Interview mit Fußball-Experte

Marcel Reif vor Derby: "So viel Vernunft habe ich Schalke nicht zugetraut"

Sport1-Experte Marcel Reif spricht über das Derby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund.
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Sport1-Experte Marcel Reif spricht über das Derby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund.

Hamm - Vor dem 150. Pflichtspiel-Derby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund spricht TV-Experte Marcel Reif über die Bedeutung des Duells und bewertet die aktuelle Situation bei beiden Klubs.

Es ist immer noch eines der besonderen Duelle in der Bundesliga. Das Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund elektrisiert nicht nur die Fußball-Fans in Deutschland, sondern auch darüber hinaus. Als Kommentator hat Marcel Reif viele dieser Duelle begleitet. Vor dem Aufeinandertreffen am Samstag in der Gelsenkirchener Arena (15.30 Uhr/bei uns im Live-Ticker) erklärt der Sport1-Experte die Bedeutung dieser Partie und bewerten die aktuelle Situation bei den Königsblauen und dem BVB.

Herr Reif, die Mutter aller Derbys steht an, Sie haben als Kommentator einige begleitet. Haben Sie eines in besonderer Erinnerung?

Marcel Reif: Jedes Spiel hatte seine Besonderheit. Zum Beispiel das, als Schalke 2007 in Dortmund die Meisterschaft vergeigte. Es war eines der Duelle, das sich direkt in der Tabelle niederschlug. Aber generell habe ich mir abgewöhnt zu sagen, das eine Spiel sei besser als das andere. Jedes hat seine eigene Geschichte.

Warum hat dieses Duell so eine große Bedeutung über die Bundesliga hinaus?

Reif: Weil es ein echtes Derby ist. Zwischen den Stadien liegen nur gut 35 Kilometer, und du hast zwei Fan-Gruppen, die mit ihrem Verein anders verbunden sind als anderswo. Fußball ist für Dortmund und Schalke mehr als nur irgendein Spiel. Dadurch triffst du im Prinzip auf Gleichgestimmte. Da ist so viel Emotion, so viel Herzblut drin – und das ist alles echt. Das ist nicht aufgesetzt, kein Marketing, sondern das war so, das ist so – und das wird immer so bleiben.

Bei Schalke 04 läuft es in dieser Saison unter dem Strich durchwachsen. Warum fehlt den Königsblauen die Konstanz?

Reif: Die Schalker haben über ein ganzes Jahrzehnt lang immer wieder vieles neu ausprobiert. Aber jetzt haben sie gesagt: ‚Wir vertrauen mal einem neuen Trainer und einem neuen Manager, die mal von Grund auf etwas Neues machen können.‘ So viel Geduld habe ich auf Schalke noch nie erlebt. Weder von den handelnden Personen noch von den Fans. Das ist bewundernswert. So viel Vernunft habe ich Schalke nicht zugetraut. Aber das ist noch keine Garantie dafür, dass es richtig ist. Aber es wäre sicher falsch, zu diesem Zeitpunkt wieder zu zweifeln.

Sie haben es angesprochen: Selbst die sonst so unruhigen Fans sind weiterhin geduldig. Wie wichtig ist besonders diese Tatsache für Verein und Mannschaft?

Reif: Das ist die alte Krux. Das ist das Besondere an Schalke: Mehr Herzblut und Fan-Unterstützung bekommst du sonst nirgendwo. Aber zwischen Herz und Verstand einen Ausgleich zu schaffen und nicht nur ganz spontan der Emotion zu folgen, ist die große Kunst. Das hinzubekommen, haben auf Schalke viele versucht, aber nicht geschafft. In diesem Jahr habe ich den Eindruck, dass genau das passiert.

"Das hält kein Klub aus - Schalke schon mal gar nicht"

Wie bewerten Sie denn bislang die Arbeit von Trainer Markus Weinzierl und Manager Christian Heidel?

Reif: Dafür ist es zu früh. Eine Spielzeit müssen Sie mir geben, mehr Zeit gibt es im Fußball nicht. Es ist eine Umbruch-Saison: Da wird eine neue Fußball-Philosophie und eine neue Führungs-Art etabliert von zwei Leuten, die beide neu sind. Da kann keiner mit dem Finger auf den anderen zeigen. Dass das aktuell weit unter den Schalker Ansprüchen ist, ist ja gar keine Frage. Es lässt sich zwar erklären, aber nicht endlos fortsetzen.

Also müssen sie auch endlich liefern.

Reif: Profi-Fußball ist ja kein Geduld-Sport. Man kann sich einen Aufschub holen und sagen: ‚So viel Zeit brauchen wir, um die Dinge zu verändern.‘ Dann muss das Ergebnis stimmen. Das hält sonst kein Klub aus – und Schalke schon mal gar nicht.

Die Erfolge in der Liga und das Weiterkommen in der UEFA Europa League dürften den Knappen noch einmal Rückenwind gegeben haben. Worauf kommt es jetzt an, damit Schalke diesen Trend fortsetzen kann?

Reif: Das Derby kommt immer zur falschen Zeit. Es ist immer etwas Besonderes, es zählt wie ein Joker, also doppelt. Das ist ja das Schicke auf Schalke: Wenn du das Derby gewinnst, vergessen die Fans sogar die Tabelle. Über viele Jahre war es ja so, dass sie ihre eigene Meisterschaft ausspielten. Da habe ich mich immer gefragt, ob sie gar nicht merken, wo sie in der Tabelle stehen. Das ist ja absurd. Auch, als die Dortmunder unten standen. Die Welt drehte sich weiter, und sie drehten sich um sich selbst. Dennoch zählt ein Erfolg im Derby immer doppelt. Allerdings ist das Derby allein nicht das, an dem die Dinge gemessen werden. Es muss eine Stabilität rein sowie eine klare Spielidee. Der Kader bekommt langsam ein Gesicht, sie trennen sich von Älteren, die Jungen werden stabiler, und dann muss sich Schalke an den eigenen Ansprüchen messen lassen – und die sind unter einem Champions-League-Platz nicht zu verorten.

Kann dann ein Sieg im Derby trotzdem eine große Chance sein für Schalke – wegen der Fans, aber auch wegen der Tabelle, in der Platz sieben ja immer noch möglich ist?

Reif: Natürlich. Auf Dauer löst es nicht alle Probleme, aber du verschaffst dir doppelt Ruhe: Du hast einen Sieg im Derby und bekommst damit Zeit. Und dann sieht auch die Tabelle wieder gut aus. Von daher ist es für Schalke ein ganz, ganz wichtiges Spiel. Eine Niederlage tut dann natürlich doppelt weh, weil sie deutlich macht, dass die Schalker nicht dorthin kommen, wo sie hin wollen. Und die anderen sind genau dort. Das hat schon immer am meisten weh getan.

"Gegenwart ist dem BVB manchmal nicht lustig genug"

Sie sagen es: Der BVB steht zwar deutlich besser da, doch auch da scheint es nicht so rund zu laufen, wie sich das die Verantwortlichen vorstellen.

Reif: Auch für Dortmund ist es eine echte Übergangs-Saison. Mit einem Kader, der auf Zukunft ausgelegt ist, sollst du die Gegenwart meistern und einen Champions-League-Platz erreichen. Alles, was darunter liegt, ist für Dortmund nicht akzeptabel. Wenn es gut läuft, spielt der BVB ja auch einen hinreißenden Fußball. Aber wenn es nicht läuft, liegt es an vielen Gründen: Die einen wurden verkauft, die anderen waren verletzt. Dann fehlt es an den erfahrenen Spielern, die so eine Mannschaft braucht, damit sich die vielen Jungen daran aufrichten können. Wenn der Wind von vorne kommt, hat der BVB Probleme. Das war aber auch nicht anders zu erwarten, als Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan gingen. Die Jungen, die da sind, können wundervolle Dinge machen, aber wenn Erfahrene, die Stabilität bringen und Struktur schaffen sollen, nicht da sind, wackeln die Dortmunder.

War es also ein Fehler, zu viel auf Junge zu setzen?

Reif: Das ist genau die Philosophie, auf die sich die BVB-Führung offensichtlich verständigt hat. Ob Thomas Tuchel hinter dieser Entscheidung steht, weiß ich nicht. Manchmal habe ich nicht diesen Eindruck. Aber in Dortmund haben sie den Entschluss gefasst, junge Spieler zu Stars auszubilden. Ob es die richtige Entscheidung ist, ein Ausbilderklub zu sein und nicht um jeden Preis die Bayern zu jagen, wird sich zeigen. Vieles spricht dafür, aber dann muss man sich auch im Klaren darüber sein, dass man auch mal Rückschläge hinnehmen muss.

Marcel Reif kommentierte rund 1.500 Fußball-Spiele und ist nun als TV-Experte im "Volkswagen Doppelpass" auf Sport1 tätig.  

Genau das scheint den Verantwortlichen aber nicht klar zu sein, wenn man gewisse Aussagen über die Erwartungshaltung deutet.

Reif: Manchmal ist mir dieser Verdacht auch gekommen, dass man mehr wollte, als mit diesem Kader möglich ist. Sie sind sich offenbar nicht ganz im Reinen. Ich halte die Entscheidung für gut, aber man muss wissen: Junge Spieler machen Fehler, und sie müssen Fehler machen dürfen. Die schlagen sich mal im Ergebnis wider. Doch manchmal habe ich den Eindruck, dass Tuchel das so gar nicht passt und dass alle anderen zwar gerne auf die Zukunft setzen möchten, ihnen die Gegenwart aber manchmal nicht lustig genug ist.

Tuchel stand zuletzt auch häufig in der Kritik. Ist es für Sie nachvollziehbar, dass er so viel einstecken musste?

Reif: Tuchel ist ja jemand, der das auf sich zieht. Er ist ein Mann mit großem Selbstbewusstsein und macht keinen Hehl daraus, dass er der sportlich Verantwortliche sein möchte und sein muss. Dann schauen alle eben auf ihn, wenn etwas nicht funktioniert.

Ist es dann das richtige Zeichen, wenn der BVB mit Alexander Isak einen Spieler holt, den der Trainer gar nicht kannte?

Reif: Ich habe auch gestutzt, dass solche Dinge öffentlich diskutiert wurden. Das war bislang in Dortmund nicht der Fall. Und als Tuchel sagte, er könnte ja nicht jeden 17-Jährigen kennen, der an die zehn Millionen kostet, habe ich den Eindruck gehabt, dass die Dinge nicht ganz so eng verzahnt sind, wie sie mal waren.

Schürrle muss seine Leistung bringen

Lässt sich daraus jetzt schließen, dass es zwischen Tuchel und der Klub-Führung um Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc nicht passt?

Reif: Eine Euphorie der gemeinsamen Zusammenarbeit höre ich jedenfalls nicht heraus. Aber vielleicht braucht es das auch nicht. Möglicherweise waren sie in Dortmund lange verwöhnt von dieser Euphorie rund um Jürgen Klopp. Da passte ja kein Skat-Blatt dazwischen. Jetzt habe ich den Eindruck, dass man bewusst eine gewisse Distanz wahrt. Ob es so jetzt besser ist, mag ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht beurteilen.

Tuchel rotiert viel, Andre Schürrle schafft in Dortmund aber noch nicht so richtig den Durchbruch, für die DFB-Elf lieferte er gegen Aserbaidschan eine starke Vorstellung ab. Fehlt ihm von Tuchel schlichtweg das Vertrauen, das er von Bundestrainer Joachim Löw offenbar erhält?

Reif: Man darf nicht vergessen, dass Tuchel ihn auch immer wieder gebracht hat. Im Klub zählt der sofortige Erfolg. Entweder nutzt jemand seine Chance, oder er nutzt sie eben nicht. In der Nationalmannschaft hat er einen großen Vertrauensvorschuss. Und – das ist jetzt gar nicht böse gemeint – bei einer WM-Qualifikation ist es leichter, Vertrauensvorschuss zu geben als in der Liga, wo es darum geht, den Anschluss an die Champions-League-Plätze nicht zu verlieren. Das ist eine andere Welt. Dass Schürrle Fußball spielen kann, weiß jeder. Aber er muss es auch bringen. Vertrauen ist nicht die Währung, sondern die Tatsache, wie man erfolgreich Fußball spielt. Und wenn einem so etwas im Klub aus welchen Gründen auch immer nicht gelingt, hat Tuchel das Recht zu sagen, dass ihm das zu wenig ist.

Kommen wir zurück zum Derby: Die bisherige Bilanz ist relativ ausgeglichen, das Hinspiel in Dortmund endete 0:0, Schalke blieb zuletzt gegen den Revier-Rivalen vier Mal in Folge sieglos. Wer hat diesmal die Nase vorn?

Reif: Achtung, jetzt kommt es wieder, auch wenn man so etwas gar nicht laut sagen sollte: Ein Derby hat seine eigenen Gesetze.

"Romantisch schöne Derbys"

Sie wissen, dass Sie das jetzt drei Euro ins Phrasenschwein kostet?

Reif: Ja klar, das muss so sein. Es ist eine Phrase, aber sie stimmt. Dieses Spiel wird so von der Emotion und vom Match-Glück entschieden. Wir haben uns doch immer gewünscht, dass man zum Fußball geht und nicht weiß, wie es ausgeht. In diesen Derbys ist es immer noch romantisch schön. So lange ich da hinging, hätte ich nicht sagen können, wie es ausgeht. Selbst nicht zu den Zeiten, in denen die Dortmunder an den Bayern vorbeizogen, waren die Derbys immer eine eigene Welt.

Anders gefragt: Wie lautet Ihr Tipp für Samstag?

Reif: Es wird genau anders ausgehen, aber deswegen mache ich es ja. Ich tippe auf ein 1:1.

Und am Ende der Saison? Schafft Schalke noch die Qualifikation für die Europa League?

Reif: Ich kann es mir gut vorstellen, ja.

Und der BVB die Königsklasse?

Reif: Ganz Sicher.

Zu Ihnen: Sie waren jahrelang als Kommentator im Einsatz, jetzt sind Sie als Experte im „Volkswagen Doppelpass“ auf Sport1 tätig. Ist es für Sie eine große Umstellung?

Reif: In erster Linie ändert sich der Blickwinkel. Ich sehe nicht mehr von oben herunter, wie sich die Ketten verschieben und was zwischen den Linien passiert, sondern ich stehe unten am Platz, wenn ich für das Schweizer Fernsehen als Experte im Einsatz bin. Oder aber ich sehe es erst in der Rückschau im Fernsehen, wenn das Wochenende bereits gespielt ist. Wenn man live kommentiert, muss man den Dingen folgen, wie sie gerade passieren. Insofern ist es nun ein entspannteres Aus-der-Distanz-Draufschauen. Ich bekomme von Fußball nicht genug, und werde wohl auch nie genug davon kriegen. Deshalb macht mir auch der Expertenjob und der Doppelpass richtig Spaß.

Kürzlich ist auch Ihr Buch „Nachspielzeit – Ein Leben mit dem Fußball“ erschienen. Geben Sie uns doch einmal einen kurzen Einblick, was der Leser zu erwarten hat.

Reif: Das sind Geschichten aus meinem Leben vom Fußball und über Fußball. Es hat sicher autobiographische Züge, weil ich aus meinem Fußball-Leben erzähle. Es ist ein Buch über die Liebe zum Fußball. Es geht um Situationen, Spieler und auch große Momente in kleinen Spielen, von denen ich völlig euphorisiert nach Hause gegangen bin. Es ist nicht so, dass nur die großen Spiele große Momente liefern.

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Quelle: wa.de

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