Schalke steht vor Charaktertest in München

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Jens Keller

MÜNCHEN/GELSENKIRCHEN - Der Hang zur feinen Selbstironie ist dem Schalker Publikum hoch anzurechnen. Als ihre Mannschaft am Mittwochabend gegen Real Madrid bereits aussichtslos mit 0:5 zurück lag, stimmten die Fans den alten Gassenhauer „Zieht den Bayern die Lederhose aus!“ an. In Vorausschau auf das Auswärtsspiel am Samstag beim Rekordmeister.

Von Jens Greinke

Der Gesang zauberte einigen der Zuschauer wieder ein kleines Lächeln ins Gesicht. Auch wenn die Partie letztlich sogar mit 1:6 endete, zeigte dies: Einen Schalker Fan haut so schnell nichts um. Und er ist dazu in der Lage, eine Niederlage gegen einen an diesem Tage furios spielenden Gegner, dessen Profis ausgerechnet in Gelsenkirchen zeigten, zu was sie in der Lage sind, nun ja, realistisch einzuschätzen.

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Dass die Schalker nun von vielen Seiten als Kanonenfutter angesehen werden, ist allerdings etwas ungerecht. Auf der einen Seite stimmt die Wahrnehmung nicht, dass die Blauweißen von jeher chancenlos sind, wenn es gegen die ganz großen Klubs in Europa geht. Das 1:6 gegen Real kann angesichts der Europapokal-Historie durchaus als Ausrutscher eingeschätzt werden. Es war die höchste Niederlage im europäischen Wettbewerb, ähnlich hoch hatten die Schalker in der Saison 1970 mit 1:5 gegen Manchester City verloren. Doch ansonsten haben die Blauweißen in insgesamt 153 Europapokalspielen nur sieben Mal mit mehr als drei Toren Unterschied verloren. Das ist keine allzu schlechte Bilanz. Zumal sie auch immer wieder gute und enge Spiele gegen die Großen der Branche gezeigt haben.

Auf der anderen Seite scheint allerdings die Vermutung zu stimmen, dass die Führung des Teams derzeit recht lax ist. Horst Heldt hat sich in der vergangenen Woche zwar zurecht darüber echauffiert, dass ein Foto von Kevin-Prince Boateng mit Zigarette und Bier an die Öffentlichkeit gelangt war. Eine Indiskretion aus der Dopingkabine durch Mitarbeiter der DFL, die verurteilenswert war. Doch hat der Manager nicht den Umstand thematisiert, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass von Boateng innerhalb eines Fußballstadions und noch dazu in Arbeitskleidung ein Foto mit Zigarette gemacht werden konnte.

Auch die Tatsache, dass Trainer Jens Keller gegen Real auf die Dienste von Benedikt Höwedes und Julian Draxler setzte, die nach ihren Verletzungen einen sichtbaren Trainingsrückstand aufwiesen, macht etwas stutzig. Zumal zumindest Draxler von Leon Goretzka gut vertreten worden war. Außerdem war das Team nach den ersten „starken zwölf Minuten“ (Keller) wieder in alte Muster zurück gekehrt, die sie in der Bundesliga-Hinrunde noch so in die Kritik gebracht hatten. Plötzlich hatte die aufmerksame Anspannung im gesamten Team gefehlt. Als Heldt am Mittwoch gefragt wurde, warum von der zuletzt so gepriesenen mannschaftlichen Geschlossenheit gegen Real nicht viel zu sehen gewesen war, sagte der Schalker Manager: „Es gab Gründe dafür, die ich aber nicht öffentlich besprechen möchte.“

Dies ist eine Aussage, die schon eher beunruhigen muss als die hohe Niederlage gegen ein umwerfend spielendes Real Madrid. Ebenso wie die Andeutung von Heldt, bei den Bayern einige Spieler schonen und womöglich nur mit einer B-Elf antreten zu wollen. Dies wäre nicht nur wider den Sportsgeist, sondern vor allem eine peinliche Kapitulation. Und einige der Fans dürften sich in diesem Fall nach den Aussagen von früher sehnen, als es auf Schalke sinngemäß hieß: Wenn wir uns dort nichts ausrechnen würden, bräuchten wir da erst gar nicht hin zu fahren.

Quelle: wa.de

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