Handball

Reformpläne: Unmut an der Basis

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Als Bundestrainer Christian Prokop kürzlich den Nachwuchs der SGSH Dragons am Löh zu einem Training besuchte, da war es auch ein Besuch des Leistungshandball-Segments an der Basis, eine gelungene Aktion. Diese Basis aber fürchtet nun, dass die neue Abgabe, die der DHB plant, vor allem den Leistungsmannschaften zu Gute kommen wird, dass an der Basis nichts davon ankommen wird.

Kreisgebiet – Am 1. November trifft sich das Präsidium des Handball-Verbandes Westfalen mit den Vorsitzenden der zwölf Kreise. Ein Thema des Tages an Allerheiligen: die geplante Strukturreform des Deutschen Handball-Bundes. Klaus Krass, Vorsitzender des Handballkreises Lenne-Sieg, ist gespannt, was den Vertretern der Kreise dann vorgestellt wird.

 „Ich weiß noch zu wenig darüber, um schon ein Urteil fällen zu können, will mich deshalb nicht zu weit aus dem Fenster lehnen“, sagt der Lenne-Sieg-Vorsitzende, „aber eins muss klar sein: Die Reform muss den Kleinen helfen, denn die kleinen Vereine haben die Probleme. Wenn ich an einen Standort wie Schalksmühle schaue – da läuft es. Aber die kleinen Vereine haben immer größere Probleme.“

Und mit ihnen auch kleine Kreise wie der Handballkreis Lenne-Sieg. Wenn Krass an eine Strukturreform denkt, dann denkt er auch darüber nach, dass man die Kooperation mit dem Kreis Hagen längst hat und keinesfalls verlieren dürfe. Auch andere Kreise haben Probleme. Ein Flächenkreis von Erndtebrück bis Schwelm – für Krass keine Horrorvorstellung, sondern wohl vielmehr ein realistischer Ansatz.

Würde der Kreis Hagen zum Beispiel in Zukunft eine Ehe mit dem Kreis Dortmund eingehen – mit wem sollte der Kreis Lenne-Sieg am südlichen Ende Westfalens noch zusammenarbeiten, wie sollte er dann überlebensfähig bleiben? Die Strukturreform des DHB beschäftigt sich zwar auch mit strukturellen Ideen für z.B. mögliche organisatorische Zusammenschlüsse auf Landesverbandsebene, landesverbandsübergreifende Angebote in der Trainerausbildung, regionale Konzepte für die Ehrenamtsgewinnung oder einen landesübergreifenden Spielbetrieb, doch vieldiskutiert ist sie aus einem anderen Grund: Die Reform will den Handballern für das Erreichen der gesteckten Ziele (siehe Info-Kasten) auch ein Stück weit in die Tasche greifen.

Durchschnittliche Gebühr von einem Euro pro Monat

Es geht um die Einführung einer Gebühr, die unmittelbar von den aktiven Handballspielerinnen und -spielern erhoben werden soll. Der DHB verweist in einem offenen Brief darauf, dass man damit einem Beispiel des Deutschen Eishockey-Bundes folge. Konkret bedeutet dies, dass jeder Aktive (mit Ausnahme der jüngsten Handballer) monatlich einen Beitrag an den DHB abzuführen hat. Die finanzielle Belastung soll sich an der Spielklasse orientieren – insbesondere die oberen Klassen (1./2. Bundesliga, 3. Liga) sollen stärker belastet werden.

Im Durchschnitt soll die Gebühr 1 Euro pro Monat betragen – bei 250 000 Aktiven, die zum Kreis zählen, ein erklecklicher Betrag, von dem 15 neue Stellen im Bereich Leistungssport und 20 Stellen im Bereich Mitgliederentwicklung auf Landesverbandsebene geschaffen werden sollen. In diesen beiden Bereichen haben die DHB-Verantwortlichen nämlich Defizite ausgemacht.

Im offenen Brief heißt es: „Es besteht weiterhin Handlungsbedarf. Unsere Nationalmannschaften erreichen die sportlich gesteckten Ziele zuletzt nicht. Unsere Mitgliederzahlen stagnieren. Darüber hinaus stehen wir in intensivem Wettbewerb mit anderen Sportarten, und das Freizeitverhalten in unserer Gesellschaft verändert sich zunehmend. Es steht deshalb fest, dass wir weiterhin sowohl in der Spitze (Leistungssport) als auch in der Breite (Mitgliederentwicklung) investieren müssen.“

Problem in der Mitgliederentwicklung

Die Probleme in der Mitgliederentwicklung ist gerade im Kreis Lenne-Sieg sehr präsent. Gerade im oberen Nachwuchsbereich sind die Spielklassen inzwischen so knapp besetzt, dass es einem um den Handballsport angst und bange werden kann. Die Basis allerdings fürchtet, dass der DHB hier nur Geld von der breiten Masse der Handballer generieren möchte, um das Aushängeschild Nationalmannschaft noch besser zu fördern. Entsprechend fielen die Reaktionen in den sozialen Netzwerken aus.

Der offene Brief von DHB-Präsident Andreas Michelmann und Geschäftsführer Mark Schober darf als Reaktion auf den Unmut an der Basis verstanden werden. Roland Janson, Männerspielwart im Handballkreis Lenne-Sieg und als Lehrwart der Schiedsrichter in Westfalen auch Mitglied der Technischen Kommission des Verbandes, kann den Unmut an der Basis nachvollziehen.

„Dieses Vorgehen ist unglaublich“, sagt der Funktionär aus Altena, „diese Abgabe wird die Vereine belasten, denn die Vereine sind es, die das Geld für ihre aktiven Mitglieder abführen müssen.“ Janson weist darauf hin, dass dann auch für die „Karteileichen“ gezahlt werden muss. „Die Vereine haben Pässe von Spielern, die schon zehn Jahre nicht gespielt haben.“ Meldet man sie ab, wird der DHB hier eher mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen haben und entsprechend auch weniger Geld generieren.

Basis darf nicht zu kurz kommen

„Das kann es nicht sein“, sagt Janson über den Ansatz, „die Dinge müssen der Basis zu Gute kommen. Ohne die Basis kein Leistungssport. Aber nehmen wir nur die Weltmeisterschaft im eigenen Land: Der Gewinn sollte auch dem Breitensport zu Gute kommen. Ich sehe aber nicht, dass an der Basis irgendetwas ankommt.“ Klaus Krass will sich sein abschließendes Urteil erst in den nächsten Wochen bilden. Am Sonntag findet eine Bundesratssitzung des DHB statt. Was dort besprochen wird, wird Westfalens Präsident Willi Barnhusen auch mitbringen zur Tagung am Allerheiligentag.

Auf Ebene des Westdeutschen Handball-Verbandes steht am 9. November der Verbandstag (mit Neuwahlen des Vorstandes, zwei vakante Ämter) an. Auch hier wird die Reform gewiss eine Rolle spielen. 2020, so heißt es in dem offenen Brief, wolle der DHB zu Entscheidungen kommen. Die Landesverbände müssen sich deshalb bald positionieren – wenn sie dies nicht schon getan haben. Leicht wird ihnen die Entscheidung nicht fallen.

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