Sportpolitik

Turbo-Schnecken: Ungewisser Blick nach vorne

Brigitte Klein, Vorsitzende der Turbo-Schnecken Lüdenscheid
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Die Turbo-Schnecken-Vorsitzende Brigitte Klein hat Verständnis für Corona-Beschränkungen, doch für den Verein bleibt die Lage dadurch schwierig.

Lüdenscheid – Am Donnerstag vor dem 1. Advent ist der Weihnachtsbaum angekommen. „Wenigstens ein bisschen Weihnachten bei uns im Schneckenhaus“, sagt Brigitte Klein. Auch wenn der Sportbetrieb auch im Dezember ruhen muss, auch beim größten Sportverein in der Bergstadt. Der Baum, er wird bald leuchten und im denkmalgeschützten Gebäude durch die Glasfront auch von außen zu sehen sein. Immerhin, im Gebäude selbst werden nur die Schnecken-Mitarbeiter Freude daran haben.

Die Verlängerung der Corona-Beschränkungen bis zum 20. Dezember – die Vorsitzende der Turbo-Schnecken hat damit gerechnet. „Zum November kommt nun auch noch der Dezember dazu –wieder zwei Monate“, sagt Klein, „und es weiß doch noch niemand, was im Januar sein wird. Wir lassen im Moment Flyer drucken für den Fall, dass es losgeht, aber sicher ist doch nichts.“

Es ist nicht so, dass Klein kein Verständnis hätte für den Lockdown. „Die Politik macht einen guten Job“, sagt sie, „es ist gut, dass wir keine Verhältnisse wie in Spanien haben. Wir sehen ja auch alle die Zahlen – da muss man das gemeinsam durchstehen.“

Positionspapier des Freiburger Kreises

Aber Klein kann auch der Argumentation des Freiburger Kreises folgen. Der Freiburger Kreis ist eine Arbeitsgemeinschaft größerer deutscher Sportvereine, dem mehr als 180 Vereine angehören, darunter die Turbo-Schnecken. Der Kreis vertritt damit die Interessen von mehr als einer Million Sporttreibenden in Deutschland.

Mit einem Positionspapier (siehe Info-Kasten) hat sich der Freiburger Kreis an die Politik gewandt und fordert Modelle, wie auch die größeren Sportvereine mit ihren Sportstätten und ihrer personell aufwändigen Infrastruktur Hilfen erhalten können. Natürlich wünscht sich der Kreis auch die Rückkehr zum Sporttreiben und eine etwas detailliertere Bewertung der Lage in Bezug auf Infektionen im kontaktfreien Sport.

Finanzielle Einbußen

Klein will das Positionspapier auch noch den Abgeordneten der Region in Bundestag und Landtag weiterleiten. „Wenn sie es nicht schon haben“, sagt die Vorsitzende. Klein kann die vom Freiburger Kreis beschriebenen Probleme für ihren Verein bestätigen. Finanzielle Einbußen in sechsstelliger Höhe – die Schnecken haben es erst kürzlich auf ihrer Jahreshauptversammlung sehr transparent dargestellt, welche Gelder ihnen wo weggebrochen sind. Austritte zum Jahresende – auch die wird es geben. „Die gibt es immer. Wir hoffen natürlich, dass es nicht so viele werden“, sagt Klein, „aber klar ist doch, dass jemand, der gerade in Kurzarbeit ist, auch seine Kosten auf den Prüfstand stellt.“

Schnecken halten sich beim Reha-Sport zurück

Verständnis für die Politik, Verständnis für die Mitglieder. Es ist eine Zeit, in der viele Argumente plausibel erscheinen. Keiner kennt den richtigen Weg. Aber es bleiben manchmal eben doch Zweifel. Während die Politik den Sport im Allgemeinen sehr pauschal heruntergefahren hat, hat sie zum Beispiel für den Reha-Sport eine Ausnahme gemacht. Klein versteht vieles, aber in diesem Punkt hat sie – fernab von Physiotherapie-Praxen mit einzelnen Sporttreibenden –eine andere Meinung. „Gerade bei Herz- und Lungenkranken im Reha-Sport habe ich doch komplett die Risikogruppen beisammen“, sagt sie. Wie andere Vereine, Fitness-Studios und andere Institutionen halten sich auch die Schnecken beim Reha-Sport dieser Tage zurück. „Die Leute kommen ja oft gar nicht“, sagt Klein, „und wenn dann am Ende ein Übungsleiter für fünf Sportler bezahlt werden muss, dann rechnet sich das auch nicht.“

Online-Kurse und Live-Streams

So hofft Klein darauf, dass es im Januar „frisch, fromm, fröhlich, frei“ wieder losgeht. Bis dahin bleiben die vereinzelten Sportler, die man durchaus noch antrifft rund ums Schneckenhaus. Der Outdoor-Campus, den die Schnecken im Sommer vorgestellt haben, darf ja weiter genutzt werden. Immer nur zwei Aktive, die sich online für eine Stunde einbuchen können. „Wenn das Wetter gut ist, ist der Campus fast ausgebucht“, sagt Klein, „die Leute kommen mit Mütze und Handschuhen. Und wir kontrollieren das und desinfizieren vor dem Wechsel die Sportgeräte.“ 20 Aktive am Tag bei einem 2300-Mitglieder-Verein – es ist natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Für den großen Rest gibt es weiter neue Online-Kurse und Live-Streams zum Mitmachen.

Ein besonderes Bufdi-Projekt gibt es: Jonas Waack und Anna Wengenroth wollen die Mitglieder ab Sonntag mit einem Online-Adventskalender überraschen. Täglich eine Übung oder ein Rezept. Alles auf dem Facebook-Kanal des Vereins. Sonntags gibt’s dazu noch eine Verlosung. Sport in Corona-Zeiten braucht Kreativität und Aufgeschlossenheit gegenüber neuer Technik und neuen Wegen. Bei den Schnecken ist beides zu finden. Die Tristesse bleibt trotzdem. Und ein einsamer Weihnachtsbaum in einem großen, ansonsten leerstehenden Sporttempel.

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