Nachruf

Trauer um einen ganz besonderen Schachspieler

Schach Wolfram Tesche
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Im Alter von 86 Jahren verstorben: Wolfram Tesche.

Die Schachregion trauert um einen, der sie über Jahrzehnte maßgeblich mitgeprägt hat, einen ganz besonderen Schachspieler: Am 27. April ist Wolfram Tesche im Alter von 86 Jahren gestorben.

Kreisgebiet - „Ein erfülltes und glückliches Leben ist vollendet“, steht über der Traueranzeige der Familie mit Ehefrau, Kindern und Enkeln. Ein Familienmensch war Tesche, ein Unternehmer mit nie versiegender Energie, aber eben auch ein Schachspieler aus Leidenschaft wie kaum ein anderer.

Geboren im heutigen Zielona Gora, dem damaligen Grünberg in Schlesien, musste Tesche als Zehnjähriger mit seiner Familie fliehen und alles zurücklassen. Das Schicksal einer ganzen Generation am Ende des Zweiten Weltkrieges. Im Sauerland machte er gleichwohl seinen Weg – als Ingenieur erst bei Hueck, später als selbstständiger Unternehmer im Fensterbau – und fand auf diesem Weg als Endzwanziger relativ spät zum Schachspiel.

Gilt das Schachspiel als leise und mitunter langweilig, so war es mit Wolfram Tesche stets unterhaltsam, nie leise und langweilig. Gerne erzählte er von den Zeiten, in denen die Schachvereinigung sich in der Concordia traf, dort, wo heute das Kulturhaus steht. Das waren keine kleinen Runden, der Spielabend war ein wöchentliches Event in einer Zeit, die das Wort Event noch nicht kannte. Als Tesche einstieg, musste er in der E-Klasse des Vereins starten. 1964, so steht es im Vereinsarchiv, stieg er in die D-Klasse auf. 1969 wurde er erstmals Vereinsmeister der A-Klasse in einem Verein, der wenige Jahre später in der Bundesklasse, der damalig zweithöchsten Spielklasse, die es gab, antrat. Mit Tesche drei Spielzeiten lang in der 1. Mannschaft. 1974 wurde er zudem mit der Schachvereinigung NRW-Pokal-Vizemeister. Ein Aufstieg, den ihm so niemand zugetraut hatte.

Die Schachvereinigung war seine Heimat

Mitte der 1970er-Jahre, als sich der Verein Caissa als Abspaltung der Svgg gründete, gehörte Tesche zu denen, die für Caissa spielten. Aber nur ein Jahr, dann kehrte er zurück, nachdem der Svgg-Vorstand abgestimmt hatte, ob man den Abtrünnigen wieder aufnehmen solle… 1981 wurde Tesche 2. Vorsitzender dieser Schachvereinigung, von 1983 bis 1987 führte er den Verein als 1. Vorsitzender. Die Schachvereinigung war seine Heimat, mit ihr litt er, wenn es nicht so lief, mit ihr freute er sich. Gleichwohl spielte er später noch einmal ein Jahr für den SV Halver und wieder später noch einmal zwei Spielzeiten für den MS Halver-Schalksmühle, final aber wieder für die Schachgemeinschaft Lüdenscheid, in der die Svgg aufgegangen war. Noch als 82-Jähriger war er der erfolgreichste Mannschaftsspieler der SGL in der Verbandsliga und wurde von der Stadt Lüdenscheid mit dem Seniorenpreis ausgezeichnet.

Sportlich hatte er da Jahrzehnte als Titelsammler hinter sich. Stadtmeisterschaften, Vereinsmeisterschaften im lange stärksten Verein der Region. Rekord-Stadtmeister im Blitzschach (zehn Titel) ist er in Lüdenscheid. 1977 und 2012 wurde er Einzelmeister des Bezirks Sauerland, Mitte der 1990er-Jahre zweimal Ü60-Südwestfalenmeister. Wolfram Tesche spielte immer und überall, wo es sich anbot – auch gerne nach einem langen Arbeitstag den ganzen Abend mit seinem Spezi Helmut Zehfuss, dem Friseur aus Gevelndorf, der auch ein exzellenter Schachspieler war, in Tesches Firma im Olpendahl. Tesche und Zehfuss spielten auch gerne auf internationalen Turnieren und freuten sich besonders, wenn sie großen Titelträgern mal eine Niederlage beizubringen wussten. Das Zeug dazu hatten sie. In die Schachzeitung brachte es Tesche in den 1990er-Jahren, als er Zehfuss in Italien bei einem Turnier das Leben rettete. Zehfuss war zu weit rausgeschwommen ins Meer...

Buch und Brett statt Computer

Mit Wolfram Tesche geht die Generation der Schachspieler, die mit Buch und Brett arbeiteten, nie mit dem Computer. Noch im hohen Alter spielte er am Brett die Partien der ganz Großen nach und schöpfte daraus seine Kreativität am Brett, für die ihn viele bewunderten. Auch zuletzt im Pflegeheim, als die große Lebensenergie des Unermüdlichen langsam versiegte, durfte das Schachbrett nicht fehlen. Ein erfülltes und glückliches Leben ist zu Ende gegangen – auch ein erfülltes und glückliches Schachleben…

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