Ein Nachruf auf den Schachverein Werdohl

Dunkle Anfänge, Aufbruch, Niedergang und eine Vorliebe für Simultan-Turniere

Schach-Jugendmannschaft des SV Werdohl 1982
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Das starke Jugendteam des SV Werdohl im Jahr 1982 (von rechts): Frank Beckmann, Ralf Stremmel, Manfred Nölke und Carsten Hoffmann.

Werdohl – Nun ist er Geschichte, der Schachverein Werdohl. Nach 88 Jahren hat er sich kürzlich aufgelöst: Anlass für Ralf Stremmel, einen Rückblick auf die Historie des SV zu verfassen, denn immerhin gab es Zeiten, als der Verein zu den spielstärksten im Sauerland gehörte.

Die Anfänge liegen im Nebel. Bis zuletzt führte der Verein das Jahr 1933 als Gründungsjahr im Namen. Wahrscheinlich im November jenes Jahres, das in der deutschen Geschichte aus ganz anderen Gründen berüchtigt wurde, hob man den Club aus der Taufe. Oder doch nicht? Bereits 1927 erwähnt nämlich eine zeitgenössische Broschüre einen Schachverein in Werdohl. Dem Schachkreis Südwestfalen im Westfälischen Schachbund gehörten seinerzeit, so vermeldet der Autor, die Vereine Betzdorf, Eiringhausen, Hagen, Hengstey, Lüdenscheid, Niederfischbach, Plettenberg, Siegen und Werdohl an.

Werdohl wäre damit sogar zu den Vorreitern des südwestfälischen Schachs zu zählen, auch wenn die Vereine in Lüdenscheid oder Plettenberg ältere Wurzeln hatten. Ob dieser Werdohler Schachverein der Zwanzigerjahre nur kurzlebig war, ob es 1933 zu einer echten Neugründung kam oder der Verein im Zuge der nationalsozialistischen Diktatur „gleichgeschaltet“ wurde – all das weiß man nicht.

Großmeister zu Gast

Auch die sportliche Bilanz des Schachvereins in den ersten beiden Jahrzehnten verschwimmt im Dunkel der Geschichte. Fest steht allerdings, dass die Schachspieler zu ihrem 25-jährigen Jubiläum im Jahr 1958 vor Ort nicht nur wahrgenommen wurden, sondern offizielle Anerkennung genossen, denn Bürgermeister Trommer erschien zur Festveranstaltung und überbrachte Grüße.

Sportlich konnte der Verein damals etwas Besonderes auf die Beine stellen: Er holte den deutschen Meister, Dr. Paul Tröger, zu einem Simultan-Wettkampf nach Werdohl, das heißt Tröger spielte gleichzeitig an 31 Brettern gegen die örtlichen Schachfreunde, von denen immerhin fünf siegreich blieben. Überhaupt scheinen die Werdohler eine Vorliebe für Simultan-Turniere gehabt zu haben und es gelang ihnen immer wieder mit erstaunlichem Geschick, höchst prominente Namen der Schachszene zu gewinnen. 1964 kam Großmeister Klaus Darga und kämpfte an 30 Brettern, und 1972 gastierte der bei Weitem beste deutsche Schachspieler der Nachkriegszeit, Großmeister Robert Hübner, bei einer Simultan-Veranstaltung in Werdohl.

Stärkster Werdohler Turnierspieler bis in die 1960er-Jahre war der Unternehmer Willy Schomburg, der wiederholt den Titel des Bezirksmeisters errang. Auch Otto Metz trug sich in die Siegerliste des Bezirks ein – und nicht zu vergessen: Er stellte sich als Spielleiter über 20 Jahre selbstlos und ehrenamtlich in den Dienst des Schachbezirks Sauerland. Noch ein dritter Name muss erwähnt werden: Der Volksschullehrer Karl Junker genoss als Komponist von Schachproblemen internationalen Ruf, wechselte aber 1971 zum neu gegründeten Verein in Neuenrade.

Ein Vereinsabend im Jahr 1978

Suche nach einem Spiellokal

Mit wohl 30 bis 35 Mitgliedern war der Schachverein Werdohl damals zwar nicht riesengroß, aber spielstark. In den 1960er-Jahren war er der zweitbeste Club im Sauerländer Schachbezirk – hinter der übermächtigen Schachvereinigung Lüdenscheid. Die Werdohler spielten fast durchgehend auf Ebene des Verbandes Südwestfalen, das letzte Mal in der Saison 1976/77. Spiellokal war über Jahrzehnte das repräsentative Haus Landscrone in der Nähe des Bahnhofs. Als es im Zuge der Sanierung des Bahnhofsviertels Ende der Siebzigerjahre abgerissen wurde, begann für den Schachverein eine Odyssee durch verschiedene Gastwirtschaften, bis dann der Versammlungsraum in der Turnhalle Eveking für längere Zeit Trainings- und Turniermöglichkeiten bot.

Spielstarke Jugend

Doch zurück in die späten Siebzigerjahre: Frühere Spitzenspieler waren alt geworden oder weggezogen, aber noch immer hielt der Werdohler Schachverein gutes Bezirksliga-Niveau, zumal als sich langsam die Früchte der Jugendarbeit auszahlten, um die sich Otto Metz stark bemühte, ebenso der langjährige Vorsitzende Willi Lietz. In der Werdohler Schachjugend tummelten sich spielstarke Talente wie Frank Beckmann, Ralf Stremmel, Manfred Nölke, Carsten Hoffmann und Guido Feldmann. Das Team qualifizierte sich sogar für die NRW-Meisterschaften im Blitzschach oder schlug sich bei einem Jugendturnier im luxemburgischen Mondorf wacker. Beckmann war überhaupt der beste Schachspieler, den Werdohl seit Langem hervorbrachte.

Der hoffnungsvolle Aufbruch endete jedoch in den frühen 1980er-Jahren, als die allermeisten Jugendlichen sich Nachbarvereinen anschlossen, die über mehr Ressourcen und höhere Ambitionen verfügten, bessere Fördermöglichkeiten und stärkere Gegner boten. Von diesem Aderlass hat sich das Werdohler Schach letztlich nicht mehr erholen können, zumal es immer schwieriger wurde, Angebote für Schüler und Jugendliche zu machen.

Einzelne Spieler feierten allerdings durchaus noch Erfolge. Günter Stremmel zum Beispiel, vielfacher Vereinsmeister, gewann 2005 die südwestfälische Ü 60-Seniorenmeisterschaft im Schnellschach.

Die Basis schwindet

Schon damals boomte das Schach, jedoch außerhalb der Vereine. Zunächst die Schachcomputer, dann das Internet eröffneten bis dahin ungeahnte Möglichkeiten, Schach zu spielen – wann und wie man wollte. Wer die Figuren online bewegt, muss nicht Woche für Woche zu festen Zeiten einen Vereinsabend besuchen und sich sonntags viele Stunden in Mannschaftsturnieren quälen. Unter dem unaufhaltsamen Trend, Freizeit ganz individuell zu gestalten und sich nicht mehr an feste Strukturen zu binden, litten die Vereine fast jeder Sportart, nicht allein im Schach.

Der Rückgang der Einwohnerzahlen in Werdohl tat ein Übriges. Die Basis für den Schachsport in der Stadt schwand rapide. Lange Jahre trafen sich die älter werdenden Mitglieder des Clubs aber weiterhin, zuletzt im Jugend- und Bürgerzentrum.

Dem Vorsitzenden Manfred Habbel gelang es Jahr für Jahr, eine Mannschaft für die Wettkämpfe zu motivieren. Am Ende pendelte das Team zwischen Bezirksklasse und Bezirksliga, zuletzt spielten Kai Keggenhoff, Manfred und Stephan Habbel, Eugen Ulrich, Joachim Burkert, Reinhold Kirpal, Günter Stremmel, Reinhard Eisengardt und Alfons Niering. Nach dem überraschenden Tod von Manfred Habbel im Oktober vergangenen Jahres fehlte dem Schachverein der Motor. Darüber hinaus brachte die Corona-Pandemie jedes Vereinsleben zum Erliegen. So löste sich der Schachverein Werdohl schließlich auf. Einige Spieler werden in den umliegenden Clubs eine neue sportliche Heimat finden.

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