Großes Interview / "Zu früh zu viel Geld ist schädlich"

Jugendcoach Norbert Elgert über Jung-Profis, Geld und das "neue Schalke"

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Auf einer Wellenlänge: U19-Erfolgstrainer Norbert Elgert (links) mit dem neuen technischen Direktor der Schalker Jugendabteilung, Peter Knäbel.

Gelsenkirchen - Norbert Elgert kommt überpünktlich zum vereinbarten Termin. Es ist der Tag, an dem Leroy Sané, sein ehemaliger Schützling, von Bundestrainer Joachim Löw aus dem DFB-Kader für die WM in Russland gestrichen wird. "Ich bin mir nicht sicher, ob das richtig ist", sagt Elgert, der seine Überraschung nur schwer verbergen kann. Später, nach dem Interview mit Jens Greinke, will er mit Sané in Kontakt treten. Der 22-jährige Stürmer von Manchester City gehört zu den vielen Fußballern, die bei Elgert in die Lehre gegangen sind – und die ihrem ehemaligen Nachwuchscoach, der seit 21 Jahren die U19 des Traditionsvereins coacht, oftmals über Jahrzehnte verbunden sind. 

Den Meistertitel knapp im Finale verpasst, den Westfalenpokal und die Westdeutsche Meisterschaft gewonnen. Wie fällt Ihre Saisonbilanz aus?

Norbert Elgert: Trotz des verlorenen Finales gegen Hertha BSC haben wir eine herausragende Saison gespielt. Elf Punkte Vorsprung in der Bundesliga West sind schon eine Hausnummer. Wir hatten die wenigsten Niederlagen und das beste Torverhältnis in ganz Deutschland. Allein statistisch war es eine herausragende Saison. Für mich als Trainer und auch für den Stab war es etwas sehr Besonderes, wie die Mannschaft nach dem verlorenen Meisterschaftsfinale wieder aufgestanden ist und nur wenige Tage später den Westfalenpokal gegen den SC Paderborn mit 6:0 gewonnen hat. Man darf hinfallen, aber wichtig ist, sofort wieder aufzustehen. 

Wie wichtig ist es für einen jungen Spieler, mit Niederlagen leben zu lernen? 

Elgert: Extrem wichtig. Denn so ist das Leben. Kein Leben läuft linear erfolgreich ab. Es ist wichtig zu lernen, Widerstände zu überwinden. Für mich ist man nur dann ein Verlierer, wenn man aufgibt oder nicht alles gegeben hat. Diesen Vorwurf können sich meine Spieler nicht machen. 

Beim Finale gegen Hertha BSC kam es beim Aufwärmen zu einer nicht alltäglichen Übung: Die Spieler mussten der Grätsche der eigenen Mannschaftskameraden ausweichen. Welchem Zweck diente diese Übung? 

Elgert: Das diente dazu, dass sich die Spieler noch einmal selbst scharf machen. Und es sollte ein Signal in Richtung Gegner sein nach dem Motto: Da erwartet uns gleich eine Mannschaft, die nicht mit sich spaßen lässt. 

Wie würden Sie sich als Trainer selbst beschreiben? 

Elgert: Das ist keine einfache Frage. Ich weiß, dass ich inzwischen kein Perfektionist mehr bin. Wenn du zu perfektionistisch bist, machst du dich und deine Umwelt verrückt. Ich lege zwar immer noch Wert darauf, dass wir perfekt üben. Was aber nicht heißt, dass wir es jemals schaffen, perfekt zu werden. Aber man muss es anstreben, um sich zu verbessern. Zudem bin ich, sehr fordernd, wobei das Menschliche nie zu kurz kommen darf. 

Wie viel Prozent Trainer und wie viel Prozent Vaterfigur muss man heute als Coach einer Bundesliga-Nachwuchsmannschaft sein? 

Elgert: Ich würde mich nicht als Vaterfigur beschreiben. Das wäre ja anmaßend, schließlich haben die Spieler alle ihre Eltern. Aber man sollte als Ausbilder seine Spieler mögen und wertschätzen. Nur dann kannst du sie erreichen. Bei aller Konsequenz, die eine solche Ausbildung haben muss, müssen uns die Spieler auch vertrauen können und spüren, dass wir für sie da sind. Es ist wichtig, ein Kommunikator zu sein. Wie jetzt auch unser Cheftrainer Domenico Tedesco, der das hervorragend macht. Soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz werden in unserer Branche immer wichtiger. 

Gefühlte 95 Prozent der Spieler, die unter Ihnen trainiert haben, behaupten, der beste Trainer ihrer Karriere sei Norbert Elgert gewesen. Da muss es doch einen Trick geben... 

Elgert (schmunzelt): Es gibt keine Tricks auf dem Weg zum Erfolg. Erfolgsgeheimnisse gibt es nicht. Ansonsten würde ich mir da irgendetwas patentieren lassen. Ich habe in meinem Leben zwei Mal das große Glück gehabt, mein Hobby zum Beruf machen zu können; einmal als Spieler, ein anderes Mal als Trainer. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich möchte positive Spuren mit meiner Arbeit hinterlassen. Um das zu erreichen, trage ich möglichst oft Arbeitsschuhe. 

Die Trikots ihrer Spieler scheinen noch aus Zeiten, in denen für viele die Fußball-Welt noch nicht zur Selbstdarstellungs-Bühne verkommen war: Die Nummerierung der Startelf beginnt bei 1 und endet mit der 11, zudem stehen keine Namen auf den Trikots... 

Elgert: Es steht doch der richtige Name drauf: Schalke 04. Natürlich ist der Einzelne wichtig, aber der Name des Klubs und der Mannschaft lautet nun einmal FC Schalke 04. 

Norbert Elgert im Gespräch mit Redakteur Jens Greinke.

Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren in ihrer Arbeit verändert? 

Elgert: Man muss häufiger wiederholen als früher. Es fällt den Spielern schwerer, sich zu konzentrieren. Das liegt meines Erachtens aber an der Gesellschaft und ihrer Reizüberflutung heutzutage. Nichtsdestotrotz erreicht man die Spieler noch. Es dauert nur manchmal ein bisschen länger. Auch der finanzielle Bereich nimmt mittlerweile schon bei jungen Spielern eine viel zu große Rolle ein. Und überall, wo viel Geld im Spiel ist, versammeln sich auch Menschen, die daran teilhaben wollen. Da ist es für die Spieler und ihre Eltern auch oft sehr schwer zu unterscheiden, wer wirklich das Beste für den Spieler und wer nur von ihm profitieren will. 

Der Abschied von Max Meyer war unter dem Strich ein sehr trauriger. Wie haben Sie die Vertragsverhandlungen verfolgt? 

Elgert: Da möchte ich nicht so in die Tiefe gehen, weil ich den Klubverantwortlichen absolut loyal gegenüber bin wie auch dem Menschen und Fußballer Max Meyer. Ich hatte das Gefühl, dass sich bei Max etwas aufgestaut hatte, was raus musste – was in dieser Situation aber nicht unbedingt klug war. So wie es abgelaufen ist, ist es natürlich für alle Beteiligten schade. 

Sie haben bereits Domenico Tedescos kommunikative Ader gelobt. Wie bewerten sie seine Arbeit generell? 

Elgert: Ich bin da schon sehr angetan. Wie weit Domenico in seinem jungen Alter in seiner Persönlichkeitsentwicklung ist – davon bin ich begeistert. Er ist menschlich und fachlich erstklassig. 

Waren Sie zu Beginn skeptisch wie viele andere? 

Elgert: Ich wusste nur, dass er sich beruflich in Bereichen bewegt hat, in denen du sehr gut sein musst. Auch hatte er bereits jede Menge Erfahrung als Trainer gesammelt. Wer dann noch den Mut für solche Herausforderungen hat wie Domenico und es schafft, da muss ich sagen: Hut ab! Die Gespräche mit ihm machen Spaß und sind von großer gegenseitiger Wertschätzung geprägt. 

Sie haben viele Cheftrainer hier auf Schalke erlebt, es gab viele Wechsel in den vergangenen Jahren. Ich stelle mir das sehr schwierig vor und würde mich an Sisyphos erinnert fühlen… 

Elgert: Genau diese Situation war vor zwei Jahren einer der Hauptgründe für mich zu sagen: Jetzt mache ich noch einmal etwas ganz Neues. 

Wollten Sie ganz aufhören? 

Elgert: Nein, das nicht. 

Wie oft hat sich Bayern-Präsident Uli Hoeneß schon angerufen, um Sie abzuwerben? 

Elgert: Er hat mich noch nie angerufen. Aber es gab schon Kontakt zu den Bayern. 

Christian Heidel ist derzeit dabei, die Infrastruktur auch der Knappenschmiede zu verbessern. Wie sehen Sie seine Bestrebungen? 

Elgert: Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung. Stillstand ist Rückschritt. Die Pläne sind ja teilweise schon etwas älter, aber sie werden jetzt endlich von Christian realisiert. Das sehe ich absolut positiv. So erfolgreich wir auch in der Vergangenheit gewesen sind, so sehr sind die Verbesserungen der Infrastruktur ein absolutes Muss. Aber entscheidend wird auch künftig sein: Welche Menschen füllen das alles mit Leben? 

Wie verliefen ihre ersten Treffen mit Peter Knäbel? 

Elgert: Sehr gut. Wir arbeiten vom ersten Tag an sehr positiv und konstruktiv zusammen. Er hat eine Menge Erfahrung in der Jugendarbeit und allgemein im Fußball. Er ist auch ein hervorragender Kommunikator. Ich denke und fühle, dass es passt. 

Die Knappenschmiede war für viele andere Vereine ein Vorbild. Spüren Sie, dass in den vergangenen Jahren der Konkurrenzkampf um junge Talente zugenommen hat? 

Elgert: Ja, definitiv. Es gibt ja mittlerweile nicht nur den Konkurrenzkampf hier im Ruhrgebiet. Es gibt ihn bundesweit und auch international. Und es sind Vereine dazu gekommen wie RB Leipzig, VfL Wolfsburg oder 1899 Hoffenheim, die da jetzt mitmischen und auf diesem Gebiet auch gute Arbeit leisten. Auch die Finanzen spielen mittlerweile eine immer größere Rolle. Daran kommen auch wir nicht vorbei. Ich bin aber der Meinung, dass zu früh zu viel Geld eher schädlich und motivationstötend sein kann.

Infos kompakt zur Person Norbert Elgert

  • geboren am 13. Januar 1957 in Gelsenkirchen
  • Bundesliga-Einsätze: 57 Spiele/12 Tore für den FC Schalke 04 
  • Zweitliga-Einsätze: 82 Spiele/21 Tore für den FC Schalke 04 und die SG Wattenscheid 09
  • Stationen als Trainer: 1990-1992 SV Schermbeck, 1993 SuS 09 Dinslaken, 1993-995 SG Wattenscheid 09 U19, 1995-1996 FC Rhade, 1996-2002 FC Schalke 04 U19, 2002-2003 FC Schalke 04 Co-Trainer, 2003 bis heute FC Schalke 04 U19
  • Erfolge als Trainer u.a.: Deutscher U19-Meister 2006, 2012, 2015), Trainer des Jahres 2013

Quelle: wa.de

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