Ernüchternde Zahlen statt großer Träume

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Auszeichnung für ungewöhnliche Vereinstreue: Der 91-jährige Karl-Heinz Becker ist seit 80 Jahren Mitglied von Rot-Weiß Lüdenscheid bzw. dessen Gründungsverein Sportfreunde Lüdenscheid 08. Vorstandssprecher Michael Dregger dankte dem rüstigen Senior per Präsentkorb.

Lüdenscheid -  Es war kein Abend der Wahlen (die standen nicht an), eher schon einer der Zahlen. Und die gaben Illusionen, Träumereien und Utopien keine Nahrung. Die Jahreshauptversammlung von Fußball-Bezirksligist Rot-Weiß Lüdenscheid am Dienstag im Wasserfreunde-Vereinsheim am Nattenberg – Michael Dregger nutzte sie, um Verein und Mitglieder auf nüchtern-realistisch zu trimmen.

Von Thomas Machatzke

Bei allem Dank an die Mitglieder und Kicker und bei aller Zufriedenheit für den aktuellen sportlichen Kurs bei den Senioren, vor allem aber im Jugendbereich, sind das Thema, bei dem sich der Vorstandssprecher am allerbesten auskennt und über das er am fundiertesten referieren kann, die Zahlen. Zahlen, die ordentlich waren und doch nicht geneigt, Enthusiasmus zu entfachen.

Dregger stellte die aktuelle Bilanz der Bilanz aus dem Geschäftsjahr 2005 entgegen. „Seitdem haben sich die Kosten, aber auch die Einnahmen halbiert“, erklärte der Vorstandssprecher und ging ins Detail, vor allem aber schlussfolgerte er: „Wir haben den sinkenden Einnahmen Rechnung getragen und die Ausgaben angepasst. Und wir werden auch in Zukunft bemüht sein, die Kosten im Griff zu halten.“

Werbeeinnahmen, Spenden – das alles fließt nicht mehr, wie es einmal war. Und doch war die Bilanz am Dienstagabend eine, die als Kompliment für den Vorstand gewertet werden kann. Die Schulden aus tiefer Vergangenheit hat der Ex-Zweitligist auf 27 000 Euro abgetragen. Der buchhalterische Gewinn im Kalenderjahr 2013 lag bei fast 20 000 Euro. Es ist gut gewirtschaftet worden am Nattenberg unter dem Spardiktat der Vergangenheit.

Und dies, obwohl Dregger die Zahlungsmoral zahlreicher Mitglieder öffentlich als „sehr bedenklich“ anprangerte. Die Rot-Weißen, die zum 1. Januar 2015 nach weiter geführten Mitgliederbereinigungen noch 535 Mitglieder (bisher 547) haben, warten noch auf mehr als 5000 Euro an Mitgliedsbeiträgen. „Wir haben bereits einen Teil der Beiträge über Anwälte einziehen lassen“, sagte Dregger und kündigte an: „Wir haben und werden säumige Zahler vom Trainings- und Spielbetrieb freistellen.“

Welche Perspektive bieten diese Zahlen für einen vor allem Jugendbereich prosperierenden Verein? Dregger sagte: „Wir wollen höherklassigen Fußball bieten und wieder erreichen, aber wir wollen und müssen dabei realistisch sein: Unser mittelfristiges Ziel ist und bleibt die Landesliga. Langfristig wünschen wir uns die Westfalenliga. Nur: Ist dies realistisch?“

Der Vorstandssprecher sagte nicht ja oder nein. Er ließ Zahlen sprechen und präsentierte den Mitgliedern eine Rechnung mit den „üblichen Kosten“ für Trainergehälter und Spieler in der Westfalenliga. Dregger kam auf einen nötigen Etat von 250000 Euro – die Antwort also lautete: Nein, realistisch ist dies nicht, eher schon pure Phantasterei. „Wir müssen mit unseren Gegebenheiten planen und rechnen“, sagte er, „wir müssen unseren Weg weitergehen und aus eigener Kraft und Stärke wachsen. Wir sind bereit, die Aufgaben der Zukunft anzugehen.“

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