Hitzige Diskussion

Politik: Kein Polizei-Einsatz mehr auf Schalke

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Polizeieinsatz in der Schalker Nordkurve.

[UPDATE 16.30 Uhr] GELSENKIRCHEN/DÜSSELDORF - Der umstrittene Polizeieinsatz in der Schalke-Arena beim Spiel gegen Saloniki mit 80 Verletzten hat ein Nachspiel: Die Polizei will künftig im Stadion keine Präsenz zeigen. Das Vertrauensverhältnis zum Verein sei nachhaltig gestört - ein Präzedenzfall.

Es sei künftig allein Sache des Vereins, für die Sicherheit zu sorgen, sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD). Er reagierte damit auf die Kritik von Vereinsverantwortlichen an einem Polizeieinsatz beim Playoff-Spiel der Champions-League zwischen dem FC Schalke 04 und PAOK Saloniki am 21. August. Die Polizei war eingeschritten, um eine Provokation von Schalker Ultras zu unterbinden und so Ausschreitungen griechischer Fans zu verhindern. Danach hatte es von Schalker Seite schwere Vorwürfe gegen den Polizeieinsatz gegeben.

Ein Ministeriumssprecher sagte, dass sich die Bereitschaftspolizei nicht nur aus dem Stadion, sondern sogar vom Gelände der Veltins-Arena zurückziehen werde. Im öffentlichen Raum würden sich die Beamten zur Verfügung halten. Das ist vor den nächsten Heimspielen in der Champions League gegen Steaua Bukarest am kommenden Mittwoch und drei Tage später in der Bundesliga gegen Bayern München brisant.

Der Schalker Vereinssprecher Thomas Spiegel sagte unterdessen im Rahmen einer Pressekonferenz am Donnerstagmittag, man habe "konstruktive Gespräche mit der Gelsenkirchener Polizei" aufgenommen. Jedoch habe man sich darauf geeinigt, zunächst keine Zwischenstatements abzugeben. Ziel der Gespräche sei, einen "Modus vivendi", also ein passendes Miteinander zu erreichen. In der Analyse der umstrittenen Vorkommnisse des Saloniki-Spiels hätten beide Seiten Fehler erkannt, so Spiegel. Damit gaben sowohl die Vereins-Offiziellen wie auch die Polizei in ihrer bisher harten Haltung nach. Schalkes Manager Horst Heldt wollte sich zu dem Vorstoß Jägers nicht äußern; er habe keine Informationen zu diesem Fall.

Die Gelsenkirchener Polizei und Polizeigewerkschaften hatten den Einsatz als "notwendig und rechtmäßig" bezeichnet und ihrerseits öffentliche Äußerungen von Peters und Heldt angeprangert.

Rainer Wendt

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) berüßte Jägers Entscheidung. "Ich kann das, was Minister Jäger gesagt hat, zu 100 Prozent unterstützen. Dieser Vorwurf des unrechtmäßigen Einschreitens der Polizei ist ungeheuerlich. Das können wir uns nicht gefallen lassen", sagte Gewerkschaftschef Rainer Wendt. Am Donnerstag hatte Jäger (SPD) angekündigt, dass sich die Polizei vorläufig aus der Schalker Fußball-Arena weitgehend zurückziehen und die Ordnungskräfte des Vereins nicht mehr unterstützen werde.

"Auf ihrer Homepage hat die Schalker Führung immer noch den Vorwurf des unverhältnismäßigen Einschreitens der Polizei, ganz offensichtlich um die Szene der Schalker Fanvertreter zu beruhigen. Gleichzeitig hat die Führung in internen Gesprächen längst eingeräumt, dass der Polizeieinsatz in Ordnung gewesen ist. Das ist eine gespaltene Zunge auf Kosten der Einsatzkräfte. Das kann sich die Polizei nicht bieten lassen", ergänzte Wendt.

Laut einem Bericht der Landesregierung waren bei dem Einsatz 80 Menschen, darunter auch Unbeteiligte, verletzt worden - überwiegend durch den Einsatz von Pfefferspray. Die Polizisten seien zuvor von Schalke-Fans massiv angegriffen worden, als sie in den Block eindrangen. Alle Aufforderungen, die Fahne zu entfernen, seien ignoriert worden.

Landtagsabgeordnete der Opposition von CDU, FDP und Piraten kritisierten dennoch den Einsatz der Polizei. Die gezeigte Fahne sei nicht verboten, und es sei nicht einsehbar, dass die Polizei gegen die Schalker und nicht gegen die gewaltbereiten Fans aus Saloniki vorgegangen sei. Zudem habe es sich möglicherweise nicht einmal um eine gezielte Provokation gehandelt. Der Polizeieinsatz wird derzeit von der Essener Staatsanwaltschaft überprüft, die Ermittlungen eingeleitet hat.

"Da ist mit zu großen Kanonen auf zu kleine Spatzen geschossen worden", sagte der CDU-Abgeordnete Lothar Hegemann. "Es muss möglich sein, eine nicht verbotene Fahne zu zeigen", ergänzte der FDP-Parlamentarier Robert Orth.

Innenminister Jäger entgegnete, der Polizeiführer habe einen Platzsturm griechischer Fans und einen Spielabbruch befürchtet. Es sei aus seiner Sicht der geringere Eingriff gewesen, die Fahne einzurollen, zumal die Hausordnung vorsehe, dass Provokationen gegnerischer Fans zu unterlassen seien.

Christian Heidel

Auch der Mainzer Manager Christian Heidel hat den Rückzug der Polizei aus der Schalker Arena kritisiert. "Selbstverständlich muss bei einer Großveranstaltung die Polizei vor Ort sein. Das ist ihr Auftrag", sagte Heidel am Donnerstag dem TV-Sender Sky Sport News. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas überhaupt machbar ist", sagte der Manager des Liga-Rivalen FSV Mainz 05. Die Polizei sei "seit Menschengedenken" in Stadien im Einsatz, dafür würden die Profivereine auch reichlich Steuern zahlen, erklärte Heidel. "Da kann man nicht sagen, wir kommen nicht, nur weil es mal einen Zwist gab", fügte er hinzu. - lnw/gre

Schalker Stimmen zum Fall:

Klubsprecher Thomas Spiegel: "Wir stehen in konstruktiven Gesprächen mit der Polizei Gelsenkirchen. Beide Seiten sind auch willens, die Gespräche in dieser Art und Weise zu führen. Wir haben allerdings vereinbart, keine Wasserstandsmeldungen zu veröffentlichen. Wir wollen gemeinsam für die Zukunft einen Modus vivendi finden. Man kann sagen, dass beide Seiten bei dem Einsatz Fehler gemacht haben und beide Seiten diese Fehler auch erkannt haben.

Horst Heldt

Schalke-Manager Horst Heldt: "Diese Sache fällt nicht in mein Ressort, dafür sind andere im Verein zuständig. Zudem ist diese Nachricht derzeit noch viel zu frisch, um sie von Vereinsseite zu kommentieren. Haben Sie Verständnis dafür, dass wir erst einmal die entsprechenden Informationen bekommen müssen."

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Quelle: wa.de

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