden die Spiele 0:0 ausgehen. So ist es fast schon die Pflicht von Schalke, mit einem Sportpsychologen zusammen zu arbeiten. Wir trainieren unseren Körper, warum sollen wir nicht auch unseren Kopf trainieren?

Letzte Frage: Der Transfer von Torwart Fabian Giefer von Fortuna Düsseldorf nach Schalke scheint perfekt zu sein. Ist das für Sie eher Ansporn oder eher etwas irritierend?

Fährmann: Nichts von beiden. Ich hatte während meiner gesamten Karriere immer mit Konkurrenz zu tun. Ich versuche, mich auf mich zu konzentrieren. Timo Hildebrands Vertrag läuft aus, was mit Lars Unnerstall ist, weiß ich nicht. Aber Schalke muss ja ein Torwartteam in der kommenden Saison haben. Und wenn es dann Fabian Giefer ist, mit dem ich messen muss, dann ist es eben Fabian Giefer. Alles liegt in meiner Hand.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: wa.de

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