1:0 gegen SC Paderborn, aber:

Schalker Heimausklang mutiert zum Albtraum

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Gelsenkirchen - Während vor dem Haupteingang zur Schalker Arena ein Haufen Ultras den Weg versperrte, wurde der Manager durch einen Seitenausgang geleitet. Horst Heldt wurde von vier Polizeibeamten eskortiert, als er am Samstagabend nach dem 1:0 gegen den SC Paderborn das Stadion verließ.

Von Jens Greinke

Angesichts der überbordenden Emotionen des Schalker Anhangs war dieser Polizeischutz eine zwingende Maßnahme. Aber eine aus Schalker Sicht geradezu beschämende.

Es war ein bizarrer Nachmittag in der Schalker Arena. Einer, den wohlmeinende Begleiter des Klubs vielleicht später einmal als weitere Facette dieses blauweißen Mythos' beurteilen werden. Es wäre aber auch durchaus zulässig, von einem bemerkenswerten Tiefpunkt in der traditionsreichen Geschichte dieses Klubs zu sprechen.

"Wir haben gewusst, dass es heute schwer werden würde und haben versucht, die Mannschaft auf die Situation vorzubereiten", sagte Heldt angesichts des von den Fans angekündigten Liebesentzuges.

Nicht mal Pässe über fünf Meter klappen

Zumindest in der ersten Halbzeit des Spiels gegen den SC Paderborn sollte den Schalker Profis die Unterstützung versagt werden nach den zuletzt fürchterlich leblosen Auftritten der Mannschaft.

Der Anhang machte seine Ankündigung wahr und ließ in den ersten 45 Minuten allenfalls mal ein kollektives Aufstöhnen oder ein paar Pfiffe vom Stapel. Eine Situation, der die Schalker Profis fast ausnahmslos nicht gewachsen waren.

"Die Nervosität war da, die konnten wir nicht ausblenden", sagte Heldt. Und Keeper Ralf Fährmann meinte: "Dann klappen selbst die einfachsten Sachen nicht." Noch nicht einmal Pässe über fünf Meter.

Erlösung für Kirchhoff und Choupo-Moting

Unter dem Strich konnten die Gastgeber froh sein, dass die akut abstiegsbedrohten Paderborner nicht in der Lage waren, die Gunst der Stunde zu nutzen. "Wir haben es verpasst, vorzeitig des Sack zuzumachen", analysierte SC-Trainer Andre Breitenreiter angesichts der vielen Chancen im ersten Durchgang zurecht.

Lukas Rupp (31.), Uwe Hünemeier (34.) oder Moritz Stoppelkamp (43.) vergaben glasklare Chancen und hätten die Partie früh entscheiden können. Doch so retteten sich die völlig desorientierten Schalker in die Halbzeit, was Trainer Roberto Di Matteo die Möglichkeit gab, zumindest die Schlechtesten der Schlechten auszusortieren: Für die komplett indisponierten Jan Kirchhoff und Eric Maxim Choupo-Moting muss es eine wahre Wohltat gewesen sein, in der Kabine bleiben zu dürfen.

Fotostrecke zur Partie gegen Paderborn

FC Schalke 04 mit viel Glück 1:0 gegen Paderborn

Angesichts der Schalker Darbietungen auch in der zweiten Halbzeit erübrigt es sich, weitere Worte zu diesem sinnfreien Treiben auf dem Platz zu verlieren. "Das ist nicht der Fußball, den die Fans sehen wollen", meinte Ralf Fährmann, der letztlich einer der wenigen Schalker Spieler war, die der Fanwut entkamen: "Außer Fährmann könnt ihr alle gehen", rief die Nordkurve im zweiten Durchgang. Und: "Scheiß-Millionäre".

Auch der mächtige Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies bekam sein Fett weg: Auf einem Transparent stand "Der Fisch stinkt vom Kopf her" geschrieben, dabei waren die Buchstaben C und T rot hervorgehoben. Die Initialen des Klubbosses.

Vom eigenen Anhang beschimpft und verhöhnt

Selbst das aus Schalker Sicht vermeintliche Happy End konnte nicht mehr zur Befriedung der Situation beitragen. Das Eigentor von Hünemeier in der 88. Minute sorgte zwar dafür, dass die Blauweißen ihr Minimal-Saisonziel Europa League erreichten. Doch an diesem Tag gab es für die Schalker Profis beim eigenen Anhang nicht mehr viel zu gewinnen.

Nachdem die Spieler nach dem Schlusspfiff bereits in die Katakomben verschwunden waren, schwoll in der Arena der Sprechchor "Wir wollen die Mannschaft sehen" an. So gingen die Spieler gemeinsam mit Trainer- und Betreuerstab noch einmal hinaus auf den Rasen.

Doch statt einer Ehrenrunde wurde es ein Spießrutenlauf par excellence: Sie wurden beschimpft und verhöhnt. Vom eigenen Anhang. Im letzten Heimspiel der Saison. Es war ein unfassbar tiefer Graben, der sich da auftat. Und es dürfte nicht so einfach werden, diesen wieder zuzuschütten.

Kommentar zur Schalker Lage: "Die große Entfremdung"

Von Jens Greinke

Ein Spießrutenlauf für die Mannschaft, viele blutende blauweiße Herzen, Polizeischutz für den Manager – für den FC Schalke 04 war das letzte Heimspiel der Saison 2014/15 eine wahrlich unwürdige Veranstaltung.

Sportredakteur Jens Greinke

Aber, und das ist sehr wichtig: Es war ein klares Zeichen der Fans. Von jenen Menschen, die diesen mittlerweile irrwitzig überhitzten Profifußball zu großen Teilen finanzieren. Durch den Kauf von Eintrittskarten und Merchandising-Produkten, durch Mitgliedsbeiträge und durch das Abschließen von teuren Pay-TV-Abonnements.

Die Bundesliga hat sich in den vergangenen Jahren seltsam entrückte Berufsfußballer herangezüchtet, denen mehr und mehr jegliche Bodenhaftung verloren geht. Profis, die sich wie der auf Schalke freigestellte Kevin-Prince Boateng in einer Limousine von einem Chauffeur von Düsseldorf nach Gelsenkirchen zum Training fahren lassen.

Profis, die in einem Jahr mehr Geld verdienen, als so mancher Fan in seinem ganzen Leben. Profis, die bereits in jungen Jahren gar nicht wissen, wohin mit dem ganzen Geld. Profis, denen sehr, sehr viele Leitplanken fehlen. Weil sie in Watte gepackt, von Beratern umgarnt und von PR-Abteilungen eskortiert werden. Weshalb sie sich fühlen dürfen, als seien sie die Könige der Welt. Und man kann es ihnen sogar nicht verdenken. Weil ihnen viel zu oft der rote Teppich ausgerollt wird.

Die Folgen waren am Samstag wie unter einem Vergrößerungsglas zu beobachten. Es war der offene Bruch des teuer zahlenden Publikums mit den hoch subventionierten Kickern. Berufsfußballer, die der Illusion erliegen, dass ein hohes Gehalt mit einer hohen Bedeutung gleichzusetzen ist. Die sich entfremdet haben von der Hand, die sie füttert. Und zwar extremst.

Der Klub FC Schalke 04 wird aufpassen müssen, wenn er nicht zum Abziehbild seiner selbst verkommen will. Es reicht nicht, sich das Logo „Kumpel-und-Malocher-Klub“ aufs Trikot zu drucken. Oder den blauweißen Mythos als Musical zu vermarkten. Schalke ist deshalb so groß, weil stets galt: Liefere wahre Arbeit ab, dann gibt es auch wahren Lohn. Das viele Geld gibt es dann sogar ganz nebenher.

Quelle: wa.de

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