LVG-Aktive beim Deutschen Turnfest

Zwischen Hamburg und Berlin: Feste der Vielfalt und des Miteinanders

Turnerinnen auf dem Festzug in Mannheim
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Turnfestfreude pur beim Festzug 2013 in der Quadratestadt Mannheim: Die Turnerinnen des TuS Grünewald und als Zuschauer dahinter die Aktiven des TuS Meinerzhagen. In diesem Jahr fällt das Deutsche Turnfest in Leipzig der Pandemie zum Opfer.

Die Zeichen standen so früh auf Absage, dass es auch vielen Turnerinnen und Turnern im Lenne-Volme-Gau am langen Himmelfahrt-Wochenende gar nicht recht bewusst ist: Vom 12. bis zum 16. Mai sollte eigentlich in Leipzig das Internationale Deutsche Turnfest gefeiert werden. Zum zweiten Mal nach der Wiedervereinigung in der sächsischen Metropole, die zu DDR-Zeiten der Stamm-Austragungsort der Deutschen Turn- und Sportfeste der DDR gewesen war.

Kreisgebiet – Nichts geht. Die Pandemie hat erst alle Pläne für das Deutsche Turnfest 2021, das größte Breitensport-Event der Welt, durchkreuzt und danach auch die Pläne für „Turnen 21“.

Wenn schon kein großes Turnfest, so hatte der Deutsche Turner-Bund zumindest unter diesem Schlagwort in Leipzig eine Multisport-Veranstaltung mit fünf Sportarten, neun Deutschen Meisterschaften und einer Olympia-Qualifikation platziert. Doch die Sportstätten bleiben so leer wie die großen Plätze, auf denen gefeiert werden sollte, die Zapfhähne stehen still. Tristesse anstelle eines großen, bunten Miteinanders.

Leipzig 2021 – das wäre nach der Wiedervereinigung das achte Deutsche Turnfest im vereinigten Deutschland gewesen. 1990 in Dortmund und Bochum hatte der Deutsche Turner-Bund auch schon 10 500 Gäste aus der DDR willkommen geheißen.

Zwischen Hamburg und Berlin: Feste der Vielfalt und des Miteinanders

Deshalb gilt das Turnfest im Ruhrgebiet als erstes gesamtdeutsches Turnfest. Richtig vereint waren alle Turnerinnen und Turner allerdings erst danach unter dem Dach des DTB. Seitdem hat es sieben Großveranstaltungen gegeben – immer auch mit großer Beteiligung aus Westfalen und dem Lenne-Volme-Gau. Ein Rückblick:

Turnfestfreude pur: Die Grünenthaler Aktiven 2013 beim Spaßwettkampf in Heddesheim.

Hamburg 1994: 15. bis 22. Mai; 100 000 Teilnehmer, darunter mehr als 800 aus dem LVG

Zum Auftakt ziehen die Turnfest-Teilnehmer um die Binnen-Alster, was wenig Freude bereitet, denn es regnet ausdauernd. Die Woche in der Hansestadt wird trotzdem eine ereignisreiche werden – und auch eine Woche der weiten Wege. Die Prellballer treffen sich draußen in Bergedorf, wo die Organisation fest in Hand der Gäste aus Meinerzhagen und Berkenbaum liegt. Zur Leichtathletik im Volksparkstadion geht es auch weit nach draußen. Die Turnerjugend feiert ihr Fest im Stadion am Millerntor, dort spielt Wolf Maahn. Der Westfalenabend findet in der Eissporthalle in Farmsen statt. Es wird ein rauschendes Fest, bei dem eine Gruppe vom TuS Bierbaum aber draußen bleibt – um 21 Uhr vermelden die Veranstalter „ausverkauft“ und lassen niemanden mehr rein. Sportlich feiert der LVG die Wiblingwerderin Gertraud Rüsch und den Altenaer Detlef Wagner, die ihren Turnfest-Wahlwettkampf gewinnen, Marianne Steinhardt und Lilo Rollfing aus Lüdenscheid landen jeweils auf Rang zwei.

Und sonst? Bleibt die Erinnerung ans Kongresszentrum direkt neben der Parkanlage Planten und Blohmen – von hier gehen die Texte gen Sauerland, und zwar mit Hilfe eines Laptops, auf den man noch einen Telefonhörer auflegen muss. Mobiltelefone? Gibt’s noch nicht...

München 1998: Eine Gruppe aus Lüdenscheid beim Wolpertinger-Wettkampf.

München 1998: 31. Mai bis 7. Juni; 100 000 Teilnehmer, darunter 793 aus dem LVG

München 1998 – das ist Hitze, das ist der Olympiapark mit all dem, was er zu bieten hat. Karl-Heinz Macher und Thomas Langescheid tragen die LVG-Fahne zum Auftakt über die Leopoldstraße. Renate Friedrichs, die später einmal Gauvorsitzende werden wird, feiert den ersten Turnfestsieg für den LVG. Derweil verrichtet die seinerzeit amtierende Gauvorsitzende Brunhilde Hunke Dienst in der Eissporthalle, wo die Formationen der Gymnastik/Tanz-Sparte ihre Wettkämpfe absolvieren. Der LVG stellt in München auch 13 Kampfrichter bei der Leichtathletik. Es wird geklagt, denn in Hamburg sind es noch 20 gewesen. Wenn man da schon wüsste, wie es weitergeht…

Den Westfalenabend feiert auch der LVG im Löwenbräukeller. Beim Turnen trifft Winfrid Hunold vom STV den großen Eberhard Gienger, derweil Günter Hießerich vom TuS Grünewald den zweiten Turnfest-Sieg für den LVG einfährt. Das Maskottchen des Festes heißt Wolpertinger, es schwitzt unterm Kostüm bei drückender Hitze. Gauoberturnwartin Eva Gobrecht findet den Olympiapark zu weitläufig.

Technisch geht es voran: Im Pressezentrum gibt es für 450 akkreditierte Journalisten zwei Computer mit Internetzugang. Um drei Bilder in die Heimat zu übermitteln, benötigt es eine Stunde. Der Daten-Highway ist noch eine Art Feldweg.

Leipzig 2002: Die Valberter Volleyballer beim Turnfest-Turnier.

Leipzig 2002: 18. bis 25. Mai; 80 000 Teilnehmer, darunter 745 aus dem LVG

Die Lokalzeitung schreibt vom „Marathon der guten Laune“ beim ersten Turnfest-Gastspiel in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung. Ein solcher ist es in der Tat, aber nicht nur. Es geht auch um die sportliche Ehre: Der noch ganz junge Julian Heidrich vom TV Jahn Plettenberg wird Deutscher Vizemeister im Jahn-Sechskampf der 13- und 14-Jährigen. Es ist das erste sportliche Highlight des LVG in der Woche. Später werden Clara Elsner aus Halver und Lilo Rollfing von der TSG Wehberg Turnfest-Champions in den Wahlwettkämpfen. Anja Kreisel-Brüninghaus und Klaus-Peter Trappe aus Altena gewinnen zum dritten Mal in Folge den Turnfest-Titel im Ringtennis.

Und sonst? Gefeiert wird vor allem ausgiebig auf dem Augustusplatz, am Pfingstwochenende gemeinsam mit vielen jungen Gästen der Wave-and-Gothic-Szene, die auch in Leipzig zu Gast ist. Die Messehallen beeindrucken die Aktiven genauso wie die neue Arena, nur das alte Zentralstadion kann da nicht mithalten. Und die Wirte? Sie kommen mit dem Bierzapfen nicht nach, vor allem beim Westfalenabend im Luna-Park nicht, der sehr zum Ärger von Cheforganisatorin Ingrid Fischer aus Lüdenscheid zum Desaster wird. Auch das bleibt in Erinnerung. Ein Turnfest mit Ecken und Kanten, aber charmant.

Auch die Technik macht weiter Fortschritte – ein Sponsor verteilt Geräte, die klein wie Taschenrechner sind und mit denen man überall in Leipzig SMS- und E-Mail-Nachrichten abrufen kann. Nützlicher noch ist, dass es überall in der Stadt von diesem Sponsor Internet-Hotspots gibt. Und auch die Mobiltelefone sind inzwischen längst Alltag...

Berlin 2005: Die Mädchen des TV Jahn Plettenberg beim Turner-Gruppen-Wettstreit.

Berlin 2005: 14. bis 21. Mai; 100 000 Teilnehmer, darunter mehr als 500 aus dem LVG

Das Turnfest geht der Heim-WM der Fußballer 2006 aus dem Weg und findet deshalb ein Jahr eher statt. Außerdem heißt es zum ersten Mal „Internationales Deutsches Turnfest“ – das soll ganz bewusst für Weltoffenheit stehen. Der Auftakt wird bei Kälte und Dauerregen auf der Straße des 17. Juni kein Vergnügen.

Doch was holprig beginnt, läuft bald rund. Sportlich sowieso, vor allem beim Mehrkampf-Nachwuchs: Sebastian Rentrop aus Plettenberg wird Deutscher Meister im Jahnsechskampf, Marie Eicker vom STV Deutsche Vizemeisterin im Deutschen Sechskampf. In den Wahlwettkämpfen holen Gerhard Hirschfelder aus Altena und Marianne Steinhardt aus Lüdenscheid Titel in den LVG. Im Prellball gehört der TV Berkenbaum mal wieder zu den Turnfest-Siegern.

Viel Grund also zum Feiern beim Westfalenabend im Palais unterm Funkturm. Die Tuju-Party steigt in den Messehallen. Bei der Abschlussgala im Olympiastadion tanzen die Formation Jazz1 des LTV 61 und eine Gymnastik/Tanz-Formation der DJK Eintracht im offiziellen Programm mit und sind völlig euphorisch. Auch so können Turnfest-Siege aussehen.

Frankfurt/Main 2009: Die Friesen-Jungs aus Lüdenscheid vor der Messehalle.

Frankfurt 2009: 30. Mai bis 5. Juni; 85 000 Teilnehmer, darunter 484 aus dem LVG

Am Main scheint zum Turnfestauftakt die Sonne, 350 000 Menschen sind in der City auf den Beinen. Der LVG aber verzeichnet rund um Fahnenträger Karl-Heinz Macher nur drei Fahnen im Festzug zwischen Altstadt und Römer. Das finden nicht alle gut. Dafür gelingt der sportliche Auftakt mit Bronzemedaillen für Jenny Kraege (Schalksmühle), Sebastian Rentrop (Plettenberg) und Melvin Lengenfeldt (Altena) bei den Deutschen Mehrkampf-Meisterschaften. Die Woche bringt danach LVG-Turnfestsiege im Indiaca (TV Grünenthal), Prellball (TV Berkenbaum) und auch wieder in den Wahlwettkämpfen (Edith Lüsebrink, Grünewald).

Der Westfalenabend im „A 66“ setzt Maßstäbe, die MK-Bank „Luxuslärm“ begeistert auf der Flussfestmeile, und die Messehallen sind ein tolles Turnfestzentrum. Die Gauvorsitzende Renate Friedrichs kommt mit gebrochenen Handgelenken an den Main und hat trotzdem ihren Spaß. Die Turner feiern sich selbst und der DTB seine Turner – drei Jahre nach dem Fußball-WM-Fest mit Public Viewing im ganzen Land setzt der DTB auf „Public Doing“. Klingt komisch, kommt aber an.

Metropolregion Rhein/Neckar 2013: Die Turnerinnen und Turner des TSV Kierspe beim Frühstück in einer Schule in Heidelberg.

Metropolregion Rhein-Neckar 2013: 18. bis 25. Mai; 50 000 Teilnehmer, darunter 320 aus dem LVG

Keine Metropole, dafür eine Metropolregion: Der DTB geht mit dem Turnfest in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg neue Wege. Die Basis bleibt skeptisch und zurückhaltend. Es kommen nur 50 000 Teilnehmer. Die erleben perfekt vorbereitete Gastgeber und tolle Turnstätten, die allerdings weit verteilt sind – bis hinaus nach Speyer, Heddesheim, Schwetzingen, Eppelheim, Ladenburg oder Schifferstadt. Zentrum ist die Quadratestadt Mannheim, in der das Turnfest auch mit dem Festzug eröffnet wird.

Der Rheinisch-Westfälische Abend steigt in der „Halle 02“ am Heidelberger Güterbahnhof. In Heidelberg gewinnen auch die Berkenbaumer Frauen und Männer zwei Prellball-Turnfesttitel. Karl-Heinz Macher ist nicht nur der LVG-Fahnenträger, sondern auch der letzte LVG-Leichtathletik-Kampfrichter beim Turnfest, und muss für seinen Dienst ohne Auto bis hinaus nach Schifferstadt reisen. Dort kommen auch die Wahlwettkämpfer hin – Siege feiern in den WWK für den LVG Brigitte Schmellenkamp (Plettenberg), Gisela Karbstein, Edith Lüsebrink (beide Grünewald) und Renate Friedrichs (TV Friesen Lüdenscheid).

Der TV Grünenthal gewinnt mal wieder etwas Neues – diesmal den Titel im Beachvölkerball. Nur die Mehrkämpfer gehen diesmal ohne Medaille leer aus – Madeleine Owen aus Lüdenscheid kommt im Deutschen Achtkampf einer solchen als Vierte am nächsten. Und die Technik? Whatsapp hält Einzug beim den jungen Turnerinnen und Turnern. So wandern bewegte Bilder von einer gelungenen Übung schnell zur Wettkampfstätte der Vereinskollegen oder in die Heimat. Und die Alten schauen verdutzt zu...

Berlin 2017: Die Formation „Between“ rockt das Turnfest.

Berlin 2017: 3. bis 10. Juni; 80 000 Teilnehmer, darunter 450 aus dem LVG

Schon wieder Berlin, diesmal anders als 2005 mit einem Festzug ohne Regen, aber wieder mit Karl-Heinz Macher als LVG-Fahnenträger durchs Brandenburger Tor. Das Maskottchen heißt diesmal „Berli“, wie nett. Der LVG feiert in den Messehallen die Formation „Between“ des TuS Meinerzhagen, die bei den Deutschen Meisterschaften der Sparte Gymnastik & Tanz Platz vier belegt und später in der Sparte DTB-Dance Rang acht. Die Formation „Up!“ krönt das Meinerzhagen mit Bronze im Petite-Group-Wettkampf.

Und sonst? Geht der LVG bei den Deutschen Mehrkampf-Meisterschaften wieder ohne Medaille nach Haus. Der weibliche Nachwuchs des TuS Grünewald wird Zweiter im Völkerball-Turnier, die Männer des TV Berkenbaum triumphieren wieder im Prellball in Charlottenburg, zum vierten Mal in Folge. In den Wahlwettkämpfen siegen für den LVG Dauerbrennerin Edith Lüsebrink und der junge Altenaer Schwimmer Dustin Dobrinsky. Der TV Jahn Plettenberg holt zwei Treppchenplätze beim Senioren-Wettkampf „Fit im Team“.

Aus dem Westfalenabend früherer Tage ist ein Abend mit Westfalen, Bayern, Schwaben und Hamburgern in der Messehalle 9 geworden. Die Stimmung passt trotzdem. Fazit: Berlin ist schon wieder eine Reise wert. Und unter dem Bild von artistisch springenden Plettenberger Turnerinnen vor dem Marathon-Tor steht in der Lokalzeitung: „Auf Wiedersehen, Berlin! Auf ein Neues in Leipzig!“ Ein frommer Wunsch…

Unter dem Bild der Plettenberger Turnerinnen vor dem Marathon-Tor steht im Juni 2017 in der Lokalzeitung: „Auf Wiedersehen, Berlin! Auf ein Neues in Leipzig!“ Ein frommer Wunsch…

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