Schach

Schachtage-Chef Siebrecht über den Lockdown und seine neuen Projekte

Schachtrainer und Schachkinder
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Sebastian Siebrecht mit Lüdenscheider Schülerinnen und Schülern im Stern-Center: Achtmal haben die Schachtage in der Bergstadt bereits stattgefunden. In diesem Jahr geht aufgrund der Corona-Pandemie aber nichts.

Die 9. Auflage der Lüdenscheider Schachtage ist der Pandemie zum Opfer gefallen. Doch was macht Großmeister Sebastian Siebrecht ohne seine Faszination-Schach-Aktionen dieser Tage? Ein Gespräch über neue Ideen und Projekte.

Lüdenscheid – Die Schachtage im Winter im Stern-Center gehören zum Stadtleben in Lüdenscheid inzwischen fest dazu. Sechs Tage lang zieht die Center-Bühne Kinder und Erwachsene an, eine echte Erfolgsgeschichte. In diesem Winter aber gibt es auch keine Lüdenscheider Schachtage. Die neunte Auflage war geplant, aber die Pandemie hat diese Pläne zunichte gemacht.

Der Essener Großmeister Sebastian Siebrecht, der mit seinem Faszination-Schach-Team schon achtmal in der Bergstadt zu Gast war, hat seit März alle Projekte in Einkaufscentern auf Eis liegen. Dabei wäre die Zeit günstig fürs Schachspiel – im Internet boomt der Sport dieser Tage. An Analog-Schach ist gleichwohl nicht zu denken.

Was aber macht der Großmeister, der selbst als Aktiver in der Bundesliga für die SvG Plettenberg gespielt, danach fast ein Jahrzehnt die Schachspieler in Schalksmühle trainiert und deshalb eine besondere Beziehung zum Sauerland hat, nun? Sportredakteur Thomas Machatzke hat mit dem 47-jährigen Schach-Tausendsassa über die ausgefallenen Schachtage in Lüdenscheid und seine neue Projekte gesprochen.

Sebastian Siebrecht, eigentlich sind Sie seit Jahren im Januar in Lüdenscheid mit den Schachtagen zu Gast. 2021 wäre es bereits die 9. Auflage gewesen. Vermissen Sie das Sauerland im Winter?
Ja, die 9. Schachtage waren natürlich fest geplant, wir wären in der Tat im Stern-Center gewesen. Es wäre der Tour-Auftakt 2021 gewesen. Aber es ist wie in allen Centern: Seit März geht da nichts. In der nächsten Woche wäre ich eigentlich in Hannover, auch das ist gecancelt worden. Ich habe zwar noch Buchungen für April, aber auch schon eine Absage für Juli. Es kann sein, dass 2021 wenig stattfinden wird. Es hängt von den Impfungen ab, davon, was in den Schulen passiert. Mit den Centern sind wir im stetigen Kontakt. Dort will man auch gerne wieder etwas machen. Fürs erste Halbjahr sieht es aber wohl nicht so gut aus.
Die Corona-Pandemie hat auch die Schach-Werbewochen Ihres Faszination-Schach-Teams komplett lahmgelegt. Was macht ein „König der Kinder“, der Sie in Lüdenscheid immer gewesen sind, wenn das königliche Spiel in den Einkaufscentern ruht?
Irgendwann habe ich mich einfach neu erfunden. Ich habe ja auch schon früher als Korrespondent von Turnieren berichtet. In Biel habe ich das zum Beispiel gemacht. Und ich habe auch selbst wieder Turniere gespielt – die Deutsche Meisterschaft zum Beispiel, bei der ich am Ende auch den Gala-Abend moderiert habe. Am Gardasee in Arco habe ich sogar ein Turnier gewonnen.
Und Sie haben die Faszination Schach ins Internet transportiert...
Ja, es kam der Wunsch, „Faszination Schach“, also unser Programm aus den Einkaufscentern, online zu machen. Eine konkrete Anfrage von meinen Freunden aus Baden-Baden. Die haben sich dann um die technische Umsetzung mit einem professionellen Video-Team gemacht. Mir war es wichtig, dass die Dinge da auch direkt am Brett geschehen. So haben wir auf Youtube den ersten deutschsprachigen Schachkanal gegründet – er heißt „Faszination-Schach meets Grenke Chess Kids“, ein gemeinnütziges Projekt ohne Werbung. Der Anfängerkurs umfasst 17 Lektionen. Alles wird von der Pike auf erklärt, wie im Stern-Center. Der heimliche Star ist der siebenjährige Frederik, der die Übungen macht. Und das Highlight ist, dass Vincent Keymer, unsere große deutsche Schachhoffnung, mit mir zusammen einige Einheiten gestaltet.
Faszination Schach meets Grenke-Kids: Sebastian Siebrecht und der siebenjährige Frederik auf dem Youtube-Kanal. Schach von der Pike auf wie bei den Schachtagen.

Das Sauerland ist mir sympathisch. Das ist nicht nur ein Verein, sondern eine tolle Gemeinschaft. Man feuert sich im Chat an. Das gefällt mir!

Sebastian Siebrecht
Am Tegernsee haben Sie Anfang November nicht nur Vincent Keymer ans Brett geholt – trotz Corona-Pandemie...
Ja, eigentlich sollte es ein großes Turnier mit 200 Teilnehmern werden, dann mit 100, am Ende waren es nur noch die Großmeister, dann kam Anfang November der Lockdown. Aber dadurch, dass es ein Profiturnier war, durften wir spielen. Das war eine gute Sache. Ich könnte mir vorstellen, noch mehr Spitzenturniere mit unseren starken, jungen Spielern wie Keymer, Donchenko oder Blübaum zu organisieren in dieser Zeit.
Dann gab es noch eine Premiere: Schachdeutschland-TV auf dem Internetportal Twitch...
Genau, das ist eine ganz neue Initiative für die Deutsche Schach-Online-Liga, in der in der zweiten Saison mehr als 3000 Aktive in 385 Mannschaften mitspielen. Ich bin für die Moderation und Kommentierung zuständig, gestalte die DSOL-Live-Show am Freitag, stelle Vereine mit kleinen Clips vor, kommentiere die Partien. Ich kenne viele Schachspieler, kann deshalb gut ein paar Geschichten erzählen, ein paar Tipps geben. Auch die SvG Plettenberg werde ich in diesem Rahmen vorstellen. Es geht darum, die Botschaft Schach zu transportieren. Auch über Twitch.
Neues Live-Format auf Twitch: Sebastian Siebrecht kommentiert freitags die Partien der Deutschen Schach-Online-Liga. Auch die SvG Plettenberg will er in diesem Format als Verein vorstellen.

Ich bin ein Mensch, der Menschen braucht, und auch das Schachspiel mit Menschen erleben möchte – nicht daheim im stillen Kämmerlein.

Sebastian Siebrecht
Die Schachtage müssen zwar ruhen, insgesamt aber klingt es im Moment eher nach Schachboom als nach Tristesse. Ist dieser Eindruck richtig?
Ja, Schach ist in aller Munde. Auch durch die Serie „Damengambit“ auf Netflix, die unglaublich erfolgreich ist. Der Spiegel hat täglich über das Turnier in Wijk an Zee berichtet. Alle haben über „Damengambit“ geschrieben. Der Boom ist da. Youtuber wie mein guter Freund Georgios Souleidis haben Superzahlen im Netz. Das geht alles in die richtige Richtung. Ich hoffe, dass der Boom am Ende auch in die Center und natürlich in die Vereine kommt, dass man sich dann real am Brett austoben kann.
Sie spielen auch manchmal unter dem Namen „Olivenbauer“ beim Sauerlandteam in der Quarantäne-Liga mit. Woher kommt dieser Name, den Sie im Internetschach tragen?
Ich lebe ja inzwischen seit dreieinhalb Jahren mit meiner französischen Frau und meinen Kindern in Südfrankreich – und unser Grundstück heißt „Les olivieres“. Hier stehen auch 27 Olivenbäume, so bin ich auf den Namen gekommen. Eigentlich habe ich kaum Zeit, dort mitzuspielen. Schon alleine, weil es in Frankreich eigentlich die Zeit ist, in der man zu Abend isst. Aber ich mache das ab und zu trotzdem gerne, auch aus alter Verbundenheit zum Sauerland, um da zu helfen. Für ein anderes Team habe ich noch nicht gespielt, auch wenn ich gefragt worden bin. Das Sauerland ist mir sympathisch. Das ist nicht nur ein Verein, sondern eine tolle Gemeinschaft. Man feuert sich im Chat an. Das gefällt mir. Die Idee, die dahinter stand, war ja, Marc Schulze aus Plettenberg mit meiner Teilnahme eine Art Geburtstagsgeschenk zu machen. Und nun bin ich ab und zu dabei. Online-Schach ist eigentlich gar nicht so meins – ich mag die Gemeinschaft am Brett lieber, liebe es, die Figuren in die Hand zu nehmen. Ich bin ein Mensch, der Menschen braucht, und auch das Schachspiel mit Menschen erleben möchte – nicht daheim im stillen Kämmerlein.
Abschließend ein Ausblick: Für wann haben Sie Hoffnung, dass es mit Schachwochen weitergehen könnte? Wann könnte Lüdenscheid als Ort wieder auf dem Plan stehen?
Erst mal braucht man ein bisschen Planungssicherheit. Wenn die Impfungen da sind, wenn die Center bereit sind, wieder Live-Veranstaltungen zu machen, dann werde ich ganz sicher wieder dabei sein. Es gibt auch ein paar Center, die den Online-Kurs unterstützen, indem sie ihn auf ihre Internetseite gepackt haben. Das Interesse ist auf beiden Seiten da. Ich wünsche mir natürlich, dass es schnell wieder losgeht – aber bis dahin muss der Kinderkanal so boomen, dass wir darüber viele Kids erreichen!
Sebastian Siebrecht, vielen Dank für das Gespräch!

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