Der LSB-Präsident im Gespräch

"Stellenwert des Sports ist nicht hoch genug"

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Zum Gespräch über die Lage des Sports in Lüdenscheid: Walter Schneeloch.

Lüdenscheid -- Die Zeiten werden auch für die Sportvereine nicht einfacher. Hallenbelegungen durch Flüchtlinge, mangelnde Bereitschaft zum Ehrenamt und Sportstättennutzungsgebühren sind nur wenige der Dinge, die ihnen Sorgen bereiten. Im Gespräch mit Volontär Florian Herrmann sprach Walter Schneeloch, Präsident des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen, über Fehler und mögliche Lösungen.

Walter Schneeloch, wir beginnen vor der Haustür. Die Sportklinik Hellersen ist in Schieflage geraten, Vorstand Michael Koke wurde entlassen. Wie sehen Sie die Entwicklung? 

Schneeloch: Natürlich interessiert uns die Entwicklung dort sehr, wobei wir als LSB ja nicht mit im Geschäft sind. Frau Schandelle (Geschäftsführerin der Sportklinik, Anm. d. Red.) ist die Herrin des Handelns. Wir hoffen, dass die Situation bald überstanden ist. Schließlich fallen die Geschehnisse ja auch auf den Sport zurück. 

Eine Entwicklung, die Sie auch nicht freuen dürfte, ist die des Ehrenamtes. In Lüdenscheid stehen drei Breitensportvereine ohne Vorsitzenden da. Ist das Ehrenamt tatsächlich auf dem absteigenden Ast? 

Schneeloch: Ja, speziell bei der Besetzung der Vorstandspositionen. Etwa 13 Prozent der Vereine haben enorme Probleme, da sie die Vorstandspositionen nicht besetzen können. Von 1999 bis 2009 hat der Sport 650 000 Ehrenämtler verloren. Darum muss das Ehrenamt auch attraktiver gestaltet werden. 

Wo liegen denn die Ursachen für diese Entwicklung? 

Schneeloch: Mit Sicherheit darin, dass die Aufgaben des Ehrenamtes überladen sind. Viele Leute sind schlichtweg überfordert mit dem bürokratischen Aufwand, der teilweise bewältigt werden muss. Aber der Sport ist teilweise auch selber Schuld. Wir müssen mehr in die Schulen und Kindergärten gehen, dort versuchen, Leute für die Vereine zu gewinnen. Warum muss denn jemand, der ein Amt bekleiden soll, vorher schon in dem Verein aktiv gewesen sein? Es gibt einige tolle Modelle, wie Vereine Ehrenämtler gewinnen können. Nicht nur aus dem eigenen Vereinsleben heraus. 

Hat das Ehrenamt auch ein Nachwuchsproblem? 

Schneeloch: Ja. Nehmen Sie beispielsweise die heutige Generation der Schülerinnen und Schüler. Durch den Ganztag an Schulen ist der Tag doch komplett verplant. Manche haben gar keine Zeit, sich nach der Schule noch im Verein zu engagieren. Früher war das einfacher. Da hatte der Tag zwei Hälften. Nach der Schule war ab Nachmittags noch Zeit. 

Wie kann man das Ehrenamt attraktiver gestalten, um die Menschen wieder in die Vereine zu holen? 

Schneeloch: Zum einen plädieren wir dafür, das Ehrenamt von den genannten bürokratischen Lasten zu befreien. Wir brauchen Hauptämtler, die zum Beispiel diese bürokratischen Aufgaben übernehmen. Wenn die Entlastung des Ehrenamtes gelingt, wird es wieder einfacher, Ehrenamtler zu finden. Das Ehrenamt ist die wichtigste Ressource des Sports. 

Aber die Hauptämtler müssen auch bezahlt werden. 

Schneeloch: Wir haben aktuell gerade mit Blick auf die zunehmende Integrationsarbeit, die von den Vereinen geleistet werden muss, insgesamt 20 halbe hauptamtliche Stellen geschaffen, gerade im Hinblick auf die zunehmende Integrationsarbeit, die von den Vereinen geleistet werden muss. Wenn Integration gelingen soll, braucht man Integrationslotsen, die beispielsweise bei den Sprachbarrieren Abhilfe schaffen können. Da sind viele ehrenamtliche Helfer überfordert. Es ist aber schwierig, Personal einzustellen, wenn Gelder immer nur für ein Jahr, also den aktuellen Haushalt, zugesichert werden können. 

Ein aktuelles Problem ist für viele Sportvereine auch die Belegung von Sporthallen durch Flüchtlinge. Der LSB hat eine Reihe von Forderungen gestellt. Inwieweit sehen Sie diese erfüllt? 

Schneeloch: Der Sport leistet gesellschaftlich sehr viel. In diesem Zusammenhang ist der Sport der Integrationsmotor Nummer eins. Daher halten wir es für kontraproduktiv, den Vereinen ihre Hallen dauerhaft zu nehmen und sie als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen. Ich verstehe jeden Bürgermeister, der in seiner Kommune plötzlich Flüchtlinge unterbringen muss und deshalb zunächst Sporthallen nutzt. Das ist für den Anfang auch völlig in Ordnung. Aber oftmals wird es sich auch zu leicht gemacht. In Hamburg ist beispielsweise noch keine Sporthalle belegt worden, das wurde bislang anders gelöst. Aber das wenigste, was getan werden kann, ist die Vereine zu informieren. Man darf die Vereine, die vieles für die Gesellschaft und speziell auch für die Integration tun, nicht vor den Kopf stoßen und ohne ein Wort zu sagen die Hallen belegen. Solche Fälle sind mir bekannt. In Nordrhein-Westfalen sind die Vereine von den Hallenbelegungen bundesweit am meisten betroffen. 

Bleiben wir bei den Hallen, beziehungsweise Sportstätten. Die Sportstättennutzungsgebühr ist Ihnen ein Dorn im Auge. 

Schneeloch: Ich halte diese Sportstättennutzungsgebühr für kontraproduktiv. Viele Vereine bewegen sich ja schon auf die Kommunen zu, übernehmen beispielsweise die Schlüsselgewalt über Sportplätze. Aber: Bei all dem, was Vereine, wie erwähnt, gesellschaftlich leisten, ist diese zusätzliche Belastung nicht zu erklären. 

Besteht Grund zur Hoffnung, dass sich etwas ändert? 

Schneeloch: Das Motto ist: „Starke Kommunen, starker Sport.“ Solange die Kommunen finanziell schwach aufgestellt sind, werden sie versuchen, Geld einzunehmen, auch bei den Vereinen. Wenn man aber die Einnahmen durch die Sportstättennutzungsgebühr den Ausgaben einer Kommune gegenüberstellt, ist das unverhältnismäßig und nur ein Tropfen auf den heißen Stein. 

Wie groß ist das Interesse am Freiwilligen Soziale Jahr und dem Bundesfreiwilligendienst in Sportvereinen? 

Schneeloch: Zunächst einmal ist der Bedarf an diesen Stellen immens. Wir brauchen im Sport ein viel größeres Kontingent an insgesamt zu besetzenden Stellen. Unsere Ergebnisse sind hervorragend. Diejenigen, die über diesen Weg in Vereine kommen, bleiben auch nach ihrem Dienst den Vereinen erhalten. Im vergangenen Jahr wurden dann 10 000 Stellen im Bereich Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug geschaffen. Davon werden 140 Stellen dem Sport zur Verfügung gestellt, bei mehr als 90 000 Sportvereinen. Ich kämpfe seit Jahren für einen höheren Stellenwert des Sports, der ist nicht hoch genug. 

Wie drückt sich das aus? 

Schneeloch: Bestes Beispiel ist das Urteil, dass der Lärm, der von Kindern im Kindergarten oder in der Schule ausgeht, keine Lärmbelästigung ist. Dieser Lärm ist also privilegiert. Auf der anderen Seite ist Lärm, den Kinder auf dem Sportplatz erzeugen, nicht in Ordnung. Das ist auch kein Lärm, sondern es sind Geräusche. Spielende Kinder, die sich bewegen, sind positive Erscheinungen. 

Walter Schneeloch, vielen Dank für das Gespräch.

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