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Der Unterschied-Torwart aus Sinj

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Von: Thomas Machatzke

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Handball, 3. Liga Ante Vukas
Ante Vukas in Jubelpose: Andere Drittliga-Spitzenmannschaften verfügen auch über gute Torhüter, doch dieser Tage festigt sich der Eindruck, dass der Kroate im SGSH-Trikot in der Staffel D der vielleicht stärkste von ihnen ist. © Thomas Machatzke

Vom Samstagabend in der Bielert-Halle zu Opladen wird vielleicht nicht nur ein Bild in Erinnerung bleiben bei den Fans des Handball-Drittligisten SGSH Dragons, dieses eine dann aber doch: Der Jubelkreis der Spieler mit den roten Trikots und mittendrin ein Zwei-Meter-Schlaks im blauen Sweater, die Siegerfaust gen Hallendecke gereckt. Ante Vukas, in Feldherrenpose, Vater des Sieges. Mal wieder. Im Westen nichts Neues.

Schalksmühle - Einen Tag nach dem 25:23-Sieg im Topspiel in der ehemaligen Kreisstadt, die heute ein Ortsteil von Leverkusen ist, gibt sich der Held bescheiden. „Die Jungs haben sehr aufmerksam und gut gedeckt, sie haben es mir leicht gemacht“, sagt der Kroate gut gelaunt. Die SGSH hat gerade mit 14:4 Punkten Platz zwei erobert. Auch dank seiner Hilfe. Aber Vukas ist kein Lautsprecher, er ist lieber Teamplayer, gibt das Lob ans Team weiter. Was ist ein Torwart ohne seine Abwehr?

Nicht viel, gegen Baunatal war es zu besichtigen. Aber auch eine gute Abwehr kann durch einen außergewöhnlichen Torwart noch an Schlagkraft gewinnen. Dieser Tage ist oft die Rede von den Unterschied-Spielern, also jenen Akteuren, die in einem engen Kräftemessen den Unterschied machen können. Wer so einen Spieler in seinen Reihen hat, schätzt sich gemeinhin glücklich. Die SGSH hat dieser Tage vor allem eines: einen Unterschied-Torwart.

„Ante spielt eine überragende Saison“, sagt SGSH-Trainer Mark Schmetz und lässt nicht einmal das Streich-ergebnis gegen Baunatal zählen. „Der Kopftreffer zu Beginn war so hart, dass Ante eine Gehirnerschütterung davongetragen hat. Damit hat er sogar noch weitergespielt. Das darf man nicht werten.“ Schmetz‘ Botschaft: Es war nicht nur die nicht existente Deckung, die Vukas in diesen 60 Minuten wie eine schlechtere Kopie seiner selbst wirken ließ, es war eben auch der Knock-out beim Siebenmeter zu Beginn der Partie.

Gute Vorbereitung ein „Muss“

Wer sich die SGSH-Bilanz dieser Tage anschaut, kommt nicht umhin festzustellen, dass die zwei Niederlagen der Saison in Spielen verbucht wurden, in denen Vukas entweder fehlte (in Longerich) oder da war und doch nicht da war (gegen Baunatal). Daneben hielt er mal gut, mal sehr gut und mal wie von einem anderen Stern. Letztere Kategorie ist für die Topspiele gegen Krefeld und nun in Opladen zu attestieren. Andere Topteams haben auch starke Torhüter, doch dieser Tage festigt sich der Eindruck, dass Vukas in der Staffel D der vielleicht stärkste von ihnen ist.

Das Geheimnis des Erfolgs? Dazu zähle auf jeden Fall eine gute Vorbereitung, sagt Vukas. Der Kroate schaut gerne zwei bis drei Videos vom Gegner, möglichst frühzeitig, nicht auf den letzten Drücker. Mit seinen Eindrücken geht’s dann erst in der Trainingswoche zum SGSH-Torwarttrainer und Ex-Bundesliga-Keeper Matthias Reckzeh. Im Torwartteam wird dann über die Videoeindrücke vom kommenden Gegner und über die Wurfbilder gefachsimpelt. Es ist eine Art Brain-storming, wie man dem nächsten Kontrahenten den Zahn ziehen kann. Zweite Instanz ist danach Mark Schmetz. Auch der hat ja dann Video geschaut. „Ich sage ihm dann, was ich gesehen habe und was ich mir vorstellen könnte“, sagt Vukas. Welches Abwehrsystem könnte helfen, die eher unliebsamen Abschlüsse des Gegners zu vermeiden und ihn dafür zu den Abschlüssen zu zwingen, die auch Vukas entgegenkommen? Natürlich fällt die Entscheidung der Trainer, aber eine Meinung darf der Ex-Bundesliga-Keeper aus dem kroatischen Sinj haben. Genug Erfahrung und Knowhow bringt er mit, keine Frage.

In Opladen am Samstag ging der Defensiv-Plan der SGSH vollends auf. Der Rückraum mit seinen vielen Abschluss-Optionen kam allenfalls über Linkshänder Marius Anger zum Zug. Daneben schaffte es die SGSH, die Gastgeber immer wieder zu Würfen über die Außenpositionen zu zwingen. Und da blieb Vukas immer und immer wieder Sieger. „Wenn du da dann zwei Bälle gehalten hast, bekommst du auch Sicherheit“, sagt Vukas. Viel mehr indes war es so, dass Sonnenberg, Adams und Co. immer unsicherer wurden. So wie der belgische National-Linksaußen Nick Braun im Krefeld-Spiel, der gegen Vukas aussah wie ein Schuljunge.

Auf der Trage der zerplatzten Träume

Auch Mark Schmetz staunte am Samstagabend nicht schlecht über die Zweifach- und teilweise sogar Dreifach-Paraden seines Keepers. Schmetz weiß, was er an Vukas hat. Vor allem auch deshalb, weil die SGSH hinter Vukas das Projekt „Jugend forscht“ betreibt. Weder Tjark Döscher noch Pius Hablowetz oder A-Junior Michal Gorlas sind gestandene Drittliga-Keeper. Die Zeiten, in denen sich Vukas mit Keepern wie Formella, Plessers oder Borchert je nach Tagesform abwechselte, sind vorbei. In dieser Saison lastet unheimlich viel Belastung auf ihm.

„Ich weiß nicht, ob es ein Vorteil ist“, sagt Vukas, der auch gut klargekommen ist mit einem starken Gespannmann auf Augenhöhe. Natürlich. Sein erster Partner in Deutschland war der Tscheche Jan Kulhanek. Das war 2012 beim TuSEM Essen in der 1. Bundesliga. Vukas war gerade 20 Jahre als, als er nach Deutschland kam, mit Kroatien war er U19-Weltmeister geworden. Nun wollte er es in der Bundesliga wissen. Ein Lebenstraum.

Doch dann kam der 8. Februar 2013. Vukas hielt in der Halle am Hallo in Essen gegen den VfL Gummersbach exzellent – und schied dann mit einer Knieverletzung aus, die sich als Kreuzbandriss herausstellte. Es gibt ein Bild von diesem Freitagabend, dieselbe Fotografin, die auch am Samstag in Opladen das Bild mit Vukas im Siegerkreis gemacht hat, hat es seinerzeit fürs Handballportal handball-world.news geschossen. Vukas auf einer Trage, der Moment, in dem Träume zerplatzen. Für Ante Vukas war die Verletzung eine Zäsur. Er kämpfte sich mit Geduld wieder heran, doch nach zwei Spielzeiten in Essen (der zweiten in der 2. Bundesliga unter Trainer Mark Dragunski) wechselte er zum Leichlinger TV. Dort gab es im ersten Jahr wieder Probleme mit dem Knie und einen Mittelfußbruch. Vukas kennt aus dieser Zeit auch die Schattenseiten des Sports, auch wenn er später mit den Pirates sehr gute Zeiten erleben sollte.

„Es geht mir immer auch um Projekte“

Im Sommer 2022 wird er zehn Jahre in Deutschland voll haben, fünf davon bei den SGSH Dragons. Der Keeper hat irgendwann nach seinen Verletzungen umgedacht, neue Prioritäten gesetzt. Im Hälvertal hat er beim SGSH-Sponsor WACA seine Ausbildung absolviert und sitzt dort neben dem Handball inzwischen auch beruflich fest im Sattel. Sohn und Tochter gehen auf die Regenbogenschule, vierte und zweite Klasse. Vukas ist in Halver angekommen, seine Heimat bleibt Kroatien, doch in Halver hat er mit der Familie so etwas wie eine zweite Heimat gefunden.

Trotzdem ist noch unklar, ob es Ante Vukas als Keeper auch über den Sommer 2022 hinaus bei der SGSH geben wird. „Natürlich fühle ich mich hier wohl. Es ist eine sehr gute Mannschaft. Und Mark Schmetz ist ein Trainer, dem alle folgen und vertrauen“, sagt er. Aber im Moment gibt es eben auch noch ein paar Fragezeichen bei den Dragons. Wie viel Schlagkraft wird das neue Team haben? „Es geht mir dabei immer auch um Projekte“, sagt Vukas, „um ein klares sportliches Ziel.“

In diesem Jahr ist dieses Ziel für ihn ein Platz unter den „Top 3“. Das klingt erst mal bescheiden, denn für die Aufstiegsrunde müssten es die „Top 2“ sein. „Natürlich würde ich so eine Aufstiegsrunde gegen die besten Gegner gerne spielen“, sagt der Kroate, der im Dezember 31 Jahre alt wird. Bestes Torwartalter. Es wären Festwochen für ihn, immer neue größte Herausforderungen, immer neue Topspiele gegen die besten Gegner – wie jene Partie gegen Krefeld oder nun in Opladen. Emotionsspiele, die nach dem Unterschied-Spieler suchen. Oder dem Unterschied-Torwart. Vukas ist bereit: Er würde sich für diese Hauptrolle auf den schönsten Drittliga-Bühnen im Handball anbieten.

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