Leistungsdiagnostik

Selbstversuch: Wie nimmt man eine Kiste Bier ab?

Mann auf Laufband
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MTA Heike Embert beim Laktat-Test in Hellersen.

Georg Dickopf und der Kampf gegen die Pfunde: Wie es der Lokalredakteur aus Plettenberg schaffte, eine Kiste Bier abzunehmen. Und warum Leistungsdiagnostik eine gute Sache ist.

Kreisgebiet – Berlin, 31. Dezember 2019, gegen 22 Uhr. Wir sitzen in Charlottenburg beim Verwandtschaftsbesuch in familiärer Runde zusammen. Corona ist ganz weit weg. Das Sektglas ganz nah. Ganz weit entfernt sind auch die beiden Hälften meines Sakkos. Und auch das Hemd sitzt irgendwie sehr eng und spannt zwischen den Knöpfen. Genau wie der Hosenknopf. Egal, denke ich und habe genau das zuletzt zu oft gedacht. Kurz darauf geht es in Richtung Siegessäule.

Überall wird geballert, dann ist es Mitternacht und alle wünschen sich etwas. Wir machen Fotos. Dabei denke ich an den alten Selfie-Trick. Immer von oben. Und so schießen wir ein Foto. Das Foto. Es macht Klick. Erst leise an der Handykamera. Und dann beim Betrachten im Kopf. So schlimm ist es also. Selbst von oben fotografiert ist mein Kopf so rund wie eine Wassermelone.

Am nächsten Morgen folgt leicht verkatert der ängstliche Blick auf die Waage. 114,1 Kilogramm stehen da. So viel wie nie zuvor. Weil die Waage dummerweise noch mehr kann, steht dort auch mein BMI: 33,3. Und 20,4 Prozent Körperfett. Bei einem BMI von über 30 ist man sehr adipös, also fettleibig

Selbstversuch: Wie nimmt man eine Kiste Bier ab?

2. Januar 2020: Mein Start in ein in jeder Hinsicht ungewöhnliches Jahr. Mein Neujahrswunsch ist gefasst. Ich will nicht mehr dick sein, will nicht mehr schnaufen, wenn ich mir die Schuhe zubinde. Und das Sakko soll wieder passen.

Dieser Moment wäre laut Dr. Ulrich Schneider, Leitender Arzt der Sportmedizin in der Sportklinik Hellersen, ideal geeignet, um eine Leistungsdiagnostik zu absolvieren. Um zu wissen, wie man am besten trainiert, bei welchem Puls Fett abgebaut und wie Kondition aufgebaut wird. „Eine Leistungsdiagnostik und die damit verbundenen internistischen und sportmedizinischen Untersuchungen liefern uns wichtige Informationen zum aktuellen Leistungsstand und Gesundheitszustand. Wir möchten ein nachhaltiges und gesundes Sporttreiben ermöglichen sowie Überforderungen durch Training möglichst vermeiden – Sport als Medikament“, sagt Dr. Schneider.

Ein Ziel, aber kein Plan

Mein eigenes Vorgehen muss aus Unwissenheit ohne echten Plan auskommen. Aber als Sauerländer und Pilsbier-Freund habe ich immerhin ein klares Ziel und nehme mir als erstes vor, dem Alkohol die Rote Karte zu zeigen. Gut zwei Monate lang. Und weil das Bier mitschuldig war, die Körpermitte stärker auszuformen als mir lieb war und mir sogar Männerbrüste bescherte, folgt ein zweiter Plan: Ich will eine Kiste Bier abnehmen. 18 Kilo wiegt ein Gebinde aus 20 Halbliter-Flaschen mit Rahmen, Glasflaschen und Kronkorken.

Danach werden die Laufschuhe geschnürt. Und ich jogge los. Hier sei angemerkt, dass ich kein Laufanfänger bin, sondern 2016 mit 250 Kilometern im Jahr startete, das Pensum 2017 und 2018 jeweils verdoppelte und im besagten Vor-Corona-Jahr sogar 1000 Kilometer schaffte. Jetzt sollen es 1500 Kilometer in einem Jahr sein. So weit wie von Plettenberg-Pasel bis zum Gardasee und wieder zurück. Allerdings – und das ist mir auch klar – das Laufen allein wird es nicht nicht bringen, denn sonst wäre die Körpermitte nicht so angeschwollen. Ich esse und trinke einfach zu viel.

Auch deshalb folgt die Anmeldung bei einem amerikanischen Unternehmen. Dort steigt man auf die Waage und bekommt anschließend gesagt, wieviel Punkte man essen darf. Fortan waren Brötchen tabu, der mittelalte Gouda ebenso wie fettige Wurst, Hackfleisch, Nudeln, normale Joghurts, Pommes, Döner und Süßigkeiten. Stattdessen standen Knäckebrot, Magerquark, Puten- und Hähnchenfleisch, Fisch, Obst und viel Gemüse auf dem Speiseplan. Kombiniert mit viel Sport und Felsquellwasser ohne weitere Zusätze.

Sechs Monate später

Um es kurz zu machen. Es hat funktioniert. Endlich einmal. Die Schinderei mit drei Laufeinheiten pro Woche tat ihr übriges. Die Pfunde purzelten. Anfang Februar waren bereits die ersten acht Kilogramm geschafft. Dann wurde es mühsam. Im März zeigte die Waage 103 Kilogramm. Ende Mai reckte ich auf der Waage die alte Becker-Faust, obwohl ich mir ab und an auch wieder ein Pilsbier gegönnt hatte. Die Waage zeigte 93,45 Kilogramm. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Der Gürtel bekam neue Löcher. Das Sakko schlackerte fast. Es passten T-Shirts ohne ein X im Etikett. Die Brüste waren weg, der Bauch hart statt rund. Der BMI sank auf 27,6 und das Körperfett auf 16 Prozent. Der Lohn für ein klar gestecktes Ziel war nach knapp sechs Monaten erreicht, die psychologisch wichtige UHU-Grenze (Unter HUndert) fiel nach einem 14 Kilometer-Lauf im April. Gute 20 Kilogramm waren runter, etwas mehr als das Gewicht einer vollen Bierkiste.

Laufen machte nun richtig Spaß, schließlich schleppte ich jetzt deutlich weniger Gewicht mit mir herum. Die zehn Kilometer lange und leicht bergige Hausstrecke absolvierte ich kurz nach Silvester schwer japsend in einer Stunde und fünf Minuten. Anfang Juni flog ich in 48:30 Minuten durch das Nachbardorf. Und auch ein Halbmarathon gelang in knapp unter zwei Stunden.

Doch die entscheidende Phase kam danach. Wie hält man das Gewicht?

Den JoJo-Effekt kennt jeder, der schon mal eine Diät gemacht hat. Bis zum Spätsommer lief es noch gut, doch bis zur Leistungsdiagnostik Ende November ging es gewichtsmäßig wieder langsam bergauf. Die dunkle Jahreszeit war schuld. Im Garten und auf der Terrasse gab es nichts mehr zu tun. Im Schrank lagerten wieder verbotene Sachen, und auch der Kühlschrank-Inhalt hatte sich normalisiert. Kurzum, der Schlendrian zog langsam, aber sicher wieder ein.

Da kam die Leistungsdiagnostik in der Sportklinik Hellersen genau richtig, um zu wissen, wie es um den Körper bestellt ist und ob das ganze Training überhaupt etwas gebracht hat, wie ich mich verbessern kann und ob es überhaupt gesund ist, was ich da mache.

Fahrrad oder Laufband?

Zum Test soll man erholt und zwei Stunden nach der letzten Mahlzeit erscheinen. Man kann wählen, ob man sich auf dem Rad (auf Wunsch das eigene) oder Laufband testen lassen will.

Doch bevor bei mir das Laufband anrollt, gibt es einen Medizin-Check, die Anamnese. Und die Waage unterstreicht unbarmherzig die weihnachtliche Tendenz der vergangenen Wochen. 102 Kilogramm stehen da. Der UHU (Unter HUndert) ist weggeflogen. Bei einer Größe von 1,85 m ergibt das einen BMI von 29,9. Wenn man sich danach richtet, bin ich an der Schwelle zur Fettleibigkeit. Aber der BMI ist so eine Sache – mehr dazu später. Dann kommt die erste Überraschung.

Sportwissenschaftler Andreas Kramer, selbst eine Rakete auf dem Mountainbike und der P-Weg-Langdistanz, wundert sich ob der ausgespuckten Zahlen, denn trotz (oder wegen) meines hohen Gewichts komme ich auf eine Muskelmasse von fast 81 Kilogramm. „Ihr Fettanteil liegt mit 15,8 Prozent im oberen Rahmen von Leistungssportlern“, sagt Kramer. „86,1 Kilogramm Ihres Körpergewichtes sind fettfrei.“ Das ist schön zu hören.

Weshalb der BMI hier keine Aussagekraft hat

Danach geht es weiter zu Dr. Ulrich Schneider, Internist und leitender Arzt der Sportmedizin. Er checkt meinen Blutdruck, den Puls, hört mein Herz ab und spricht mit mir über Vorerkrankungen und andere Dinge. Ich berichte von meinem Sportprogramm, meine mitunter auftretenden Rückenschmerzen und andere Dinge. All diese Informationen sind wichtig, damit ich den Test ohne Einschränkungen durchführen kann. Und er sagt mir, dass der BMI bei mir keine Aussagekraft hat.

Dann geht es auf das riesige Laufband. In dem gut gelüfteten Raum sind es knackige 15 Grad, aber Zeit zum Frieren bleibt nicht lange. Ich werde von Mitarbeiterin Heike Embert komplett verkabelt und bekomme Elektroden für das Belastungs-EKG. Zum Schluss wird mir eine Spirometrie-Maske zur Atemgasanalyse aufgesetzt und Blut am Ohrläppchen abgenommen, um den Laktatwert zu messen. Laktat entsteht beim Glukose-Abbau und steigt in Abhängigkeit von meiner Leistung beim Test an.

Los geht es mit sechs km/h. Drei Minuten trotte ich etwas schnelleren Schrittes über das Laufband. Es folgt eine Pause von 40 Sekunden und danach geht es weiter mit sieben km/h, die ich im leichten Lauftempo absolviere. Hier, das erfahre ich später, sinkt mein Laktatwert sogar noch mal ab.

Es begann alles mit dem Besuch auf der Waage am Neujahrstag 2020: Nach dem Schockmoment wurde ein Ziel definiert. Mit viel Laufsport, einer Diät und Alkoholverzicht sollte das Gewicht einer Kiste Bier abgenommen werden. Und im Jahr 2021 soll es das Gewicht einer Elfer-Kiste sein. Warum? Weil es etwas mit dem UHU, der Leistungsdiagnostik in der Sportklinik Hellersen und dem JoJo-Effekt zu tun hat.

Bis zehn Stundenkilometer läuft es ganz geschmeidig. Doch dann werden die 40 Sekunden Pause auf einmal sehr kurz und die nächsten drei Minuten Laufzeit sehr lang. Jetzt geht es langsam an das Eingemachte.

Nach der Zwölf-km/h-Einheit wird der Blutdruck (225/95) gemessen, was die Pause erfreulicherweise etwas verlängert. Die nächste Stufe (13 km/h) liegt jenseits meines üblichen Lauftempos. Die 102 Kilo hämmern jetzt schwerfällig auf das Laufband und sorgen für viel Arbeit im Herz-Kreislauf-System. Der Puls liegt jenseits von 155 Schlägen pro Minute, der Schweiß rinnt durch die Maske. Sprechen geht nicht mehr. Der Körper glüht und läuft jetzt nahezu auf Vollgas. Mühsam schaffe ich auch diese 180 Sekunden, doch das Ende naht in großen Schritten.

„Einer geht noch“, sage ich abgekämpft kurz vor Ende der 40 Sekunden Pause, die sich wie vier Sekunden anfühlen. Und schon geht die wilde Fahrt weiter. Mit 15 Kilometern in der Stunde rast das Band unter meinen Laufschuhen in der Größe 48,5 hindurch und ich kämpfe mich auf der letzten Rille 90 Sekunden ab, ehe ich abbrechen muss. Nichts geht mehr. Bei Puls 173 schießt mir das Laktat förmlich aus den Ohren, was man an der Kurve später auch ansieht. Meine freundliche Betreuerin ist dennoch sehr zufrieden und gibt nachher zu, dass sie mir angesichts meines wenig gazellenhaften Körpers deutlich weniger zugetraut hätte, denn länger hätte es auch mein Vorgänger mit 25 Kilo weniger auf den Rippen auf dem Laufband nicht ausgehalten. Immerhin, keuche ich in mich hinein.

Nachbesprechung mit Andreas Kramer

Dann folgt die Nachbesprechung, in der mir Andreas Kramer sagt, dass ich eigentlich sogar Muskulatur abbauen müsste, um schneller laufen zu können, das aber eigentlich unsinnig sei. Im Wintertraining rät er mir, im Pulsbereich bis 135 zu laufen, damit die Energie aus dem Fettstoffwechsel zu ziehen. Zudem sagt er mir, wie ich meine Leistungsfähigkeit steigern kann und analysiert mit mir die Laktatkurve. All diese Infos, die sehr ausführlich ausfallen, direkt zu haben, hätte im Januar geholfen. Auch Dr. Schneider nimmt sich Zeit, bespricht mit mir die Herz-Kreislauf-Werte, gibt Tipps fürs Training.

Denn das soll nicht stoppen: Der Weg ist das Ziel. Und sich ein Ziel zu setzen, hat mir geholfen. Spätestens am 1. Januar 2021 werde ich mir ein neues Ziel setzen. Eine Elfer-Kiste abzunehmen vielleicht. Wieder Mitglied im UHU-Club werden. Weiter nicht rauchen. Die Ernährung dauerhafter umstellen und nur selten zum Stollenkonfekt greifen. Aber ein Bier muss trotzdem drin sein. Denn – auch das habe ich gelernt – der Körper braucht auch Kohlenhydrate.

Die persönliche Laufbilanz im Corona-Jahr

Meine persönliche Laufbilanz fällt sehr positiv aus. Denn laufen kann man immer - auch in Corona-Zeiten. Und überall. Am Meer, in den Bergen und im Sauerland. Und fast bei jedem Wetter. Schuhe, Laufhose, Jacke, Mütze, Handschuhe und ab geht die Post. Das einzig Schwere ist es, den inneren Schweinehund zu überwinden. Denn der steht jeden Morgen mit auf. Wer kann, sollte sich zum Laufen verabreden oder sich feste Zeiten vornehmen. Der Start – ich laufe fast immer morgens – ist oft mühsam, aber wenn man mal unterwegs ist, fällt vieles von einem ab. Das Bier vom Vorabend zum Beispiel. Man bekommt gute Ideen für den Tag, kann Dinge hinter sich lassen und entdeckt die Natur, den sich auflösenden Nebel, sieht Fuchs, Reh und Hase und die Sonne aufgehen und entdeckt die Jahreszeiten neu für sich. In Rönkhausen grüßt mich immer ein älterer Herr und wer mit Strava oder anderen Apps unterwegs ist, kann sich auf Teilstrecken sportlich mit anderen messen. Meine noch unvollendete Bilanz in 2020: 148 Läufe, 1456 Kilometer in 143 Stunden (5:48 min pro Kilometer), 23 230 Höhenmeter rauf und ebenso viele runter und 190 506 kcal verbraucht. Das ist die Kalorienmenge von 45 Bierkisten. Bier schmeckt, macht das Abnehmen aber nicht leichter, deshalb gibt es ab Neujahr wieder eine längere Alkohol-Pause.

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