Größte Herausforderung als echte Herzenssache

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Sven Imhoff auf dem Spinning-Rad in der Fitness Factory: Im Juni 2015 tauscht er das Bike gegen ein Rennrad ein, mit dem es quer durch die USA gehen soll.

Lüdenscheid - Sven Imhoff hat mal ziemlich ordentlich Fußball gespielt, er ist eine Zeit lang Marathon gelaufen und zählt nun seit geraumer Zeit zu den sehr guten Triathleten in Nordrhein-Westfalen. Doch 2015 wartet eine wieder neue Herausforderung auf den Lüdenscheider: Das „Race Across America“ (RAAM), eine Tortur der besonderen Art.

Von Thomas Machatzke

Die Orte Oceanside und Annapolis in den USA verbindet eigentlich nicht viel, außer dieses seltsam-bizarre Radrennen. Es handelt sich um den Start- und den Zielort. Am 20. Juni wird in Oceanside ein Tross von Aktiven zu dieser Herausforderung starten, die in der Außenansicht so faszinierend wie verrückt erscheint: Das „Race Across America“ geht von der Westküste der USA an die Ostküste nach Annapolis. 4800 Kilometer, mehr als 30 000 Höhenmeter, vier Zeitzonen. Für Imhoff, dessen Leben nicht arm ist an großen sportlichen Herausforderungen, ist es die vielleicht größte.

Sven Imhoff sitzt an einem Nachmittag im Dezember im Büro seiner Fitness Factory, einem Fitness-Studio an der Altenaer Straße, das er gemeinsam mit Jens Ellermann und Steffen Levin betreibt. Imhoff ist Sportwissenschaftler – studiert hat er in Prag, er hat eine tschechische Mutter, ist zweisprachig aufgewachsen. Nach dem Studium hat es ihn 2010 nach Lüdenscheid verschlagen, der Fitness Factory wegen.

Oceanside ist noch weit entfernt an diesem Nachmittag – räumlich, aber auch zeitlich. Ganz ruhig ist Imhoff, aber aus den Augen funkelt doch Vorfreude auf das, was da im Jahr 2015 wartet. Auf das, worauf er sich mit dem RAAM-Team Maxmo seit eineinhalb Jahren vorbereitet. „Vorgestern hatten wir einen Termin mit Rudolf Scharping“, erzählt Imhoff, „er ist nun Schirmherr des Projektes.“ Den Sportler freut das. Es kann nicht schlecht sein, den Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer und Ex-Verteidigungsminister mit im Boot zu haben. So wenig, wie es schaden kann, wenn der aktuelle Gesundheitsminister Hermann Gröhe zu den prominenten Unterstützern zählt, oder der nicht mehr so aktuelle Fußball-Weltmeister Rainer Bonhof, Radsprint-Star André Greipel oder der dreifache Tour-de-France-Sieger Greg Lemond.

Spenden für das Kinderpalliativteam

Das Team braucht viele Unterstützer. Es geht ja um ein aufwändiges Projekt, das viel Geld kostet. Das Team sitzt dort, wo Sven Imhoff herkommt: am Niederrhein. Der Ausdauerspezialist stammt aus Viersen. Sportbegeistert ist er seit frühesten Tagen. Für Borussia Mönchengladbach hat er in der zweiten Mannschaft in der Oberliga Fußball gespielt, danach für den FC Wegberg Beeck. Bis er sich viel zu früh die Außenbänder im Knie überdehnte. Imhoff sattelte um, wurde in der Junioren-Klasse Westdeutscher Meister im Marathon. Zwei Stunden und 36 Minuten brauchte er für die 42,195 Kilometer. Was für ein Snack verglichen mit dem, was nun auf ihn wartet.

„Es sind extreme Unterschiede“, sagt Imhoff und meint damit nicht den Unterschied zwischen einem Marathon und dem RAAM, eher schon das, was das Rennen in den USA ausmacht. Zwischen Oceanside und Annapolis warten ja nicht nur viele Kilometer und vier Zeitzonen. Es wartet die Mojave-Wüste, in der es schon mal bis zu 60 Grad heiß werden kann. Es wartet der Mississippi mit seinem schwül-warmen Klima. Es warten auch eiskalte Nächte in den Rocky Mountains. Rampen mit endlosen Anstiegen von bis zu 18 Prozent, endlose Geraden, heftige Gewitter. Eindrücke, die andere in einem Leben nicht unterbekommen, wollen die Fahrer des Maxmo-Teams in eine Woche pressen, eine knappe.

„1200 Kilometer am Tag wollen wir schaffen – unser Ziel ist es, in sechs Tagen im Ziel zu sein“, sagt Sven Imhoff. Neben dem Bergstädter werden Teamchef Oliver Dienst, Norbert Nusselein und Christoph Bohnen auf dem Rad sitzen. Zwei Fahrer werden sich im Sechs-Stunden-Turn abwechseln, die anderen beiden sollen in dieser Zeit in einem der Begleitwagen schlafen können. Aber viel Schlaf wird es wohl nicht geben in diesen Tagen. Zwei Stunden Schlaf pro Tag sei normal beim RAAM, schreiben im Internet Experten. Was die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia, die in Sachen Dramatisierung und Überspitzung von Dingen eher unverdächtig ist, auch schreibt, ist folgender Satz: „Ob die Teilnahme am Race Across America aufgrund der körperlichen und mentalen Beanspruchung zu bleibenden Schäden führt, ist umstritten.“

Noch 25 Wochen bis zum Start

Auf jeden Fall sind es wohl Festtage des Adrenalins im Juni. „Das macht man nur einmal im Leben“, sagt Imhoff, der seine Mitstreiter vom Triathlon kennt. Inzwischen startet Imhoff für Mönchengladbach in der Triathlon-Oberliga. „Aber wir wollen wieder nach ganz oben“, sagt er. In Krefeld ist er schon in der Bundesliga dabei gewesen. Seit zwölf Jahren ist der Ausdauer-Dreikampf die Passion des Mannes, der im Januar 36 Jahre alt wird. Er ist schon als Ironman auf Hawaii gewesen, war 2013 bester Amateur beim IM 70.3 in Aix ‘en Provence. Torturen im Wasser, auf dem Rad und im Laufen sind ihm nicht fremd.

Und doch ist das „Race Across America“ etwas Besonderes. 26 Personen groß ist das Maxmo-Team in den USA. Es sind Ärzte dabei, Physiotherapeuten, Wissenschaftler der Sporthochschule in Köln, die das Projekt begleiten – und ein Kamerateam, das über die Tage in den USA einen Film drehen wird. Mit mehr als 100 000 Euro Kosten haben die Verantwortlichen kalkuliert. Teamchef Oliver Dienst, ein gebürtiger Arnsberger, ist Chef der Maxmo-Kette, die inzwischen 19 Apotheken umfasst. Maxmo ist Hauptsponsor, dazu kommen Großsponsoren und kleinere Gönner. Jeder Euro zählt.

Auch deshalb, weil von jedem Euro 50 Cent für den guten Zweck sind. „50 Prozent der Spenden gehen ans Palliativteam Sternenboot“, sagt Sven Imhoff nicht ohne Stolz. „Wenn Kinder sterben müssen, ist das immer eine Situation, der man absolut hilflos gegenübersteht. Hilflos – aber nicht tatenlos“, schreibt das Team auf seiner Homepage (www.raam2015.de) – gemeinsam mit der HilEri-Stiftung unterstützt es das Kinderpalliativteam der Uni-Klinik Düsseldorf. Das Team aus Ärzten und Pflegenden hilft Kindern mit einer lebensverkürzenden Erkrankung, indem es ihnen ermöglicht, zu Hause bei ihren Familien betreut zu werden und nicht in Klinik oder Hospiz.

„Quer durch Amerika. Mitten ins Herz.“ Das ist der Slogan von Imhoff und Mitstreitern. „Es ist nicht einfach ein Radrennen für den guten Zweck. Nicht einfach: Hingehen. Mitfahren. Geld sammeln. Und zurück nach Hause“, heißt es weiter, „das Race Across America ist eine Quälerei. Es ist eine Herausforderung für jeden noch so trainierten Sportler.“ Darunter steht stets aktuell die Zahl der Trainingskilometer aller Teammitglieder und ein Countdown-Zähler in Richtung Oceanside. 5200 Kilometer sind es bei Sven Imhoff. Gut 25 Wochen bleiben ihm noch. Dann wird es ernst. Ernster wahrscheinlich als bei jedem anderen Rennen, das er bestritten hat.

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