Schach

Linda Becker: Mit Mut, Muße und Maske im Sauerland-Stern

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Linda Becker fährt top motiviert nach Willingen.

Kreisgebiet – Die Vorfreude ist dieser Tage bei Linda Becker eine ganz besondere, vor allem deshalb, weil es ein Turnier in ganz besonderen Zeiten ist: In der nächsten Woche finden in Willingen die Deutschen Einzelmeisterschaften des Nachwuchses im Schach statt. In den Altersklassen U18, U16 und U14 werden die Titelträger bei den Jungen und den Mädchen ermittelt. Eine Woche später (ab 26. Oktober) schließen sich die Meisterschaften für die Altersklasse U12 und U10 an.

„Linda freut sich einfach unheimlich darauf, überhaupt wieder so ein Turnier am Brett spielen zu können“, sagt Mutter Bianca Becker. Das 14-jährige Talent aus der Vier-Täler-Stadt, das seit Sommer 2019 komplett für den SV Hemer spielt, hat seit dem Corona-Lockdown im März praktisch kein klassisches Schach mehr am Brett gespielt. Willingen, das Turnier im Sauerland-Stern, ist deshalb noch besonderer als üblich. Dass eine Deutsche Meisterschaft immer etwas Besonderes ist, steht außer Frage – der sportliche Höhepunkt des Jahres für die meisten Teilnehmer. 

Linda Becker erlebt bereits zum fünften Mal Deutsche Einzelmeisterschaften. Sie hat auf der nationalen Bühne schon herausragende Ergebnisse erspielt und ist auch schon mal bitter abgestürzt. „Keinen Druck machen“, sagt Mutter Bianca deshalb, „einfach spielen und schauen, was herauskommt.“ Das sagt sich leicht. Becker stand lange Zeit auf der Setzliste auf Platz vier – nur Lepo Coco Zhou aus Berlin, Yaroslava Sereda aus Solingen und Margarethe Wagner aus Erfurt waren mit höheren Zahlen notiert. Und wenn es nun auch nach den Deutschen Ländermeisterschaften, die kürzlich einige Mädchen in Berlin absolviert haben, noch ein paar Verschiebungen geben könnte und Becker womöglich noch ein wenig abrutscht in der Liste, so zählt sie eben doch zu den Spielerinnen, denen ein sehr guter Platz auf nationaler Ebene zugetraut werden können. 

Überhaupt scheint das Rennen ziemlich offen, auch deshalb, weil die Münchenerin Svenja Butenandt freiwillig zu den U16-Mädchen aufgerutscht ist und dort auch zum Favoritenkreis zählt, weil Luisa Bashylina aus Solingen zudem bei den U14-Jungen die DEM mitspielt. Butenandt und Bashylina wären im Turnier die einzigen Spielerinnen mit mehr als 1900 DWZ-Punkten gewesen. Nun steht Zhou mit 1889 Punkte ganz vorne in der Liste, Beckers Wertungszahl liegt bei 1800. 

Aber das Turnier ist mehr als je zuvor eine Wundertüte. Wo die Talente aktuell stehen, ist schwer einzuschätzen. Nach dem Lockdown folgten Monate, in denen sie mehr oder weniger intensiv im Internet Schach gespielt haben. Dann kamen im Spätsommer und Herbst wieder erste Turniere am Brett, aber nur im Schnellschach. Auf NRW-Ebene wurden sogar die Teilnehmer für Willingen im Schnellschach-Modus ermittelt. Becker schaffte den Sprung, spielte auch noch andere Schnellschach-Turniere, doch lange Partien mit Aufschreiben am Brett, die sind dann eben doch sehr lange her. 

Dazu kommt in Willingen, dass während der Spiele durchgehend ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden muss. In den Turniersaal dürfen diesmal keine Betreuer, Trainer und Eltern. Alles wird anders sein als üblich. Es wird zwar ein Schachfestival, aber ein deutlich kleineres als in den vergangenen Jahren im Sauerland-Stern. Auch fürs Begleitpersonal gibt es klare Beschränkungen – der Tross darf nicht zu groß werden. 

So wird Bianca Becker ihre Tochter zwar begleiten, Trainerin Carmen Voicu-Jagodzinsky aus Hemer indes wird nicht vor Ort sein. Die Partie-Vorbereitung wird abends im Hotelzimmer via Skype in den märkischen Nordkreis laufen müssen. Immerhin hat sich mit Valerija Naumenko (U18 Mädchen) eine weitere Spielerin aus Hemer für Willingen qualifiziert – ein bisschen Bekanntschaft aus dem Verein ist also immerhin vor Ort. Und so wachsen Spannung und Vorfreude – aber immer mit der Angst im Hinterkopf, dass angesichts der steigenden Corona-Zahlen am Ende die Deutsche Schachjugend womöglich doch noch gezwungen sein könnte, die Notbremse zu ziehen und die an Pfingsten ausgefallenen Titelkämpfe noch einmal abzusagen. 

Im Hause Becker hofft man inständig, dass dies nicht so kommen wird. „Linda freut sich riesig auf dieses Turnier, ist topmotiviert“, sagt Mutter Bianca. Am Montag wollen beide anreisen, am Dienstag wird es am Brett ernst. Mit Mut, mit Muße und mit Maske…

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