Anspannen und loslassen

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Das Zurückziehen der Sehne benötigt Kraft, der Zugarm fängt leicht an zu zittern. Lars Schäfer hatte sich das Bogenschießen beim Selbstversuch deutlich leichter vorgestellt.

Kreisgebiet - „Jetzt bloß nicht blamieren“, schießt es mir durch den Kopf, während sich Pfeile um Pfeile in die Zielscheiben bohren. Es sind die Scheiben rechts neben mir, auf denen die Bogenschützen des TSV Altena zielen – und mit bemerkenswerter Präzision immer und immer wieder treffen. Sie wirken konzentriert, aber doch gelassen. Unaufgeregt.

An diesem Abend bin ich einer von ihnen. Einer, der Bogen und Pfeil (aus Plastik und mit Saugnapf) allerdings letztmals vor geschätzten 30 Jahren beim Kinderkarneval in der Hand hatte. Einer, der beim Dosenwerfen auf Jahrmärkten so ziemlich alles abräumt außer Dosen. Einer, der an der Schießbude stets in die Kiste mit den Trostpreisen greifen darf. Das kann ja heiter werden im Rahmen unserer Selbstversuch-Sommerserie „Mitgemacht beim...“.

Der Adolf-Hahn-Platz, die Sommer-Trainingsstätte der Altenaer Bogenschützen, befindet sich im Wald. Es ist ein Ort der Ruhe. Ein kleines Idyll, an dem sich Hase und Igel… Sie wissen schon. „Die Bedingungen hier sind ideal für uns“, sagt Abteilungsleiter Fritze Grüber, der den Blitz-Schnupperkurs für den Selbstversuch möglich gemacht hat. Die regulären Schnupperkurse, die der TSV seit zwei Jahren unter der Regie von Trainerin Claudia Heddram mit großem Erfolg für alle Altersklassen anbietet, sind auf drei Tage angelegt. Vollkommen zurecht übrigens, wie schnell klar wird.

Das Bogenschießen, eine der ältesten Jagdformen der Menschheit, ist ein komplexer Sport, der Disziplin und Respekt ebenso erfordert wie Sorgfalt und Sicherheit. Und ein Sport, der leichter aussieht, als er ist. „Aber auch ein Sport für die ganze Familie“, ergänzt Grüber. Bevor ich annähernd in die Nähe von Pfeil und Bogen komme, steht Theorie auf dem Plan.

Markus Windgassen, erfahrener Bogenschütze und Abteilungssprecher, führt mich mit viel Geduld in diesen Trendsport ein, erklärt den Aufbau des Bogens (Mittelstück oder auch Griffstück, zwei flexible Wurfarme und Bogenenden, an denen die Sehne befestigt wird) ebenso wie die Zielauflagen mit Ringwertung und gibt immer wieder wichtige Hinweise zur Sicherheit. „Du schießt heute mit einem Blankbogen“, sagt er plötzlich mit einem Augenzwinkern, „an dem Bogen sind keine Hilfsmittel befestigt“. Keine Stabilisatoren, kein Visier? Na vielen Dank auch. Hier schießt gleich nicht Robin Hood, sondern eher Bruder Tuck!

Zurück zur Sache: Markus, dieser sympathische Herr der Ringe, erläutert unter anderem die richtige Positionierung der Füße, die ideale Haltung des Arms, der das Mittelstück festhält, sowie die Drei-Finger-Technik beim Zurückziehen der Sehne. Außerdem ermitteln wir meinen Ankerpunkt. Dabei handelt es sich um einen Punkt im Gesicht, der beim Vollauszug des Bogens von der Zughand berührt wird. Der Ankerpunkt ist wichtig, um einen konstanten Schuss zu erreichen, heißt es. Nun denn. Nach der Trockenübung mit einem Thera-Band und weiteren Instruktionen wird es dann ernst, als Markus Windgassen in seiner Tasche kramt, den Blankbogen zusammenbaut, mir einen Drei-Finger-Handschuh für die Zughand, einen Arm- und Streifschutz sowie den Köcher mit sechs Pfeilen überreicht und anlegt. Es ist angerichtet, lasset die Spiele beginnen.

Auf der Sehne befinden sich zwei Nockpunkte, zwischen denen ich das Ende des Pfeils einlege und „einnocke“. Vorne liegt der Pfeil auf dem sogenannten Shelf des Bogens auf. Markus kontrolliert meine Fußstellung, die Haltung des Arms und gibt nach kleiner Korrektur grünes Licht. Das Ziel ist anvisiert, los geht‘s.

Das Zurückziehen der Sehne benötigt Kraft, der Zugarm fängt leicht an zu zittern. Der Holzpfeil saust auf die acht Meter vor mir aufgebaute Scheibe zu und schlägt tatsächlich in der 80 x 80 Zentimeter großen Zielauflage ein. Yes, he can! „Ein Ring“, höre ich Markus sagen. Worüber sich die Schützen neben mir wohl ärgern würden, hört sich in meinen Ohren so verdammt gut an. Die Pfeile zwei und drei schlagen ebenfalls im weißen Bereich ein, in Summe komme ich in der ersten Runde auf vier Ringe. Von wegen Bruder Tuck!

In der ersten Unterbrechung erklärt Markus Windgassen, dass das Zuggewicht „meines“ Bogens 30 Pfund beträgt. „Das ist schon ordentlich“, sagt er. Ich hab‘s gemerkt im rechten Oberarm. Die Ausbeute in Runde zwei ist schon deutlich besser, mit dem vierten Pfeil der dritten Runde passiert dann das schier Unmögliche. Es ist der Schuss in die goldene Mitte, der Schuss ins Glück. „Zehn Ringe“, höre ich Markus jubeln. Es folgt ein „High five“. Wo liegen noch gleich die Anmeldeformulare?

Zum Abschluss des Abends werden drei Luftballons auf der Scheibe platziert. Mit dem fünften Pfeil lasse ich den roten Ballon platzen. Dass ich eigentlich auf den Grünen gezielt hatte, es bleibt mein Geheimnis. Es folgen in lockerer, überaus angenehmer Atmosphäre und abseits der Scheiben weitere Informationen über diesen faszinierenden Sport, der ganzheitliche körperliche Bewegung bietet und Körper und Geist in Einklang bringt. Wir sprechen über unterschiedliche Bögen (Recurvebogen, Compoundbogen, Langbogen, Blankbogen), über diverse Pfeilarten (Holz, Aluminium, Carbon), über die verschiedenen Entfernungen beim Bogenschießen und über sonstiges Zubehör.

„Es ist einfach ein toller Freizeitsport für jedermann“, betont Markus Windgassen, „bei uns schießen Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder ab acht Jahren. Sie alle haben großen Spaß dabei.“ Spaß, den hat der Abend auf dem Adolf-Hahn-Platz in jedem Fall gemacht. Und in die Kiste mit den Trostpreisen muss beim Bogenschießen niemand greifen. Selbst ich nicht...

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