Vereinsboss bezieht ausführlich Stellung

Tönnies im Interview: "Schalke war Sanierungsfall"

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Clemens Tönnies

GELSENKIRCHEN - Clemens Tönnies steht vor einer problematischen Wiederwahl als Aufsichtsratsvorsitzender von Schalke 04. Im Interview nimmt der Boss des Fußball-Bundesligisten ausführlich Stellung.

Trotz des Streits mit den Fans über die Zusammenarbeit mit der Ticketbörse Viagogo geht der 57-Jährige von einer "vernünftigen" Jahreshauptversammlung und seiner Wiederwahl aus, auch weil er für sich reklamiert, den "Sanierungsfall" Schalke wieder flottgemacht zu haben. Im Interview erklärt Tönnies außerdem die neue Denkweise im Umgang mit den Stars - und die "Zeiten des Trainerhoppings" für beendet:

Herr Tönnies, am Samstag stellen Sie sich auf der Jahreshauptversammlung von Schalke 04 als Aufsichtsratsvorsitzender zur Wiederwahl. Ist Ihnen mulmig?

Clemens Tönnies: "Im Gegenteil: Ich freue mich darauf und gehe von einer vernünftigen Veranstaltung aus, bei der jeder das loswerden kann, was ihm auf der Seele liegt."

Vielen Fans liegt das Thema der Ticketbörse Viagogo auf der Seele, mit der Schalke ab dem 1. Juli zusammenarbeiten wird. Es gibt vehementen Protest - verstehen Sie die Bedenken der Fans?

Tönnies: "Ganz ehrlich: nein. Wir haben diesen Deal im Aufsichtsrat sehr ausführlich diskutiert und einstimmig diese Entscheidung getroffen. Nun haben einige Fans Angst, dass wir unsere Seele verkauft haben. Das ist nicht der Fall. Ich sehe das eher so, dass man ein Stück weit den Schwarzmarkt los wird."

Bekommt Schalke zunehmend das Problem, den Spagat zwischen einem Malocherklub und einem modernen Wirtschaftsunternehmen meistern zu müssen?

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Tönnies: "Den Spagat gibt es nicht. Zu einem erfolgreichen Unternehmen gehören immer auch Malocher. Natürlich haben wir auf Schalke viel Tradition, und dem werden wir auch gerecht. Vielleicht wirft man mir vor, dass ich Schalke zu Professionalität und Kommerzialisierung getrieben habe. Wenn wir oben dabei sein wollen, muss es aber so sein. Wir haben keine andere Wahl."

Können Sie sich am Samstag eine Situation vorstellen, an deren Ende steht, dass Sie keine Lust mehr haben auf den Job?

Tönnies: "Nein. Mal abgesehen davon, dass ich auch einstecken kann: Meine Liebe zu Schalke ist sehr groß und geht sehr weit. Ich vertrete eine klare Position, verlange aber nicht, dass jeder meiner Meinung ist. Ich gehe mit dem Ehrgeiz in die Wahl, ein hohes Maß an Zustimmung zu bekommen, um auch die Kraft zu haben, die Dinge weiter nach vorne zu bringen."

Wie weit haben Sie Schalke denn schon nach vorne gebracht?

Tönnies: "Schalke war zuletzt vor vier Jahren ein Sanierungsfall. Alles, was wir seitdem erreicht haben, trägt auch meine Handschrift. Ich habe keine Angst, nicht wiedergewählt zu werden. Aber wenn die Mehrheit mich nicht wollen würde, würde ich mich für die schönste Zeit meines Lebens bedanken und nach Hause gehen."

Sie sind seit 1994 im Aufsichtsrat und seit 2001 Vorsitzender. Schalkes Verbindlichkeiten sind in den letzten Jahren von 252 Millionen auf 173 Millionen gesunken. Wie eng war es denn?

Tönnies: "Bei der Kirch-Pleite 2002 waren wir wirtschaftlich schwer angeknockt. Da sind wir rausgekommen. Vor vier Jahren hat es dann noch mal richtig geknallt. Da lief es sportlich nicht, und finanziell ging es uns sehr schlecht. Da habe ich gesagt: Wir werden die Strukturen professionalisieren. Das ist uns gelungen. Wir standen noch nie so gut da wie heute."

Die sportliche Bilanz Ihrer zwölf Jahre als Aufsichtsratschef kann sich durchaus sehen lassen: Nur einmal wurde der Europapokal verpasst, fünfmal die Champions League erreicht, dazu kommen zwei DFB-Pokal-Siege und drei Vize-Meisterschaften. Warum brauchte man dafür 13 Trainer?

Tönnies: "Der FC Schalke 04 ist halt etwas ganz Besonderes. Aber völlig klar: 13 Trainer in zwölf Jahren sind zu viel. Dass wir streckenweise vier Trainer gleichzeitig bezahlt haben, ist ein Unding. Aber ich denke, die Zeiten des Trainerhoppings müssen vorbei sein. Mit Jens Keller wollen wir nach vorne schauen."

Was passiert mit ihm, wenn Schalke in der Champions-League-Qualifikation scheitert?

Tönnies: "Was alle Schalker eint, ist eine gewisse Ungeduld. Da müssen wir alle dazulernen. Ein erfolgreicher Schalker Trainer muss ein guter Fußballlehrer sein, fleißig und diszipliniert. Und er muss eine hohe Sozialkompetenz besitzen. Wir bräuchten keine Trainer, die Schalke als Bühne benutzen wollen. Wir brauchen jemanden, der die Mannschaft weiterbringt. Jens leistet das alles, deshalb glauben wir an ihn."

Auch, wenn die Mannschaft die Champions League verpasst?

Tönnies: "Wir setzen voll auf ihn und werden ihm immer den Rücken stärken."

Muss er in der Öffentlichkeit noch präsenter werden?

Tönnies: "Wenn er so bleibt, wie er ist, und sportlichen Erfolg hat, dann packe ich ihn auf einen Schild und trage ihn durch die Arena."

Ärgert es Sie eigentlich, dass es mit Jupp Heynckes auf der Schalker Trainerbank 2003/04 nicht geklappt hat?

Tönnies: "Ja! Ich ärgere mich vor allem über seinen Abgang. Das war eine Schlüsselszene. Jupp Heynckes ist ein großartiger Mensch und ein großartiger Trainer, den ich gerne länger bei uns gesehen hätte."

Was ist Ihnen wichtiger: attraktiver Fußball oder Titel?

Tönnies: "Titel erreichst du, wenn du stärker als die Hauptwettbewerber bist. Ich sage ganz ehrlich: Ich glaube, die Meisterschaft ist in den nächsten Jahren durch Bayern München blockiert."

Und Schalke?

Tönnies: "Mir ist wichtig, dass die Mannschaft Mentalität und Charakter hat. Wir richten uns gerade neu aus. Talent steht erst an zweiter Stelle. Wir wollen auf Schalke keinen Filigrantechniker mehr sehen, der keine Lust hat, dem Ball hinterherzulaufen, den er verloren hat. Und ich will auch nie wieder den Satz hören: 'Wir haben zwar verloren, aber schlecht gespielt haben wir nicht.' Wir wollen weniger Punkte liegen lassen und in guten Phasen auch den Mut haben, richtig durchzustarten. Dazu brauchen wir Typen."

Sie bauen verstärkt junge Spieler ein. Die wecken auch bei anderen Klubs Begehrlichkeiten. Wie groß ist die Gefahr, dass Julian Draxler lange vor seinem Vertragsende 2018 Schalke verlässt?

Tönnies: "Natürlich gibt es reichlich Interessenten, aber ich gehe nicht davon aus, dass er uns nach der nächsten Saison schon verlassen wird. Julian will von sich aus hier bleiben, er sieht Schalke nicht als Schaufenster, ganz im Gegenteil. Aber natürlich gibt es auch noch größere Vereine als Schalke, und wenn man es gut mit jemandem meint, muss man ihn auch ziehen lassen können."

Wenn Bayern schon als Meister feststeht - spielt Schalke dann um Platz zwei?

Tönnies: "Wir haben gesagt, dass wir keine Ziele mehr ausgeben, und dabei bleibt es. Wir wollen attraktiven Fußball spielen, und wenn uns das gelingt, bin ich zuversichtlich, dass wir wieder um einen Champions-League-Platz mitspielen können."

Die Bayern sind Ihrer Meinung nach enteilt, die Dortmunder auch?

Tönnies: "Die Dortmunder müssen beweisen, dass sie auch weiterhin kontinuierlich da oben bleiben können. Hans-Joachim Watzke und sein Team haben einen Riesenjob gemacht. Jetzt müssen sie zeigen, dass sie es auch künftig nachhaltig können."

Sie haben vor gut einem Jahr gesagt, dass Schalke irgendwann zwangsläufig deutscher Meister wird. Gilt das noch?

Tönnies: "Ja. Wir haben so viel erreicht, und ich will das auch auf der Jahreshauptversammlung vermitteln: Ich möchte, dass wir uns mehr auf das Wesentliche konzentrieren und uns nicht untereinander irgendwo an der Peripherie streiten. Das kostet uns alle nur unnötig Kraft." - sid

Quelle: wa.de

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