S04-Kapitän Benedikt Höwedes im Interview

"Lechze nach neuen Reizen" - aber nicht in der Bundesliga

Sportredakteur Jens Greinke im Vier-Augen-Gespräch in Doha mit Benedikt Höwedes.

DOHA - Der Gewinn des Weltmeister-Titels ist nun ein halbes Jahr her, und die durchwachsene Hinrunde und das  Verletzungspech des FC Schalke 04 haben es dem Mannschaftskapitän nicht unbedingt leicht gemacht, in den Profi-Alltag zurückzukehren. Jens Greinke unterhielt sich in Doha mit Benedikt Höwedes (26) über seinen neuen Status als Weltmeister und seine Ziele mit den Königsblauen.

Wenn Sie die Wahl hätten zwischen dem Gewinn des WM-Titels oder den Triumph bei einer so herausragenden Individual-Wahl wie zum „Weltfußballer des Jahres“ - welchen Titel würden Sie wählen?

Nachrichten aus Doha:

- Dennis Aogo reist aus Trainingslager ab

- Nastasic-Transfer zum S04 perfekt

- Verletzter Fährmann wird Schalkern wochenlang fehlen

- Fuchs bleibt cool 

- Königsblaues Schwitzen bei Temperaturen um 30 Grad

- Schalker Trainingauftakt bei sommerlichen Werten

- Schalker Start ins Trainingslager mit Hindernissen

Höwedes: Da brauche ich gar nicht lange zu überlegen. Es geht nichts über einen Mannschaftserfolg, den man mit anderen teilen kann. Das sind Momente, die einen über Jahre miteinander verbinden und die einem keiner mehr nehmen kann.

Gibt es da ein, zwei prägnante Beispiele? Momente, die wirklich einzigartig waren bei der WM?

Höwedes: Es gibt einfach unzählige Momente. Wie wir im Camp zusammen waren; die Augenblicke abends beim Kartenspielen; die Überfahrten mit dem Boot zum Hotel waren immer grandios – unbeschreiblich toll war natürlich der Moment, in dem Mario Götze im Endspiel das Tor macht...

Unvergesslich vielleicht auch der Moment, in dem Sie im Finale gegen Argentinien kurz vor der Pause per Kopf nur den Pfosten trafen?

Benedikt Höwedes köpft im WM-Finale in der Nachspielzeit von Halbzeit eins an den rechten Pfosten.

Höwedes: Natürlich denkt man da hin und wieder mal drüber nach. Das es auch mein Tor hätte sein können, das zum Titel führt. Aber wie gesagt: Der Teamgedanke war in diesem Moment viel wichtiger. Deshalb ist es mir im Nachhinein egal, ob ich das Tor gemacht habe oder ein anderer.

Sie scheinen nach der WM in Ihrer Entwicklung einen enormen Sprung gemacht zu haben. Oder täuscht der Eindruck?

Höwedes: Natürlich reift man als Persönlichkeit. Man kann bei so einem Turnier extrem viel Erfahrung mitnehmen und sich mit den besten Spielern messen. Das bringt einen selber enorm nach vorne. Und natürlich sind das außergewöhnliche Momente, wenn man vor ausverkauften Haus gegen Gastgeber Brasilien spielt, das ganze gegen Stadion gegen dich schreit und du dennoch mit 7:1 gewinnst. Da entwickelt man sich einfach.

Hatte das auch Auswirkungen auf Ihre Meinungsfreudigkeit?

Höwedes: Jein. Ich glaube, dass ich auch vorher meinungsfreudig war. Ich habe nach der WM hier im Verein ein paar Aussagen getätigt, die mir ein Bedürfnis waren. Zum Beispiel meine Meinung zu unserer jungen Generation auf Schalke. Ich hatte den Eindruck, dass es manche als zu selbstverständlich empfinden, auf einmal oben mit dabei sind und sich nicht verantwortlich genug fühlen, auch kleinere Aufgaben zu übernehmen. Ich finde, man muss gerade als junger Spieler den unbedingten Willen haben, sich beweisen zu wollen. Das fehlte mir ein bisschen. Da wurde von dem ein oder anderen zu wenig investiert, um sich im Profigeschäft zu etablieren.

Haben Ihre Worte gefruchtet?

Benedikt Höwedes ist auch unter Roberto Di Matteo der S04-Kapitän.

Höwedes: Ich denke, dass ist bei einigen durchaus angekommen. Sie sehen sich jetzt selbstkritischer.

Wie sieht Ihre Halbzeit-Bilanz in der laufenden Bundesliga-Saison aus?

Höwedes: Der schleppende Auftakt, das frühe Pokal-Aus und der Trainerwechsel waren sicherlich die prägnanten Momente in der Hinrunde. Jetzt, unter dem neuen Trainer Roberto Di Matteo, haben wir uns unter anderem taktisch weiter entwickelt. Wir haben umgestellt auf das 3-5-2-System, was der Mannschaft gut getan hat und was aufgrund der vielen Ausfälle eine goldrichtige Entscheidung war. Wir haben zum Ende hin die Kurve gekriegt und den Anschluss nach oben gefunden. Das war wichtig.

Ist dieses neue System nun in Stein gemeißelt für die Rückrunde?

Höwedes: Ich finde es wichtig, dass wir in dieser Beziehung flexibel bleiben. Aber aktuell ist es aufgrund der personellen Situation einfach die beste Variante.

Im Vergleich zum Winter 2014 sieht man als Beobachter des Trainings viel mehr Schweiß. Richtig?

Höwedes: Ja, es wird gut gearbeitet. Das ist ja etwas, das ich im Verlauf der Hinrunde angesprochen habe. Ich wollte damit nicht gegen irgendjemanden nachtreten, aber es ist mir einfach selbst aufgefallen, dass wir in Sachen Belastung nicht gut genug vorbereitet waren. Da fehlte uns manchmal einfach die Luft. Ich denke, dass Roberto Di Matteo auch dieses Gefühl hatte. Wir arbeiten viel im Kraftbereich. Die Trainingseinheiten sind sehr gut strukturiert mit vielen zielführenden Übungen.

Also hat der neue Trainer zunächst den Mangel verwaltet und hat nun die Möglichkeit, im Training seine Vorstellungen und Spiel-Philosophie zu entwickeln.

Identifikationsfigur in Blau-Weiß: Benedikt Höwedes.

Höwedes: Wenn man mitten in der Saison einsteigt, kann man nicht alles von heute auf morgen verändern. Er musste mit den gegebenen Mitteln möglichst schnell Erfolge einfahren. Und das hat er gut hinbekommen. Jetzt hat er Zeit, gewisse Dinge voran zu treiben. Aber es geht eben noch nicht alles, weil unglaublich viel Personal fehlt. Doch man sollte Roberto Di Matteo die Zeit geben, weil er sehr gute Arbeit leistet.

Wie sind diese vielen Verletzten zu erklären?

Höwedes: Ehrlich gesagt kann ich es mir nicht erklären. Wir sind belastbar für die Einheiten, die wir hier absolvieren. Es ist alles gut dosiert und strukturiert, es gibt genügend Regeneration. Manchmal ist einfach viel Pech dabei. Aber da hilft kein Lamentieren, damit müssen wir klar kommen. Aber es drückt natürlich ein wenig auf die Stimmung hier im Trainingslager.

Kann denn die ambitionierte Zielsetzung, die erneute Qualifikation für die Champions League, unter diesen Voraussetzungen beibehalten werden?

Höwedes: Es wird keine einfache Rückrunde, aber wir werden an den Zielen festhalten. Wir haben trotz aller Widrigkeiten genügend Potenzial.

Noch einmal zurück zu Ihnen: Sie sind seit 2001 im Verein, kamen aus der Jugend zu den Profis, wurden mit 23 Jahren Kapitän, sind jetzt Weltmeister und die Identifikationsfigur auf Schalke. Was bedeutet Ihnen dieser Status?

Benedikt Höwedes (rechts) im Training neben Christian Fuchs.

Höwedes: Das ist für mich eine Riesenehre, dass ich mich hier eine so lange Zeit entwickeln durfte. Es erfüllt mich mit unheimlich viel Stolz. Das Kapitänsamt wurde mir sehr früh übertragen, da musste ich mich ehrlich gesagt erst einmal reinfinden, zumal ich selbst noch in der Entwicklungsphase war. Aber es macht mir unheimlich Spaß, diese Rolle auszufüllen. Mittlerweile mache ich das mit einer gewissen Gelassenheit und einer anderen Reputation.

Ihr Vertrag läuft noch bis 2017, dann sind Sie 29 Jahre alt. Welche Ambitionen werden Sie dann haben? Wollen Sie auf Schalke bleiben? Oder reizen anderen Ziele wie ein Engagement im Ausland zu sehr?

Irgendwann möchte Benedikt Höwedes ins Ausland - ein ligainterner Wechsel kommt nicht in Frage.

Höwedes: Das werde ich mit ziemlicher Sicherheit noch tun. Ich bin dem Verein für alles dankbar, ich spiele unheimlich gerne für Schalke. Ich suche aber auch sicher irgendwann eine neue Aufgabe. Für mich ist es wichtig, eine neue Kultur und neue Sprache kennen zu lernen. Ich lasse das aber vollkommen offen. Sowohl den Zeitpunkt als auch das Land. Allerdings soll das schon auf einem gewissen Niveau stattfinden. Innerhalb von Deutschland werde ich allerdings nicht wechseln. Ich will in dieser Beziehung lieber von Anfang an mit offenen Karten spielen, als dass ich Schalke ewige Treue verspreche, die ich nachher nicht halten kann. Wie gesagt: Ich bin dankbar für alles. Aber ich lechze auch nach neuen Reizen.

Quelle: wa.de

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