Granate im Kreisverkehr

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Ein Mann und „sein“ Boot: Der dritte Teil unserer Sommerserie führte Lars Schäfer auf die Lenne.

Kreisgebiet -  Als ich bei rund 30 Grad mit dem Hintern in der Feierabendsonne auf dem Steg hocke, es unter dem Helm schon dampft, das Shirt hinter der roten Rettungsweste längst am Körper klebt und der bärtige Mann gegenüber tatsächlich grinsend fragt, ob „alles soweit in Ordnung“ sei, da muss ich mich kurz zwicken. Jo, bin wach! „Startklar“, rufe ich zurück, „Leinen los und Anker lichten“. Keine zwei Minuten später schaukel ich im Wildwasserkajak auf der Lenne vor mich hin, das Doppelpaddel fest in beiden Händen. Es kann losgehen beim dritten Teil unserer Selbstversuch-Sommerserie „Mitgemacht beim...“

Klar: Für die tropische Hitze kann der Altenaer Canu-Verein (ACV), bei dem ich an diesem frühen Abend zu Gast sein darf, natürlich nichts. Wofür er sehr wohl etwas kann, ist das Material. Und das macht selbst aus Sicht eines Laien einen hervorragenden Eindruck. Die Boote sind tipptop in Schuss, gleiches gilt für die Paddel, Rettungswesten und Helme.

Heimathafen des ACV ist das Bootshaus an der Werdohler Straße (B236) in Fahrtrichtung Werdohl. Das Gebäude steht auf einem idyllisch gelegenen, fast schon verträumt wirkendem Gelände mit direktem Zugang zum Lennestau am Wehr Schwarzenstein. Ein Ort zum Verweilen, zum Abschalten.

Vorsitzende des ACV mit seinen rund 60 Mitgliedern ist Sabine Bender. Ihr Mann Thomas ist für gut zwei Stunden mein Privatlehrer. „Wir betreiben ausschließlich Breitensport“, sagt er bei der Geländebegehung, „es ist ein Sport für jedermann. Einzige Voraussetzung ist, dass man schwimmen kann.“ Ein Kriterium, das ich mit Bravour erfülle. Das Seepferdchen-Abzeichen habe ich mir vor gut drei Jahrzehnten – natürlich stolz wie Bolle – von Mutter auf die Badehose tackern lassen. Wenn’s läuft, dann läufts!

Obwohl Kanufahren eine recht sichere Sportart ist, eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Das Risiko zu kentern und unfreiwillig baden zu gehen, es besteht nunmal. Wie im echten Leben. „Wir legen großen Wert auf Sicherheit“, sagt der erfahrene Kanute, als er mir Helm und Rettungsweste überreicht und wir uns dem blauen Wildwasserkajak nähern, in dessen Sitzschale ich mich gleich pressen werde. „Granate XL“, sagt der Wassersportliebhaber wie aus der Pistole geschossen. „Danke für die Blumen“, schießt es mir durch den Kopf. Erst dann merke ich, das er auf das blaue Kajak zeigt. Okay, dann eben keine Vorschusslorbeeren...

Granate XL, so hat der Hersteller diese einsitzige Badewanne für große und schwere Kajakfahrer tatsächlich genannt. Ob es auch eine Granate auf dem Wasser ist? Abwarten! XL sitzt an diesem Abend jedenfalls drin. Direkt lospaddeln aber ist nicht. Bevor es auf die Lenne geht, stehen Trockenübungen auf dem Programm. Auf der Wiese vor dem Bootshaus werden mir Grundlagen der Paddeltechnik erklärt, zu der natürlich auch der richtige Griff gehört. Und der ist wirklich wichtig. Das Paddel mit seinen asymmetrischen Blättern ist schließlich Antrieb, Bremse, Steuer und Stabilisator in einem. Ein echtes Multitalent.

Wechselseitig führe ich das Blatt des Paddels nach vorne, streichel beim Zückziehen die Gänseblümchen und führe diesen Stab mit den Löffeln an beiden Enden möglichst nah am Boot vorbei. Wie bescheuert ich wohl dabei wirken muss? „Sieht schon gut aus“, meint der Coach – und meint es offensichtlich ernst. Trotzdem korrigiert er meine Sitzhaltung und weist darauf hin, dass das Boot stabilisiert wird, in dem man die Beine an die Außenwände drückt. Aye aye, Captain!

Kurz darauf lassen wir die Granate zu Wasser, sie liegt parallel zum Steg und mit dem Bug gegen die Strömung. „Jetzt kommt die Paddel-Brücke“, sagt der Übungsleiter, während ich auf dem Steg hockend das Kajak festhalte und verzweifelt diese Brücke suche. Mein Gegenüber schaut mich in diesem Moment der geistigen Umnachtung von oben bis unten an. Es ist der Moment der Erleuchtung.

„Sie legen das Paddel flach hinter dem Körper auf den Rand der Einstiegsluke“, beginnt die Turnstunde mit Helm und Weste, die in etwa so fortgeführt wird: Mit der einen Hand drücke ich mit abgespreiztem Daumen auf Paddelschaft und Süllrand, mit der anderen drücke ich den Schaft fest auf den Steg. Und es funktioniert. Die Granate ist arretiert und ich hieve mich aus der Hocke, ein Bein nach dem anderen, in die Luke. Sitzt, passt, wackelt und hat Luft. Was bei mir hölzern und unrund daherkam, funktioniert beim bärtigen Experten wie aus einem Guss. Binnen weniger Sekunden sitzt auch er in seinem roten Kajak – und wir treiben ganz leicht ab.

Weil eine Auslaufmelodie ebenso wenig ertönt wie das Horn, träller ich leise Freddy Quinns Evergreen vor mich hin: „Junge, komm bald wieder.“ Und dann geht es Paddelschlag auf Paddelschlag stromaufwärts – zumindest im roten Kajak. Ich hingegen habe Mühe, beim Eintauchen der Blätter einen gleichmäßigen Rhythmus zu finden. Das ging auf der Wiese deutlich einfacher. Mal drifte ich zu sehr nach links ab, mal nach rechts. Die Granate ist aber auch empfindlich heute. Es wackelt, es schaukelt, Wasser spritzt ins Boot. Es dauert seine Zeit, bis ich voran komme und tatsächlich mal ein paar Meter geradeaus fahre. Von Minute zu Minute aber werde ich sicherer, schließe zum Vordermann auf, der das Paddeln eingestellt hat und leicht zurücktreibt.

 Aus der Freude wird Übermut, als ich vorneweg fahren will, die Schlagzahl erhöhe und komplett den Rhythmus verliere. Die Granate dreht nach links ab und – trotz aller Versuche gegenzusteuern – sich einmal um die eigene Achse. Was links herum funktioniert, geht übrigens auch problemlos rechts herum. Vier bis fünf Mal genieße ich so die 360-Grad-Drehung mit all den Ausblicken in die Natur. Von nun an herrscht also Kreisverkehr auf der Lenne.

„Gerade sitzen. Das ist kein Sofa“, macht mich der Steuermann des roten Kajaks prompt auf meine Körperhaltung aufmerksam, die die permanten Dreher erklärbar machen. In dieser Idylle aus seichtem Wasser und sattem Grün am Ufer hatte ich mich weit nach hinten gelehnt, die Beine nicht mehr gegen die Außenwände gedrückt – und es selbst noch nicht einmal gemerkt. Vollkommen tiefentspannt der Kerl.

Doch gechillt, wie mein 13-jähriges Patenkind das Herumlungern so zu pflegen nennt, wird hier nicht. Und ich merke schnell: Wer auf die richtige Körperhaltung, den richtigen Griff und auf einen vernünftigen Paddelschlag achtet, der kommt auch voran. Zudem fährt es sich stromabwärts deutlich leichter als aufwärts.

„Man befindet sich in der Natur – und es bieten sich vom Wasser aus ganz andere Perspektiven. Es ist etwas anderes, durch eine Stadt zu paddeln, als durch eine Stadt zu spazieren“, betont Thomas Bender, als wir wieder Land unter den Füßen haben und den sportlichen Teil dieses rundum gelungenen Abends (leider) beenden.

Wer sich vom Reiz des Paddelns selbst überzeugen möchte, hat dazu beim ACV an jedem ersten Dienstag im Monat beim sogenannten After-Work-Paddeln die Gelegenheit. Und mal so unter uns: Probieren Sie es aus!

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