Fußball (RWL Retro)

Volker Rieske: Der Mann für die besonderen Gäste am Nattenberg

Cover Vereinsheft mit einem Fußballer
+
Volker Rieske in Siegerpose auf dem Rot-Weiß-Spiegel der Saison 80/81: der Mann für die besonderen Gäste am Nattenberg.

Frühjahr 1981: RW Lüdenscheid verabschiedet sich nach vier Jahren langsam aus der 2. Bundesliga. Am 28. März 1981 mit einem 2:1-Sieg gegen Andreas Köpke und Holstein Kiel. Volker Rieske erinnert sich an diese Zeit.

Lüdenscheid – Zwischen dem Lüdenscheider Nattenberg und dem Nationalstadion in Bukarest liegen auf den Tag 40 Jahre. Für Andreas Köpke jedenfalls. Köpke, Weltmeister von 1990, Europameister von 1996 und als Torwarttrainer Weltmeister von 2014, ist am Sonntag mit der Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation in Rumänien zu Gast.

Am 28. März 1981 stand Köpke noch selbst auf dem Platz. Gerade 19 Jahre alt, im Tor seines Heimatvereins Holstein Kiel, überwunden von Uwe Helmes und Amir Hadifar, die Rot-Weiß Lüdenscheid am 32. Spieltag der 2. Bundesliga zum 2:1-Sieg gegen den Gast aus Schleswig-Holstein schossen.

Ob ein Köpke, der noch als Nobody den Nattenberg besuchte, oder ein Ronny Worm, der mit Braunschweig kam und vorher schon eine WM-Teilnahme als Stürmer auf dem Buckel hatte – in der 2. Bundesliga tummelten sich Spieler, deren Namen noch heute, 40 Jahre danach, einen besonderen Klang haben.

Volker Rieske: Der Mann für die besonderen Gäste am Nattenberg

Für die besonderen Gäste hatten die Rot-Weißen einen Mann, der sich auch besonders um sie kümmerte, jedenfalls dann, wenn es sich um gefährliche Stürmer handelte. Ein schneller, unerbittlicher Verteidiger, zweikampfstark und ohne Angst vor großen Namen: Volker Rieske.

„In einem Jahr hatte ich gerade einen guten Lauf, da hat mich der Trainer gefragt, ob ich mir den Horst Hrubesch auch zutraue“, erzählt der heute 67-Jährige, der sich auch am Telefon gerne an diese Jahre, die besten seiner Karriere, erinnert. Na klar, habe er gesagt. Der Trainer habe dann ein Sonderlob in der Zeitung als Lohn in Aussicht gestellt, wenn der Hrubesch kein Tor schieße. Und? Der Hrubesch schoss das 1:0 für Rot-Weiß Essen an diesem April-Dienstagabend vor 10 000 Zuschauern am Nattenberg. Aber es war ein Elfmeter, den Frank Mill herausgeholt hatte. RWL drehte die Partie, gewann 3:2 – und das Sonderlob für Rieske gab’s natürlich auch, für den Elfmeter hatte er ja nichts gekonnt.

Andreas Köpke (links): Hier mit Bundestrainer Joachim Löw heute bei der deutschen Nationalmannschaft, am 28. März 1981 im Tor von Holstein Kiel am Nattenberg

„Am schönsten war es, wenn die Stürmer dann nach einer Stunde entnervt ausgewechselt wurden“, erinnert sich Rieske – und wieder ist es eine Erinnerung, die er mit einem Beispiel aus einem Heimspiel gegen Rot-Weiß Essen unterfüttert. Horst Hrubesch spielte da bereits für den Hamburger SV und sollte Deutschland 1980 zum Europameistertitel geköpft haben. Für Essen stürmte inzwischen Willi „Ente“ Lippens. Der hatte seine Karriere quasi hinter sich, hatte im Jahr zuvor für Dallas Tornado gespielt.

Am schönsten war es, wenn die Stürmer dann nach einer Stunde entnervt ausgewechselt wurden!

Volker Rieske über die Zeit in der 2. Bundesliga

„Ich habe gehört: Du bist ein ganz Schneller, und flanken kannste wie der Kaltz...“, habe Lippens ihn vor dem Spiel aufgezogen. „Pass mal auf, dass da nicht gleich die ‘11’ gezeigt wird“, habe Rieske ihm gesagt und Richtung Bank gewiesen. Und dann? Nach 70 Minuten im November-Nebel 1979 am Nattenberg wurde die ‘11’ gezeigt. Nach 70 Minuten war Schluss für Lippens. „Ente – und tschüss!“, habe er ihm noch nachgerufen. Und der habe entgegnet: „Komm du mir mal zur Hafenstraße...“ Ja, so waren die Zeiten damals am Nattenberg.

Volker Rieske war in den vier Zweitliga-Jahren der Rot-Weißen eine Konstante im Lüdenscheider Team, auch wenn er gar kein richtiger Lüdenscheider war. Gebürtig aus Dorstfeld hatte sich Rieske in Dortmund über die Auswahlteams bis in die „Fohlen-Elf“ von Borussia Dortmund gekickt. Dort aber habe er sich mit dem Trainer nicht verstanden. So kam Rieske über einen Abstecher zur SG Wattenscheid 09 zum VfB Altena. Zwei Jahre lang Oberliga-Rivale von RWL am Pragpaul.

Serie: RWL Retro

Das Frühjahr 2021 ist in Lüdenscheid geprägt vom sportlichen Lockdown. Nichts geht dieser Tage. Vor 40 Jahren, im Frühjahr 1981, kämpfte Rot-Weiß Lüdenscheid in der 2. Fußball-Bundesliga, die zur Saison 81/82 eingleisig werden sollte, um den Klassenerhalt. Es war ein aussichtsloser Kampf, denn für die Qualifikation für die eingleisige 2. Liga wurde eine Wertung mit Ergebnissen der vorherigen fünf Spielzeiten zu Rate gezogen. So lange waren die Rot-Weißen seinerzeit noch gar nicht dabei gewesen. In Erinnerung geblieben ist diese Zweitliga-Zeit dem Fußballfan aber natürlich trotzdem. RWL war der Stolz der Fußballregion in diesen Tagen, auch wenn es am Ende der Spielzeit 80/81 zurück in die Oberliga ging, die damals noch die dritthöchste Spielklasse war. Die LN erinnern in einer Serie an einige der Protagonisten der damaligen Zweitliga-Tage.
Teil 1: Peter Vollmann
Teil 2: Volker Rieske

„Da habe ich wohl keinen so schlechten Eindruck hinterlassen“, sagt Rieske – RWL stieg in die 2. Bundesliga auf, und Klaus Hilpert holte den Dortmunder von der Burg- in die Bergstadt. „Am Pragpaul, da ware auch schon richtig was los gewesen in dieser Zeit“, erzählt Rieske, „aber das war nichts gegen Lüdenscheid. Da hatten wir im ersten Jahr immer mindestens 7000 bis 8000 Zuschauer.“

132 Zweitliga-Spiele und vier Tore

Vier Jahre sollten es am Nattenberg werden, vier Jahre 2. Bundesliga: Auf 132 Spiele und vier Tore brachte es der Verteidiger in dieser Zeit. Es gab nur wenige Rot-Weiße, die in diesen vier Spielzeiten öfter auf dem Platz standen. „Es war meine schönste Zeit im Fußball“, sagt Rieske heute, „wir hatten so viele Zuschauer und einen so tollen Zusammenhalt. Und wir haben gegen viele ganz Große gespielt. Das waren schon Hausnummern. Wir hatten nicht so viel Geld wie Münster oder Herne, aber der Vorstand, allen voran Klaus Eick, hat da sehr, sehr ordentliche Arbeit gemacht.“

Als die schönen Zweitliga-Jahre im Frühjahr 1981 für RWL zu Ende gingen, da verabschiedete sich auch Rieske aus der 2. Bundesliga. Die letzten Spiele machte der Kämpfer gehandicapt: Achillessehnen-Beschwerden. Die kurierte er danach aus und heuerte im Herbst beim Oberligisten in Hamm an. Später sollte Rieske 32 Jahre lang als Trainer arbeiten. In Rhynern, bei den SF Siegen und 1995 auch wieder am Nattenberg, als Nachfolger seines ehemaligen Zweitliga-Teamkollegen Hannes Oehler. Rieske schaffte mit den Rot-Weißen in der Oberliga den Klassenerhalt. Dann folgte im November 1996 der Finanzcrash, als die Steuerfahndung am Nattenberg zuschlug. Das Oberliga-Kapitel schloss sich, Rieske zog binnen weniger Tage weiter zur SpVg Beckum.

Hannover 96 mit Dieter Schatzschneider in Lüdenscheid

Wenn er an die Abstiegssaison 80/81 denkt, dann denkt er auch an die Fünf-Jahres-Wertung des DFB, die den Rot-Weißen die Qualifikation für die eingleisige 2. Bundesliga praktisch unmöglich gemacht hatte. „Eigentlich hast du keine Chance – das war schon ein Motivationsschlag“, sagt der Dortmunder, „wenn du da bestehen willst, musst die Psyche zu 100 Prozent stimmen“, so Rieske, „aber wir kämpften auf einmal für ein Ziel, das eigentlich gar nicht zu erreichen war. Da hätten wir ja Zweiter oder Dritter werden müssen.“

RWL wurde am Ende 20. in der 22er-Liga. Vorne waren die großen Namen – Hannover 96 mit dem großen Dieter Schatzschneider (27 Saisontore), gegen den Rieske natürlich verteidigen durfte, Hertha BSC, Eintracht Braunschweig und über allem schwebend Otto Rehhagels Bremer, für die in dieser Saison Klaus Fichtel, Jonny Otten, Norbert Meier, Benno Möhlmann und Uwe Reinders zweitklassig spielten.

Nur Werder Bremen gewinnt im Schnee am Nattenberg

Und natürlich Erwin Kostedde, der es sogar auf 29 Saisontore brachte. Rehhagel hatte in der Saison für Kuno Klötzer übernommen, saß beim 2:0-Rückspielsieg gegen RWL auf der Werder-Bank und sah zwei Kostedde-Tore. Im Dezember war das noch anders gewesen. Da war Kostedde am Nattenberg nach 60 Minuten ausgewechselt worden – und Rieske hatte seine Aufgabe wieder einmal zur vollen Zufriedenheit seines Trainer Günter Luttrop erfüllt.

„Wir waren in dieser Zeit richtig heimstark“, sagt Volker Rieske, „vor allem wenn Schnee lag, hatte eigentlich keiner was bei uns zu holen – außer Werder Bremen...“ Die Bremer siegten im Dezember 1980 1:0 am Nattenberg. „Aber nur“, sagt Rieske und ist sich da 100-prozentig sicher, „weil der Burdenski einfach alles gehalten hat.“ Dieter Burdenski – deutscher WM-Torwart von 1978 und Sohn von Herbert Burdenski, der zum einen das erste Länderspieltor für Deutschland nach dem 2. Weltkrieg geschossen, zum anderen Rot-Weiß Lüdenscheid in der Zweitliga-Saison 78/79 trainiert hatte – war auch einer dieser großen Gäste am Nattenberg. Nur mit Volker Rieske hatte Dieter Burdenski naturgemäß bei seinem Gastspiel im Lüdenscheider Schnee nichts zu tun.

28. März 1981: RW Lüdenscheid - Holstein Kiel 2:1 (0:1)

Amir Hadifar und Uwe Helmes waren am 28. März 1981 im Samstag-Heimspiel von Rot-Weiß Lüdenscheid am 32. Spieltag der 2. Bundesliga Nord gegen Holstein Kiel die Matchwinner. Das Hinspiel in Kiel war 0:0 ausgegangen. In der Zweitliga-Zeit hatten die Rot-Weißen eine ausgeglichene Bilanz gegen das Team aus dem Norden (zwei Siege, zwei Unentschieden, zwei Niederlagen). Die Kieler belegten am Ende den 14. Platz und verpassten wie RWL die Qualifikation für die eingleisige 2. Bundesliga der Saison 81/82.

RWL: Wegner – Rieske, Oehler, Busch, Alfes (63. Lopatenko), Holtkamp, Steinhauer (35. Petkovic), Wischniewski, Wrede, Hadifar, Helmes – Trainer Luttrop
Holstein Kiel: Köpke – Aido, Cryns, Ernemann, Stelzer, Tönsfeldt, Brexendorf, Jordt (14. Wendtland), Kovacs (78. Jochimiak), Larsen, Stickel – Trainer Richert
Schiedsrichter: Prinz (Stolberg)
Tore: 0:1 (23.) Wendlandt, 1:1 (50.) Helmes, 2:1 (68.) Hadifar
Zuschauer: 500

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare