Isabell Werth nach Reitfehler: "Die Pferde waren heute besser als ich!"

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Balve - Momente des puren Glücks bei den Siegern, Spitzensport im Viereck und im Parcours, volle Ränge, Spitzensport, Überraschungen, Enttäuschungen, aber auch Kurioses: Der Samstag beim Balve Optimum hatte es in sich, lieferte pure Emotionen – und einen Reitfehler der besten Dressurreiterin aller Zeiten. Die wichtigsten Entscheidungen des Tages in der Zusammenfassung.

Es war Showtime im Dressur-Viereck von Wocklum – und wie: Team-Olympiasiegerin Dorothee Schneider aus Framersheim und der 13-jährige Hannoveraner Wallach Showtime gewannen den DM-Titel im Grand Prix Special mit 80,745 Prozent. Zweite wurde die sechsmalige Olympiasiegerin Isabell Werth aus Rheinberg mit Emilio (79,647), Rang drei ging an Mannschafts-Weltmeisterin Jessica von Bredow-Werndl aus Aubenhausen und Dalera (79,588). Mit der Stute Bella Rose, mit der Werth am Freitag den Grand Prix gewonnen hatte, patzte die 49-Jährige im Special und schüttelte über ihren Reitfehler bereits während der laufenden Prüfung den Kopf. Am Ende stand für dieses Paar immerhin noch Rang vier zu Buche.

Das Finale im Special, es war ebenso spannend wie kurios. Schneider und Showtime zeigten eine starke Vorstellung und übernahmen trotz kleinen Fehlers in der Galopp-Tour die Führung von Isabell Werth und Emilio, doch zwei Paare sollten ja noch folgen. Und eines dieser Paare waren eben Isabell Werth und Wunderstute Bella Rose.

Zunächst sah es nach einem weiteren Gala-Auftritt dieses Traumpaares und DM-Titel Nummer 15 der Rheinbergerin aus, dann aber unterlief der Nummer 1 der Dressur-Weltrangliste ein Reitfehler – Galoppwechsel statt Traversale. Es klingelte spät im Richterhäuschen. Werth musste den Special unterbrechen, pilotierte danach die Stute aber noch auf Rang vier. „Die Pferde waren heute besser als ich. Für Bella Rose tut es mir leid, ich bin der Stute heute nicht gerecht geworden. Ich hoffe, dass ich bis Aachen meine Gehirnzellen rekultiviert habe, um alle Wege zu finden“, sagte Werth selbstkritisch, aber auch mit einer gesunden Portion Humor: „Heute war ich einfach nicht gut genug. Fertig.“

Der Titel im Special ging somit an Dorothee Schneider, für die es beim Championat in Balve die zweite Goldmedaille war. 2016 hatte sie ebenfalls auf Showtime die Kür gewonnen. „Ich freue mich riesig. Die Goldmedaille hier zu gewinnen – das habe ich nicht zu träumen gewagt. Showtime hat Spaß an dem Job, an diesem Sport. Es ist für mich gerade sehr aufregend, sehr emotional. Das Pferd ist wieder da. Ich bin total happy", sagte die Team-Olympiasiegerin. Und grinste. Ihre Freude hatte auch Monica Teodorescu. „Wir haben hier sehr gute Leistungen und tollen Sport gesehen. Und es war sehr unterhaltsam“, betonte die Dressur-Bundestrainerin mit Blick Richtung Isabell Werth…

Der Nachmittag war nicht minder spannend: Mylene Diederichsmeier zitterte am Rande des Parcours mit, konnte den finalen Showdown im letzten Umlauf der Deutschen Meisterschaften der Springreiterinnen kaum noch mit ansehen. Sie bibberte mit, presste vor jedem Hindernis, das sich vor ihrer jüngeren Schwester Julie Mynou und dem 13-jährigen Carlucci auftürmte, beide Hände fest zusammen. Als dann auch die letzte Stange liegen blieb und Julie Mynou einen Tag nach ihrem 36. Geburtstag im Ziel war, da kannte die Freude keine Grenzen mehr. Mylene riss die Arme hoch – und ihre Schwester tat es ihr auf Carlucci, der sie soeben zur Goldmedaille getragen hatte, unter dem Applaus der Zuschauer gleich. Dem ersten Jubel folgten Freudentränchen. Sequenzen des puren Glücks. Die gebürtige Berlinerin Julie Mynou Diederichsmeier ist Deutsche Meisterin. „Ein Traum ist in Erfüllung gegangen“, sagte sie wenig später mit wackliger Stimme. Sichtlich überwältigt von ihrem Triumph.

In der ersten DM-Wertungsprüfung am Freitag war das Geburtstagskind mit Carlucci fehlerfrei durch den Parcours gekommen, ging knapp vor Weltmeisterin Simone Blum aus dem oberbayerischen Zolling in die entscheiden zwei Umläufe am Samstag. Neben Diederichsmeier und Blum waren acht weitere Paare fehlerfrei durch den Parcours geritten, was große Spannung versprach für die Entscheidung. Zu diesen fehlerfreien Paaren hatten auch Lokalmatadorin Elisabeth Kruse und die Arnsbergerin Kathrin Müller gezählt. Zwei Sauerländerinnen also, die im Orletal aufs Treppchen hoffen durften. Bei „Püppi“ Kruse, die auf Hengst Spimex eine insgesamt tolle DM ritt, ging dieser Traum in der ersten Runde des Samstags aber mit einem Fehler am Wassergraben fast schon baden, während Müller ihre Hoffnungen nährte.

Allerdings nicht auf Conan, mit dem sie am Freitag „Null“ geritten war, sondern mit Felitia, mit der sie am Freitag vier Strafpunkte kassiert hatte. Am Samstag aber blieb dieses Duo fehlerfrei, gewann sogar die Prüfung und landete dank Patzer der Konkurrentinnen im Gesamtklassement auf Rang drei. Es war nach Silber im Jahr 2012 ihre zweite DM-Medaille in Balve. „Ich bin super glücklich, hier auf dem Treppchen stehen zu können“, sagte die für den ZRFV Voßwinkel startende Reiterin: „Ich habe hier in Balve viele Freunde im Publikum, die mir die Daumen gedrückt haben.“ Und mit diesen Freunden wurde freilich noch gefeiert.

Feiern, das durfte auch die in den Niederlanden lebende Sophie Hinners, die nach ihrem Null-Fehler-Ritt am Freitag mit Vittorio im zweiten Durchgang wegen Zeitüberschreitung einen Fehler kassierte und sich im dritten Umlauf dann schadlos hielt. Weltmeisterin Simone Blum patzte derweil auf ihrem Nachwuchspferd Cool Hill im verkorksten zweiten Umlauf. Auch bei anderen Paaren fielen Stangen, sodass Hinners – mit 22 Jahren die Jüngste im Feld – vor der letzten Runde der Führenden Julie Mynou Diederichsmeier mindestens Silber sicher hatte. Die 36-Jährige aber behielt die Nerven und erfüllte sich ihren Traum vom DM-Sieg. Im Gesamtklassement war Diederichsmeier die einzige Reiterin ohne Strafpunkt.

Eine hochverdiente Meisterin, für die das neue Lebensjahr nicht schöner hätte beginnen können. „Ich habe am Freitag zu Carlucci gesagt, dass er mir doch bitte heute einen fehlerfreien Ritt schenken soll“, sagte die 36-Jährige. Ihr vierbeiniger Kumpel erfüllte diesen Wunsch – und Balve war Zeuge.

In der Abendsonne stand das Championat von Balve (Dieter Graf Landsberg-Velen Gedächtnispreis) auf dem Fahrplan. Den Sieg in diesem Großen Preis trugen im Stechen Sven Fehnl (RFV Hahnbach) und Celsia davon. Und danach begann die "Nacht der Show"...

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