Fußball

Scheerers Karrierebilanz: „Aufstieg war noch einmal das i-Tüpfelchen“

Portrait Fußballer Lars Scheerer
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Leiser Abschied im Corona-Jahr: Nach dem Landesliga-Aufstieg der Rot-Weißen ist Lars Scheerer nach langer Karriere in den „Stand-by“-Modus gewechselt.

Das Corona-Jahr 2020 war für Rot-Weiß Lüdenscheid das Jahr des Landesliga-Aufstiegs, aber auch das Jahr des Abschieds von Dauerbrenner Lars Scheerer. Im Gespräch schaut Scheerer auf dieses Jahr und auf seine Karriere zurück.

Lüdenscheid – Die Saison 97/98 war die erste komplette Spielzeit für Lars Scheerer bei den Lüdenscheider Rot-Weißen, die Spielzeit 19/20 die letzte. Eine Saison wie keine andere: Abgebrochen nach dem Corona-Lockdown im März und doch für RWL mit der Landesliga-Rückkehr so erfolgreich zu Ende gegangen. Scheerer hat mit den Rot-Weißen seit seiner Rückkehr von den SF Oestrich im Sommer 2010 für diesen Landesliga-Aufstieg gerackert.

Für das Lüdenscheider Urgestein hat sich damit der Kreis geschlossen – er hat sich im Corona-Jahr leise verabschiedet. Nicht komplett, das geht nicht für einen Vollblutkicker wie Scheerer. Aber eben doch ein Stück weit. Im Gespräch mit Sportredakteur Thomas Machatzke blickt der 42-Jährige aufs Corona-Jahr, den Aufstieg und seine Karriere zurück.

Lars Scheerer, Sie haben sich im Corona-Jahr durch die Hintertür verabschiedet. Eigentlich schade nach einer so langen, so erfolgreichen Karriere…
Grundsätzlich schon, wobei man sagen muss: So richtig verabschiedet habe ich mich nicht. Ich trainiere noch ganz normal mit der Mannschaft mit, zwei- bis dreimal die Woche. Ich gehöre auch noch zum Kader. Aber die Sonntage habe ich mir privat rausgenommen, um ein bisschen mehr Zeit mit der Familie zu haben. Für den Notfall stehe ich aber bereit. Sicher ist es schade, dass es nicht so etwas wie ein Abschiedsspiel gegeben hat oder eine Verabschiedung. Aber, wie gesagt: Eigentlich ist es noch gar kein richtiger Abschied gewesen.
Das kommt also noch…
Irgendwann bestimmt!
Viele Fußballer sind irgendwann froh, nicht mehr trainieren zu müssen. Sie können nicht ohne. Erklären Sie uns das…
Das Training ist für mich ein Ausgleich zur täglichen Arbeit bei der Sparkasse. Es geht darum, sich weiter sportlich zu betätigen. Das macht man dort, wo man sich wohlfühlt. Das ist für mich bei der Mannschaft im Moment noch so. Mein Fitnesszustand ist gut. Es fällt nicht auf, wenn ich mittrainiere. Und was mir ganz wichtig ist, das sind die sozialen Kontakte. Mit Spielern wie Jonas Brackmann, Gürkan Besirlioglu oder Mark Sattler spiele ich zum Beispiel nun fast seit zehn Jahren zusammen. Diese Kontakte würde ich ungern verlieren. So lange ich’s körperlich hinbekomme, würde ich es gerne beibehalten.
Das Jahr 2020 ist mit keinem anderen vergleichbar. Für RWL war es gleichwohl ein erfolgreiches. Wie haben Sie dieses Jahr im Zeichen der Corona-Pandemie erlebt?
Für RWL war es ein exorbitant gutes Jahr. Wir hatten keine Niederlage, nur wenige Unentschieden. Es ist ein bisschen schade, dass die Saison nicht weiterlaufen konnte, denn mit der Vorarbeit von Martin Rost und der Übernahme von Sven Krahmer hätten wir die Saison auch regulär als Erster abgeschlossen, da bin ich ziemlich sicher. Schade ist, dass man den Aufstieg praktisch gar nicht so richtig miterlebt hat, gerade für die jungen Spieler, die so etwas noch nicht erlebt haben. Man konnte keine Aufstiegsfeier planen, hat nicht das Adrenalin vor den entscheidenden Spielen gehabt. Das gibt ein Gefühl von Wehmut. Trotzdem war es ein sehr, sehr gutes Jahr mit einer sehr, sehr guten Entwicklung der Mannschaft. Der Aufstieg, er ist gut für Rot-Weiß Lüdenscheid und die ganze Region.

Für viele junge Spieler, die aus dem Juniorenbereich kommen, ist die Landesliga ein Sprungbrett. 

Lars Scheerer
Sie haben mehr als zwei Jahrzehnte auf diesem Niveau oder in Oestrich noch höherklassiger gespielt. War der Aufstieg das Finale, das sie sich zum Abschluss gewünscht haben?
Ja, definitiv! Seit meiner Rückkehr 2010 war es immer das Ziel des Vereins, noch einmal eine Stufe nach oben zu gehen und sich langfristig mit jungen Leuten gut aufzustellen. In den ersten Jahren hat das oft knapp nicht gereicht. Deshalb freut es mich jetzt umso mehr, dass wir den Aufstieg hinbekommen haben, auch wenn es das Corona-Jahr war. Für viele junge Spieler, die aus dem Juniorenbereich kommen, bringt das ein Sprungbrett. So wie ich damals ins kalte Wasser geworfen worden bin, können sich nun hier junge Spieler in einer Landesliga-Truppe gut entwickeln. Und für mich war es zum Finale natürlich das i-Tüpfelchen, denn fußballerisch wird bei mir nicht mehr viel kommen.
Fußballerisch wird nicht mehr viel kommen? Heißt das, Sie haben keine Idee, wie es weitergehen könnte? Einen Mann mit Ihrer Vita könnte man sich auch im Trainergeschäft vorstellen…
Reizvoll wäre so etwas, aber aktuell liegt der Fokus ganz auf der Familie mit meiner Frau und meiner Tochter, die mich immer unterstützt haben, die mir die Freiheiten gegeben haben. Jetzt will ich davon etwas zurückgeben. Aber ausschließen will ich nichts. Es hat ja auch gut geklappt, als ich das bei Rot-Weiß mal für eine Zeit übernommen habe. Ich denke schon, dass ich auch da Erfolge feiern könnte. Aber in den nächsten ein, zwei Jahren wird sich da nichts tun.
Sie sind Senior geworden, als gerade der wirtschaftliche Super-GAU bei RWL eingetreten war. Seitdem haben Sie mehr als zwei Jahrzehnte für RWL und Oestrich gespielt. Welche Zeiten waren die schönsten?
Ich kann die schönste Zeit nicht auf einen Zeitpunkt definieren. Da war der Sprung von der Jugend zu den Senioren, bei dem ich es nach eineinhalb Jahren in die Stammelf geschafft habe. Es gab danach bei Rot-Weiß sehr erfolgreiche Zeiten, auch in Oestrich mit dem Aufstieg in die Oberliga. Oder jetzt zuletzt der Landesliga-Aufstieg. Da ist es schwer, etwas als das Schönste zu benennen.

Fußball im Wandel: athletischer, schneller, taktischer

Und wie hat sich der Fußball verändert?
Alles ist schneller und athletischer geworden, die Taktik spielt eine große Rolle. Bei den Amateuren und den Profis. Früher gab es viele 1:1-Duelle und natürlich auch Organisation im Spiel. Aber der Fokus lag darauf, besser zu sein als mein Gegenspieler. Dann war der Mannschaft schon viel geholfen. Heute sind alle Trainer taktisch viel besser geschult. Was sich auch verändert hat, ist die Ungeduld junger Spieler. Niemand will sich hinten anstellen, auch beim Fußball will man sich schnell durchsetzen. Da fehlt mir ein bisschen das Durchhaltevermögen. In meinem ersten und zweiten Jahr habe ich viel gesessen, auch wenn ich gute Spiele gemacht und Tore geschossen hatte, musste ich wieder zurück ins zweite Glied. Die Geduld haben viele junge Spieler heute nicht mehr so.
Viele altgediente Trainer klagen darüber, dass sie junge Generation nicht mehr verstehen. Würden Sie das unterschreiben?
Das muss man zweigeteilt sehen: Die Welt ist in allen Bereichen im Wandel, alles ist schnelllebiger geworden. Entsprechend hat sich auch die Einstellung junger Menschen geändert. Das ist im Berufsleben nicht anders als auf dem Fußballplatz. Ich würde da keinem jungen Spieler einen Vorwurf machen, kann aber auch die Klage der Älteren verstehen, dass Faktoren, die früher wichtig waren, verloren gegangen sind.
Welche Faktoren sind das?
Manche sind den digitalen Medien geschuldet. Eine Abmeldung zum Training per WhatsApp zum Beispiel. Das gab’s früher nicht, da musste man den Trainer anrufen. Da ist es schwerer gefallen, sich bei leichter Krankheit abzumelden als über eine WhatsApp. Ich habe auch das Gefühl, dass früher ein bisschen mehr die Gemeinschaft im Vordergrund stand. Man hat nach dem Training da gesessen und etwas getrunken. Das gibt es heute auch noch, aber viele Spieler wollen dann doch schnell nach Hause. Je höher man spielt, desto mehr steht der Fokus Fußball im Vordergrund und nicht mehr die Gemeinschaft. Heute gehen die Spieler nach dem Training nach Hause und schauen Champions-League – das war früher nicht so.

Mit dem Alter ist die Reife dazu gekommen, da hat man eine ganz andere Spielübersicht. Da ist man in der zentralen Mitte besser aufgehoben.

Lars Scheerer
Schauen wir auf Ihre Karriere: Sie haben als Stürmer begonnen, in Oestrich andere Rollen auf der Außenbahn gespielt, waren später bei RWL der Spieler im defensiven Mittelfeld oder sogar in der Innenverteidigung. Erklären Sie uns diese Entwicklung.
Man sagt ja immer: Je älter man wird, desto weiter geht es nach hinten, weil die Schnelligkeit verloren geht. Da war auch bei mir der Fall, auch wenn ich für mein Alter noch ein schneller Spieler bin. Ich hatte in den Vereinen aber eigentlich immer die Positionen, die ich gerne bekleiden wollte. Am Anfang habe ich extrem von meiner Schnelligkeit profitiert. Mit dem Alter ist die Reife dazu gekommen, da hat man eine ganz andere Spielübersicht. Da ist man in der zentralen Mitte besser aufgehoben. Die Erfahrung sollte aus der Mitte kommen, deshalb war die Sechser-Positionen in den letzten Jahren genau richtig. Ich habe alle Positionen gerne und auch gut gespielt.
Alles, bis aufs Tor…
Ja, das blieb mir zum Glück erspart.
Sie haben in den Jahren auch viele Trainer erlebt. Welche haben Sie da richtig weitergebracht?
Nicht nur einer. Als ich aus der Jugend kam, war Hubert Clute-Simon, der inzwischen leider schon verstorben ist, mein Trainer, hat das Fußballerische geprägt. Viel gelernt habe ich auch unter Uwe Helmes, insbesondere, was die Disziplin und die Einstellung zum Sport angeht – wie ich den Fußball erlebe und für mich definiere. In Oestrich hatte ich fast nur Oliver Ruhnert, der fachlich sicherlich einer des besten Trainer war. Er hat mir im taktischen Bereich noch einmal viel beigebracht. In den letzten Jahren war es Martin Rost, der junge Leute eingebunden hat und mich als älteren Spieler immer dazugenommen hat. Dazu sicherlich Marco Sadowski, der nicht nur fachlich gut war, den ich vor allem als Trainer mit der größten Sozialkompetenz in Erinnerung behalten werde. Und Sven Krahmer jetzt zuletzt als alten Fuchs will ich auch nicht vergessen.
Wenn man einen Strich unter die Karriere zieht, sind Sie häufiger auf- als abgestiegen…
Ja, abgestiegen bin ich nur einmal mit Oestrich wegen eines einzigen Tores im Spiel gegen die Schalker Amateure. Mit dem jetzigen Aufstieg bin ich zweimal aufgestiegen – 2:1 gewonnen, alles gut...

Scheerer sieht besseres Fundament für die RWL-Zukunft

Schauen wir nach vorne: Sie wollen jetzt erst mal Pause machen. Was denken Sie, ist für Rot-Weiß möglich in Zukunft?
Ich glaube, dass der Verein auf einem guten Weg ist. Zuletzt sind viele Spieler aus der Jugend hochgekommen. Die Trainer im Jugendbereich sind mit Trainerscheinen ausgestattet. Da wird schon im jüngsten Bereich gut gearbeitet. Das sieht man auch an den Erfolgen der vergangenen Jahre, auch an den Mitgliederzuwächsen im Jugendbereich. Rot-Weiß ist der Hauptverein in Lüdenscheid und wird es auch bleiben, hat inzwischen ein besseres Fundament für die Zukunft als in den letzten zehn Jahren. Ich traue der Mannschaft auf jeden Fall zu, sich in der Landesliga zu etablieren und vielleicht irgendwann auch mal nach oben zu gucken.
Für den Stellenwert des Fußballs in Lüdenscheid und auch vor dem Hintergrund der RWL-Geschichte wäre es schön, wenn es noch mal eine Klasse nach oben ginge…
Auf jeden Fall. Aber da müssen andere Faktoren dazu kommen. Im Amateurbereich ist man extrem auf Sponsoren angewiesen. Da müsste noch mehr geschehen, wenn man noch einmal nach oben wollte. In der aktuellen Zeit ist das sicher schwierig. Wenn man sieht, was sich in Meinerzhagen getan hat. Mit Nuri Sahin hat es angefangen, aber da sind auch einige auf den Zug aufgesprungen. In Lüdenscheid mit dem Nattenberg, mit diesem Umfeld hat man mittel- bis langfristig sicher die Möglichkeit, noch ein bis zwei Klassen höher zu spielen.
Sie sprechen die Sponsoren an. Kann es nicht sein, dass nach der Pandemie Geld gar nicht mehr diese Rolle spielt, weil alle mit viel weniger auskommen müssen? Dass sich der Charakter des Fußballs verändern wird?
Generell glaube ich das schon, aber es muss von oben anfangen. Wenn ich mir anschaue, was im Profibereich bezahlt wird, bin ich sehr skeptisch. Das sind Summen, die da verdient werden, die in keinem Verhältnis zum Rest der Bevölkerung stehen. Fairerweise muss man sagen, dass in dem Bereich, in dem sich RWL bewegt, tatsächlich nur Aufwandsentschädigungen gezahlt werden, oft finanziert über Mitgliedsbeiträge und kleinere Sponsorengelder. Es wäre fatal, wenn da noch weitere Einsparungen stattfinden würden. Aber klar: Der Fokus der Gemeinschaft sollte gerade in der heutigen Zeit wieder in Vordergrund rücken: Man sieht es doch im Moment, wenn man keine sozialen Kontakte knüpfen kann. Da sollte die Zusammengehörigkeit eine andere Rolle spielen. Ich hoffe außerdem, dass die Leute vielleicht auch wieder mehr beim Amateurfußball auf die Plätze gehen werden, wenn es möglich ist. Wenn ich sehe, wie viel Mühe sich die Verantwortlichen in den Vereinen geben und wie hart die Fußballer trainieren, dann muss ich sagen: Sie hätten es verdient!
Lars Scheerer, vielen Dank für das Gespräch!

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