Neu im Team von "Monsieur Anatoli"

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Fest integriert im LTV-Team: Mohamed Hanani.

Lüdenscheid - Für die Volleyballer des LTV 61 war es ein unerwarteter Segen – für Mohamed Hanani eine willkommene Abwechslung. Auch wenn er sich umstellen musste. „Je suis passeur“, betont der junge Mann im Gespräch, „ich bin Zuspieler.“

Beim LTV in der Bezirksliga wird Hanani bevorzugt als Mittelangreifer eingesetzt. Mit einer Mischung aus Routiniers, einigen Spielern im „besten Sportler-Alter“ und mehreren Jugendlichen hatten die Lüdenscheider Volleyballer nach einem Jahr die Spielgemeinschaft mit dem TV Grünenthal aufgekündigt und sich wieder als eigenständige Mannschaft für den Spielbetrieb im Westdeutschen Volleyballverband gemeldet. Komplettiert wurde das Team von Spielertrainer Anatoli Janzen unerwartet durch Mohamed Hanani, Asylbewerber aus Marokko.

Ausgerechnet Volleyball. Eine Sportart, die in Lüdenscheid nicht gerade tiefe Wurzeln geschlagen hat. Jedenfalls, was den leistungsorientierten Sport angeht. Im VC Lüdenscheid wurden einmal die Kräfte gebündelt, doch dieser 1990 gegründete Verein ist schon wieder Geschichte. In der Volleyball-Abteilung des Großvereins LTV 61 wird jetzt gepritscht, gebaggert und geschmettert. Dabei setzt sich das Team zu großen Teilen aus russlanddeutschen Spätaussiedlern der ersten und zweiten Generation zusammen.

Aber: Vor einigen Jahren gaben die Volleyballer in den schwarz-weißen Trikots bereits einem Mittelangreifer namens Francesco di Mise eine sportliche Heimat, der aus beruflichen Gründen von Italien nach Lüdenscheid gezogen war. Bei Mohamed Hanani ist die Lage anders. Mit einem Arbeitsvisum reiste er nach Italien ein. Er blieb mehr als zwei Jahre, arbeitete als Erntehelfer. Zuvor hatte er in Marokko studiert, doch Arbeit fand er immer nur phasenweise, mal als Fahrer, mal als Kellner. Nach seiner Zeit in Italien reiste der heute 34-Jährige in die Schweiz, dann nach Deutschland. Die Gesetze der Bundesrepublik kannte er nicht – wollte er in der Bundesrepublik bleiben, müsse er einen Asylantrag stellen, sei ihm gesagt worden, berichtet Mohamed Hanani.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International führt für sein Heimatland Polizeigewalt gegen Demonstranten, Verhaftungen von Kritikern des marokkanischen Königshauses oder Meldungen über Folter auf. Eine persönliche Verfolgung habe bei ihm aber nicht vorgelegen, sagt Hanani. Seine Eltern und Geschwister leben zum Teil in Marokko, zum Teil im Ausland, der Bruder ist beim Militär. Das Asylverfahren läuft noch. Nachdem er über Dortmund und Detmold nach Lüdenscheid gelangte, fragte er nach, wie es mit den Möglichkeiten aussieht, in der Bergstadt Volleyball zu spielen. Im Rathaus wurde er an den LTV verwiesen.

„Ich bin der Dame im Rathaus sehr dankbar“, lächelt der Marokkaner. In der Jugend gehörte er der U18-Nationalmannschaft seines Heimatlandes an, nahm zweimal an Afrika-Meisterschaften teil, erklärt er. Bei den 61ern spielt er in der Bezirksliga – der untersten Klasse, die es im WVV-Spielbetrieb in der Region gibt. Im Team ist der 1,90 Meter große Marokkaner als Mittelangreifer gesetzt. In dieser Spielklasse könne er auch diese Rolle ausfüllen, sagt der gelernte Stellspieler, der den Volleyballsport in Italien sehr vermisste: Der nationale Verband habe nicht zugelassen, dass Migranten einen Spielerpass erhalten. In Deutschland war das kein Problem, freut sich der 34-Jährige.

„Ich darf Lüdenscheid nicht verlassen“, fügt er hinzu, „aber zu Auswärtsspielen mitzufahren ist kein Problem.“ In der Flüchtlingsunterkunft teilt sich Mohamed Hanani ein Zimmer mit drei Guineern. Seine Zimmergenossen hätten ihm nicht geglaubt, dass er einer deutschen Sportmannschaft angehört – bis sie es einmal mit eigenen Augen sahen, Zweimal pro Woche holen ihn Mitspieler zum Training ab, samstags zu Spielen. Die Verständigung auf dem Spielfeld läuft teils auf Deutsch, teils auf Englisch – und auch ein wenig Russisch hat Hanani schon von „Monsieur Anatoli“ und den Mitspielern aufgeschnappt.

Auch privat hat sich Mohamed Hanani schon mit LTV-Volleyballern getroffen. Er würde gern in der Bundesrepublik bleiben, meint der Asylbwerber: Wie das Leben in Deutschland organisiert ablaufe, das gefalle ihm. Doch was die Zukunft bringe, wisse er noch nicht.

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