Fußball, TuS Herscheid strebt den Aufstieg an

Aufbruchsstimmung und Spektakel

B-Ligist TuS Herscheid
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Trainingsabend: Herscheids hungrige Mannschaft ist wie das Team drum herum heiß auf den Erfolg.

Sonntag, 15. August: Der TuS Herscheid schaltet den Bezirksligisten TuS Neuenrade in der 1. Runde des Kreispokals aus. Nicht nach Elfmeterschießen, nicht nach einer Abwehrschlacht, sondern überzeugend mit 4:0. Der Erfolg des B-Ligisten wird in der Feelgood-Arena entsprechend gefeiert. Die junge Mannschaft erhält viel Lob, Altvordere wie der frühere Vorsitzende Heinz-Georg „Hucka“ Huckschlag und Werner Kreikebaum, die in den vergangenen Jahren nur noch selten den Weg zum Müggenbruch gefunden hatten, gratulieren Trainer Hennes Vogelsang zu seiner jungen und dynamischen Truppe. Auf der Tribüne beginnen die Fußballfrauen des TuS Herscheid, die nach ihrem Testspiel am Vormittag da geblieben sind, um die „Erste“ anzufeuern, ein Lied zu singen. Es ist die von Karl-Ernst „Motz“ Bauckhage verfasste Vereinshymne. Momente, die Vogelsang das Herz aufgehen lassen und die auch TuS-Legende Bauckhage mehr als erfreut hätten.

Herscheid - Zwei Tage später: Gesprächstermin im TuS-Heim, das zu Ehren des im Januar 2018 verstorbenen Bauckhage noch im gleichen Jahr zum „In’s Motz“ umbenannt wurde. Hennes Vogelsang ist gekommen, Co-Trainer Andreas „Bulli“ Schulze und der neue Sportliche Leiter Jens Beer. Wir wollen reden über die Aufbruchsstimmung, die den Verein aus der Ebbegemeinde erfasst hat.

Den Verein, der 2018 aus der Kreisliga A abstieg und den sofortigen Wiederaufstieg als Vierter nicht packte. Trainer Christopher Birkelbach hörte nach fünf Jahren auf, Holger Knittel, damals Sportlicher Leiter, sprach Hennes Vogelsang an, ob er sich nicht nach acht Jahren eine erneute Rückkehr als Trainer vorstellen können. „Aus dem Alter bin ich raus“, hatte Hennes in der ersten Reaktion gesagt, dann aber doch zugestimmt, weil sich der Job mit seiner Tätigkeit als Haustechniker im Herscheider Seniorenzentrum vereinbaren ließ. „Mein Wunsch wäre eigentlich gewesen, mal eine A-Jugend in der Westfalenliga zu trainieren. Das wäre mein Ding gewesen“, erzählt Vogelsang. Aber zum x-ten Mal TuS Herscheid? Letztlich sagte er doch zu und versprach: „Ich mache es zu 100 Prozent.“

Trainer Hennes Vogelsang

Das Anforderungsprofil des Vorstands lautete: „Vom früheren Zweitligaspieler erwartet sich der Vorstand ein ,Back To The Roots’ – ehrlichen Fußball, eine bessere Trainingsbeteiligung und auch einen besseren Zuschauerzuspruch, gerade von den „alten“ Herscheidern.“

Blühende Kooperation

Zwei Corona-Spielzeiten später hat Vogelsang diese Aufgabe schon erfüllt, ein drittes Jahr will er sich nun noch gönnen. „Dass wir 2020 als Sechster den Aufstieg nicht geschafft haben, hat mich erst geärgert. Heute sage ich: Gut so!“, bekam Vorgelsang die Zeit, eine junge Mannschaft behutsam aufzubauen. Im Sommer 2020 kam der erste Schwung Jugendlicher aus der Kooperation mit dem RSV Listertal ins Team, in diesem Jahr der zweite, wuchs der Kader auf 30 Spieler an. Eine Situation, die nach Jahren, in denen die Zahl der Einheimischen im Team immer weniger wurde, ein Glücksfall war, aber auch Beleg dafür, dass die Jugendspielgemeinschaft mit Listertal der richtige Schritt war. „Das passt“, sagt Vogelsang, „beide Vereine profitieren, alles geht fair und ehrlich vonstatten und niemand nimmt dem anderen die Spieler weg. Das ist fest verankert“, weiß der Trainer.

„Wir haben keine Studenten, die Jungs machen ihre Lehre vor Ort. Sie müssen sich zwar als Mannschaft noch finden, aber sie sind alle sympathisch“, sagt Vogelsang über die „jungen Burschen, die ich als alter Bock trainiere.“

„Akzeptieren die mich auch?“, hat sich der 64-Jährige, der Ende des Jahres sein Rentnerdasein beginnen wird, erst gefragt, dann aber rasch festgestellt: „Mit denen gehe ich da durch“ – will sagen, zurück in die Kreisliga A.

Wenngleich: Vogelsang hält trotz des Pokalerfolgs, trotz der Siege gegen A-Ligisten in der Vorbereitung, den Ball flach. „Ich sehe fünf Mannschaften, die um den Aufstieg spielen werden: Brügge, Eggenscheid, mein Geheimfavoriten AFC Lüdenscheid, den Schlesischen SV und uns. Wir wollen dabei sein, die ersten fünf Spiele sind schon sehr wichtig“, hofft er auf einen guten Saisonstart. Denn gegen drei der Mitbewerber spielt der TuS schon im September.

Co-Trainer Andreas „Bulli“ Schulze

Von den 30 Spielern, welche die Vorbereitung mitgemacht haben, sollen 20 plus zwei Torhüter bleiben, damit jede Position doppelt besetzt ist. „Im Vorjahr habe ich nicht aussortiert, aber jetzt müssen wir das machen“, wird Vogelsang in Absprache mit Co-Trainer Andreas Schulze und dem Sportlichen Leiter Jens Beer nun den Cut vornehmen.

„Bulli“ Schulze und Jens Beer, beides ehemalige Torhüter, sind vom Temperament her das absolute Gegenteil des „Ebbe-Vulkans“. Wenn Vogelsang mal wieder explodiert und aufbraust, sorgt der im TuS Plettenberg groß gewordene, aber beim TuS Herscheid längst zum Inventar zählende Schulze wieder für Ruhe. „Wir teilen uns die Aufgaben und es ist ein gutes Gefühl, dass ich einen Co-Trainer habe, auf den ich mich verlassen kann. Er kennt hier alle Gegebenheiten“, sagt Vogelsang. „Bulli“ Schulze nickt zustimmend.

„Sechser im Lotto“

Dass Jens Beer, der unter anderem bei RW Lüdenscheid und dem SC Plettenberg zwischen den Pfosten stand, in diesem Jahr als Sportlicher Leiter dazu gekommen ist, bezeichnet Vogelsang als „Sechser im Lotto“. Beer hatte seine aktive Laufbahn beim TuS ausklingen lassen und sich zurückgezogen, „weil eine halbe Stunde nach dem Spiel alle weg waren und ich mit Benny Fuhrländer alleine da saß.“

Der Sportliche Leiter Jens Beer

Das hat sich nun wieder ins Gegenteil verkehrt. Beer, der die Geselligkeit nach dem Sport liebt, freut sich, dass „jetzt wieder alle zusammenhängen und Leben drin ist. Es lohnt sich wieder, hier mitzumachen. Es macht Spaß und es wächst etwas heran.“

Auf dem Platz, da will Hennes Vogelsang mit seiner durch einige erfahrene Korsettstangen ergänzten jungen Truppe für Spektakel sorgen. „Das 4:0 gegen Neuenrade war schön, aber auch ein 4:3 hätte mich gefreut – ich liebe das.“ Ballbesitzfußball à la Jogi Löw ist dem einstigen Vollblutstürmer ein Graus, „ich bin eher der Klopp-Typ. Klar, man muss ruhig hinten raus spielen, aber wenn ich das Tor sehe, dann heißt es: drauf“, ermuntert er seine Schützlinge im Training, immer den Abschluss zu suschen. „Nur wenn es fünfmal nicht geklappt hat, sollte man vielleicht auch mal den Nebenmann sehen“, sagt Vogelsang, der das Fußballspielen in Herscheid gelernt hat und schon mit 17 zum Nattenberg wechselte, den er nach unter anderem 23 Zweitligaeinsätzen für RW Lüdenscheid wieder verließ.

Spricht man ihn auf die alten Zeiten an, beginnt Hennes zu erzählen, so von BVB-Legende Reinhold Wosab, mit dem er ein Jahr zusammen bei RWL in der Regionalliga West spielte und der ihm eine Fortsetzung der Laufbahn bei den Profis von RW Essen in Aussicht stellte. Doch das Telefon klingelte bei Vogelsang nicht, erst 1982 traf man sich wieder, in der Verbandsliga. Hennes schoss damals Tore am Fließband für die SpVg Olpe, Wosab verdiente sich beim aus der Bezirksliga durchmarschierten SSV Mühlhausen-Uelzen zum Ausklang seiner Karriere noch ein paar Mark. „Warum hast du nie angerufen?“, fragte „Zange“ Wosab den Herscheider, der aus allen Wolken fiel. Wie die zwei Königskinder waren sie nicht zusammengekommen.

Wosabs anschließende Anfrage, ob sich Vogelsang in seinem Tordrang gegen den abstiegsbedrohten Unnaer Dorfverein nicht mäßigen könne, erteilte Hennes indes eine klare Absage. „Ich will Torschützenkönig werden“ sagte er unmissverständlich. Das Ergebnis: „Wir haben 6:2 gewonnen und ich habe vier Hütten gemacht.“

Mit dem Herzen dabei

Viele Stationen als Spielertrainer und Trainer folgten. So wurde Coach Vogelsang mit dem VSV Wenden 1987/88 Sechster in der Verbandsliga, führte den TuS Neuenrade 1991 in die Landesliga. Aber immer wieder zog es ihn zum TuS Herscheid zurück, für den er mittlerweile zum dritten Mal als Trainer fungiert. „Mein Herz schlägt immer für diesen Verein“, sagt er – auch in den Jahren, in denen er sonntags nur mal mit dem Hund am Platz entlang ging und sich einige Minuten der Spiele durch den Zaun anschaute, war dies so.

Jetzt ist Hennes wieder mittendrin im Geschehen und will am Ende der Saison, dann mit 65, am liebsten den Aufstieg feiern. Das Vereinslied wird er dann wahrscheinlich sogar mitsingen. „Motz“ Bauckhage wäre es fraglos recht.

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