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RSV Listertal: „Corona ist wie dauerhafter Abstiegskampf“

Luftbild Fußballstadion Listertal
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Infrastrukturelles Großprojekt: Auf dem Hauptplatz des Herbert-Jassmann-Stadions in Hunswinkel muss im kommenden Jahr der Kunstrasen ausgetauscht werden. 16 Jahre alt ist das Kunstgrün des RSV Listertal inzwischen.

Ingo Hartmann und Marco Schütze im Gespräch zur aktuellen Situation in der Corona-Pandemie beim RSV Listertal.

Hunswinkel – Die allgegenwärtige Corona-Pandemie, aber auch infrastrukturelle Großprojekte und die sportliche Situation von Jugend- und Seniorenabteilung waren die beherrschenden Themen eines Video-Interviews, das Sportredakteur Axel Meyrich mit Ingo Hartmann und Marco Schütze vom RSV Listertal führte. Hartmann ist 1. Vorsitzender des rührigen Vereins aus Hunswinkel, Schütze der Sportliche Leiter.

Seit kurzem wird auch beim RSV Listertal wieder in größeren Gruppen Fußball gespielt – wie waren die ersten Tage?
Hartmann: Die Resonanz war hervorragend. Wir haben ja zehn Jugendmannschaften und müssen den Platz entsprechend aufteilen. Die Stimmung bei den Kids war super. Ich bin zum Stadion gefahren, natürlich hat man gewisse Sorgen, es fühlt sich komisch an. Dann kommst du zum Platz und es ist so eine klasse Stimmung, weil sich jeder freut, dass es wieder los geht. Im gleichen Moment hast du aber doch ein schlechtes Gewissen. Obwohl man sich unter Sportlern eigentlich etwas gönnen sollte, sagen zum Beispiel die Hallensportler: Warum die und wir nicht? Und ganz Außenstehende fragen: Warum überhaupt? Es ist einfach eine komische Zeit. Unterm Strich war es aber emotional riesig...

RSV Listertal: „Corona ist wie dauerhafter Abstiegskampf“

Gibt es Bedenken bezüglich der Öffnung innerhalb des Vereins?
Hartmann: Wir haben ja verschiedene Ebenen. Wir haben vom Land grünes Licht, wir haben vom Ordnungsamt grünes Licht, und wir als Verein haben grünes Licht gegeben. Dann kommen als nächste Ebene die Trainer. Die Trainer der Minikicker haben beispielsweise gesagt, dass sie erst eine Woche später einsteigen. Und dann sind da natürlich die Eltern. Da gibt es Vorsichtige, die beispielsweise Risikogruppen zu Hause haben. Nach Auffassung des RSV-Vorstandes ist Sport gut für die Gesundheit, und Sport in Gemeinschaft ist zusätzlich gut fürs Gemüt. Daher haben wir es als unsere Aufgabe gesehen, eine verantwortbare Lösung zu finden, die Kinder im Rahmen des Erlaubten wieder auf den Platz zu lassen.
Wie lief die Logistik nach der Öffnung? Stichwort: Registrierung der Trainingsteilnehmer.
Hartmann: Das hat prima geklappt. Wir müssen ja zum Beispiel schauen, dass keine Eltern auf dem Platz sind. Wenn die Minis wieder einsteigen, wird das nicht gehen. Dann müssen die Eltern mit auf den Platz, aber natürlich auf Abstand achten. Bisher haben sich aber alle sehr gut an die Regeln gehalten. Für die Registrierung haben wir im Prinzip ein doppeltes Controlling: Einmal nehmen wir die FLVW-App, außerdem kennen unsere Trainer ja die Spieler und Eltern. Wenn da einer dabei ist, den wir nicht kennen, wird der als Gast registriert.
Abseits von den letzten Tagen: Corona beschäftigt uns jetzt seit einem Jahr. Wie hat die Pandemie den RSV beeinflusst und verändert?
Hartmann: Ich habe da neulich lange drüber nachgedacht. Corona fühlt sich an wie dauerhafter Abstiegskampf. Wir kämpfen an Fronten, die wir gar nicht kannten und an denen wir nicht kämpfen wollten – das belastet, das macht müde. Für uns Ehrenamtler ist das eine ganz schwere Zeit. In „normalen“ Zeiten findet bei uns das ganze Jahr sieben Tage die Woche Sportbetrieb statt. Pausen im Trainingsbetrieb gibt es nur im Sommer für ca. vier Wochen und im Winter für zwei Wochen. Wir hoffen alle so sehr, dass wir dieses Angebot bald wieder jedermann – ohne Corona-Sorgen – machen dürfen.
Schütze: Das kann man ziemlich einfach auf den Punkt bringen: Es ist alles anders im Moment, für jeden. Man sieht sich nicht am Platz, die Gespräche mit den Spielern finden nur am Telefon oder per WhatsApp statt.

Als Kreisligaverein lebt man ja ohnehin quasi von der Hand in den Mund. 

Ingo Hartmann zur wirtschaftlichen Lage in Corona-Zeiten
RSV-Chef Ingo Hartmann (rechts) und der Sportliche Leiter Marco Schütze gewähren im Interview Einblicke in die Vereinsarbeit nach einem Jahr Pandemie.
Hat der Verein durch die Pandemie Mitglieder verloren? Wie sind die wirtschaftlichen Auswirkungen insgesamt?
Hartmann: Mitglieder haben wir bisher kein einziges verloren. Wirtschaftlich ist es relativ neutral, mit Richtung zu einem leichten Defizit. Als Kreisligaverein lebt man ja ohnehin quasi von der Hand in den Mund. Wir haben keine Schirikosten mehr, es fehlen aber auch die Eintrittsgelder und der Verkauf. Als Verein mit eigener Anlage haben wir einen anderen Kostenapparat. Allein die Leuchtmittel fürs Flutlicht schlagen da im Jahr mit 500 bis 600 Euro zu Buche. Da kommt es uns zugute, dass wir von der Kameradschaft leben. Kein Spieler bekommt bei uns Geld. Was bitter ist, dass wir unserer Putzfrau, die eine 400-Euro-Kraft ist, sagen mussten, dass sie jetzt arbeitslos ist. Das ist alles nicht schön.
Schauen wir aufs Sportliche. Die 1. Mannschaft ist zum Zeitpunkt der Saisonunterbrechung Tabellenführer. Da liegt es nahe, dass der RSV daran interessiert ist, dass es weitergeht?
Schütze: Ja, absolut. Wir haben eine Riesenchance, den Aufstieg zu schaffen. Die Jungs sind stark, sind motiviert, halten sich fit. Wenn abgebrochen würde, starten wir wieder bei Null – das sind dann schon andere Voraussetzungen. Die Trainer motivieren die Spieler, einige sind auch schon auf dem Platz, natürlich nur in der Zweier-Gruppe, wie es erlaubt ist. Wir hoffen auf jeden Fall, dass es weitergeht.
Wie sind die mittelfristigen Planungen für die 1. Mannschaft?
Hartmann: Zunächst ist natürlich der Aufstieg das Ziel. Dann für ein Jahr die Kreisliga B vernünftig halten. Oben mitzuspielen sollte mit dieser Mannschaft möglich sein. Danach dann anzugreifen, das halte ich durchaus für realistisch. Aber erstmal müssen wir hochkommen. Grundsätzlich sehen wir uns als Ausbildungsverein. Wir haben nicht das Geld wie die Nachbarn rechts und links, aber unsere Jugend ist wirklich richtig stark besetzt. Da beginnen wir jetzt die Früchte zu ernten für den Weg, den wir seinerzeit beschlossen haben zu gehen.
Jugend ist ein gutes Stichwort: Der RSV kooperiert im Rahmen einer Jugendspielgemeinschaft mit dem TuS Herscheid – ein Erfolgsmodell?
Schütze: Ganz ehrlich – das läuft wirklich perfekt. Alle Entscheidungen werden zusammen gefällt. Die Jungs verstehen sich richtig gut. Da sind Freundschaften entstanden. Alle profitieren davon, sowohl in Herscheid als auch bei uns. Die Jahrgänge 98, 99 und 2000 waren schon gut.
Hartmann: Wir hatten in der Vergangenheit mit Biggetal nicht so gute Erfahrungen gemacht mit einer JSG. Aber jetzt mit Herscheid, das funktioniert top, auch auf Funktionärsebene. Keiner hat da Begehrlichkeiten für seinen eigenen Verein. Wir wollen damit natürlich weitermachen. Das muss formal aber noch genehmigt werden.

Es macht einfach Spaß im Kreis Olpe. Einige Gegner meckern zwar hin und wieder, dass sie so weit fahren müssen zu uns, aber da müssen wir ja auch hin.

Marco Schütze über den Kreis Olpe
Seit 2008 gehört der RSV Listertal zum FLVW-Kreis Olpe und nicht mehr zu Lüdenscheid. Hat sich der Wechsel bewährt?
Hartmann: Damals waren logistische Gründe ausschlaggebend, also unsere Lage. Wir sitzen ja genau auf der Kreisgrenze. Die Derbys waren schon immer gegen Schreibershof, Bleche, Attendorn oder Listerscheid. Das hat sich ausgezahlt, es kommen deutlich mehr Zuschauer. Wir fühlen uns pudelwohl hier. Wir haben auch den Eindruck, dass der Olper Kreis ein Stück weit stärker ist als Lüdenscheid.
Schütze: Ich kann mich da nur anschließen. Es macht einfach Spaß im Kreis Olpe. Einige Gegner meckern zwar hin und wieder, dass sie so weit fahren müssen zu uns, aber da müssen wir ja auch hin.
Abseits von Corona: Was sind die nächsten großen Projekte beim RSV Listertal?
Hartmann: Unser Kunstrasen ist noch ein Jahr älter als der in Meinerzhagen. Wir haben uns natürlich beworben im Förderprogramm und uns gefreut, dass das Land auch einmal an die Vereine denkt, die eigene Anlagen haben. Wir haben ja vor fünf Jahren das Kleinfeld gebaut, da haben wir ein Darlehen aufgenommen wie jeder Häuslebauer auch. Mit dem Kredit werden wir dieses Jahr fertig. 2022 wollen wir dann den großen Platz sanieren und würden außerdem gerne das Flutlicht auf LED umrüsten, aber zunächst ist der Platz an der Reihe. Der Platz hat super gehalten, wir haben ihn auch gut gepflegt. Aber nach 16 Jahren ist ein Platz auch mal durch, das Verletzungsrisiko wird zu groß, weil wir zum Beispiel auch die Nähte immer wieder flicken müssen. Die Kosten liegen zwischen 250 000 und 300 000 Euro. Man kann da, anders als beim Bau seinerzeit, nicht viel Eigenleistung erbringen. Den Austausch muss schon aus Gewährleistungsgründen eine Fachfirma machen. Komplett ausfinanziert ist das Projekt aber aktuell noch nicht. Auch die endgültige Quotierung der Fördermittel innerhalb von Meinerzhagen steht noch nicht fest. Das wird auf der Infrastrukturebene jedenfalls ein ganz großes Jahr. Und kleinere Bauprojekte laufen ja ohnehin immer...
Wenn jeder von Ihnen drei Wünsche frei hätte mit Blick auf den RSV – welche wären das?
Schütze: An erster Stelle natürlich, dass alle gesund bleiben im Verein. Dann natürlich, dass die 1. Mannschaft den Aufstieg schafft und die 2. Mannschaft die Klasse hält. Ansonsten, dass das Zusammenleben, die Kameradschaft so bleibt beim RSV wie bisher. Das ist mir total wichtig.
Hartmann: Das unterschreibe ich alles mit. Aus Vorstandssicht würde ich noch ergänzen, dass wir jetzt und zukünftig – gerade mit Blick auf Covid-19 – weiterhin keine falschen Entscheidungen treffen.

Stefan Kuntz ist in meinen Augen der richtige Mann.

Marco Schütze zur Löw-Nachfolge
Eine letzte Frage abseits des RSV Listertal: Bundestrainer Joachim Löw hat seinen Rücktritt im Sommer angekündigt. Wie beurteilen Sie den Schritt, und wer wäre der richtige Nachfolger?
Schütze: Schwierig. Der Zeitpunkt des Rücktritts ist für mich zu spät, das hätte schon eher geschehen können. Stefan Kuntz ist in meinen Augen der richtige Mann. Der kann mit jungen Burschen gut umgehen und scheint auch ein feiner Kerl zu sein.
Hartmann: Zum Zeitpunkt sage ich: Besser spät als nie. Das passt noch. Als Nachfolger hätte ich mir Kloppo gewünscht, aber der hat ja schon abgesagt.
Schütze: Klar, Kloppo geht vor Kuntz. Aber das ist ja nicht realistisch. Der wird nicht kommen.
Ingo Hartmann, Marco Schütze, vielen Dank für das Gespräch!

RSV Listertal: 75 Jahre alt, 450 Mitglieder

Im August 1946 wurde der RSV Listertal gegründet, entsprechend steht in diesem Jahr der 75. Vereins-Geburtstag an. Indes: Aufgrund der Corona-Pandemie wird es keine „Sause“ geben können, darauf hat sich der RSV-Vorstand bereits festgelegt. In Arbeit ist gleichwohl eine digitale Jubiläumsschrift des Vereins. Aktuell hat der RSV rund 450 Mitglieder, darunter ca. 200 Aktive.

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