Fall Draxler: Vom schwierigen Umgang mit jungen Talenten

Julian Draxler

Gelsenkirchen - Als André Breitenreiter im Juni seinen Trainerposten auf Schalke antrat, dauerte es nicht lange, bis Julian Draxler auf ihn zukam und seinen baldigen Abschied ankündigte.

„Er ist am zweiten Trainingstag zu mir gekommen und hat gesagt, dass er aufgrund der Vergangenheit hier den Verein wechseln möchte“, erzählt Breitenreiter und ergänzt: „Julian war stets offen und ehrlich.“

Breitenreiter versuchte zwar, den 21-Jährigen zum Bleiben zu überreden. „Ich habe ihm gesagt, dass ich davon überzeugt bin, dass er eine tolle Saison spielen wird und sich nachher aussuchen kann, zu welchem Verein er wechselt“, erzählt der 41-Jährige. Doch Draxlers Entscheidung blieb unumkehrbar. „Er hatte die Wahrnehmung, dass er hier für alles verantwortlich gemacht wird“, sagt Breitenreiter.

Nach seinem Wechsel zum VfL Wolfsburg beklagte sich Draxler mehrfach über den „enormen Druck“, dem er sich beim FC Schalke ausgesetzt sah und dem er durch den Wechsel ins vermeintlich beschauliche Wolfsburg entfliehen will. Die Frage wird nur sein: Ist der Druck bei einem so ambitionierten Verein wie dem VfL wirklich viel geringer? Und wie schwer wiegen die 35 Millionen Euro Ablösesumme auf den Schultern des schmächtigen Edeltechnikers?

Die Reaktionen, die Draxlers Äußerungen in dieser Woche in Gelsenkirchen auslösten, waren unterschiedlicher Natur. Für André Breitenreiter ist die Causa Draxler ein klarer Beleg dafür, dass „man die Jungs nicht größer machen darf, als sie sind. Das müssen wir hier in alle Köpfe reinbekommen“. Er spielt damit unter anderem auf die Schalker PR-Aktion zu Draxlers Vertragsverlängerung im Jahre 2013 an, als der Verein eine LKW-Flotte mit dem Konterfei von des Jungstars durchs Revier fahren ließ.

Mit Draxler hat zwar einer der talentiertesten Youngster den Klub verlassen, doch gehören mit Leon Goretzka, Leroy Sane, Max Meyer und Pierre Emile Højbjerg weitere hoch veranlagte Nachwuchskräfte dem Verein an, für die der neue Trainer jetzt die Verantwortung trägt. „Junge Spieler zu verbessern, ist ein großer Reiz“, sagt Breitenreiter und ergänzt: „Wenn diese Jungs die Zeit bekommen, können sie weit nach vorne kommen.“

Manager Horst Heldt trägt die Philisophie des neuen Trainers mit, sieht die Verantwortung für den Weggang von Draxler aber nicht nur beim Verein. „Es ist ein Irrtum zu denken, bei Schalke gibt es Druck und woanders nicht“, sagt der Sportvorstand: „Man muss eben lernen, damit umzugehen.“ Der 45-Jährige verweist in diesem Zusammenhang zugleich auf die Verantwortung der Spieler und ihrer Berater: „Es werden ja auch tolle Inhalte in den Verträgen gefordert“, sagt Heldt über die hohen Gehälter und anderen Leistungen, die die Profis vom Verein verlangen würden: „Und wenn das der Anspruch ist, dann erwartet man auch eine Gegenleistung. Es ist ein schmaler Grat“, sagt Heldt. Die Plakataktion mit Draxler sei seinerzeit keineswegs eine „Schnapsidee von Schalke allein“ gewesen, fügt der Manager an: „Julian und sein Management wollten selbst die nächste Ebene erreichen, was den Bekanntheitsgrad angeht, und keine 08/15-Präsentation.“

Am Sonntag um 17.30 Uhr kommt es nun zum ersten Spiel nach dem Abschied von Draxler, wenn der FSV Mainz 05 in der Veltins-Arena auflaufen wird. Nachdem der geplante Transfer von Filip Kostic vom VfB Stuttgart zuletzt gescheitert war, wird Breitenreiter versuchen, seine jungen Spieler wie Sane, Meyer oder Goretzka weiter zu entwickeln, um den Verkauf von Draxler zu kompensieren. Und das so behutsam wie möglich. Julian Draxler wird deren Werdegang aus dem fernen Wolfsburg sicher aufmerksam verfolgen. Genau wie die Schalker gespannt nach Wolfsburg schauen werden.

Quelle: wa.de

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