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Europa-Reisender in Sachen Football

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Von: Wesley Baankreis

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Lightnings-Quarterback mit viel Erfahrung: Der US-Amerikaner Willie Sheird (links) spielt seit mittlerweile 14 Jahren in Europa.
Lightnings-Quarterback mit viel Erfahrung: Der US-Amerikaner Willie Sheird (links) spielt seit mittlerweile 14 Jahren in Europa. © Baankreis, Wesley

Die zweite Saison der Vereinsgeschichte läuft für die Lüdenscheid Lightnings bislang nahezu optimal: Die American Footballer stehen an der Spitze der NRW-Liga und haben beste Chancen auf Meisterschaft und Aufstieg. Maßgeblichen Anteil daran hat in seiner Premierensaison bei den Bergstädtern der US-amerikanische Quarterback Willie Sheird.

Lüdenscheid - Überraschend ist Willie Sheirds Einfluss auf die Lightnings nicht. Der Spielmacher kommt aus dem Mutterland des American Football und hat jahrzehntelange Erfahrung mit dem ledernen Ei. „Ich kann mich zwar nicht genau erinnern, wann ich das erste Mal wirklich mit Football zu tun hatte. Aber als Kind haben wir mit der Familie immer die NFL geschaut und als Geschwister auch selbst gespielt. Football war immer präsent, wie bei vielen Familien in den USA“, erinnert sich der 41-Jährige.

In der Grundschule und in der Middle School fand Sheird über die körperkontaktlose Vorstufe Flag Football endgültig zum American Football. Dass er die Position des Quarterbacks spielte, hat einen handfesten Grund: „In meiner Familie waren alle für die 49ers, Cowboys oder Redskins. Ich war stattdessen von Anfang an für die Denver Broncos, die zu der Zeit mit John Elway einen der besten Quarterbacks hatten – und so wollte ich dann eben auch Quarterback werden.“

In seinen letzten beiden Jahren an der Lafayette High School in seiner Heimatstadt Williamsburg im US-Bundesstaat Virginia startete Willie Sheird schließlich richtig durch. Mit einer beeindruckenden Bilanz von 22:3 spielten die Lafayette Rams zwei überaus erfolgreiche Saisons. Im zweiten Jahr führte Sheird seine Mannschaft sogar bis ins State Championship Game, das Landesfinale aller High-School-Teams in Virginia, das die Rams am Ende knapp verloren. „Das waren zwei sehr gute und erfolgreiche Jahre, an die ich mich natürlich gerne erinnere und die mir nach dem Abschluss auch den Weg ans College eröffnet haben“, sagt Sheird.

An den Universitäten lief es dann aber nicht ganz so gut für den Spielmacher, der mit der großen Konkurrenz durch Vollstipendiaten zu kämpfen hatte. Als er dann das College wechseln wollte und erst einmal die Studiengebühren dafür bezahlen musste, legte er eine Football-Pause ein. „Im College-Football ging es viel mehr um Politik als um den Sport selbst. Das hat mir den Spaß genommen, und ich habe erst einmal Abstand vom Football genommen, auch um mich auf das Leben, meine Arbeit und alles drumherum zu konzentrieren“, erinnert er sich.

Von den Cowboys zu den Hornets

Die Rückkehr zum American Football einige Jahre später ging dann auf die Initiative eines Freundes aus High-School-Tagen zurück. An dessen Seite spielte Sheird dann bei den semiprofessionellen Virginia Cowboys. Der Spaß und die Freude kamen schnell zurück, und ein weiterer Zufall führte Willie Sheird im Jahr 2008 schließlich nach Europa. Ein Freund machte ihn auf ein Internetportal aufmerksam, über das sich US-Spieler und -Mannschaften in Europa präsentieren konnten. Sheird erstellte sogleich ein Profil, füllte es mit Videos – und wechselte nur wenige Monate später in den Südwesten Englands zu den Hough Hornets.

„Es war schon immer mein Traum, die Welt zu bereisen, und das schien die perfekte Möglichkeit zu sein“, sagt Willie Sheird. Doch der Start im Vereinten Königreich war der Vorfreude zum Trotz alles andere als einfach: „Ich dachte, wenn die Sprache gleich ist, kann es nicht so schwer sein. Aber gerade die ersten Tage waren hart. Es war eine extreme Umstellung, weil in England einfach alles ganz anders war, als ich es aus den USA gewohnt war.“ Doch der Quarterback lernte schnell, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Dabei lief freilich nicht immer alles nach Plan: So wurde ihm etwa nach einem Besuch in den Niederlanden die Rückreise nach England verwehrt, und auch sein damaliges Team meldete sich nicht mehr bei ihm. Beirren ließ sich Willie Sheird auf seinem Weg durch Europa davon aber nicht. Im Jahr 2011 feierte er sein Debüt in Deutschland, als er bei den Hanau Hornets unterschrieb.

Football war immer präsent, wie bei vielen Familien in den USA.

Willie Sheird über seine ersten Kontakte mit der Sportart

Seine mittlerweile 14 Jahre andauernde Europa-Karriere weist überdies auch Stationen in Frankreich, Polen, Serbien und Rumänien aus. In Deutschland spielte Sheird bis hinauf in die 3. Liga, in der er unter anderem für die Cologne Falcons auflief und in die er mit den Düsseldorf Bulldozers aufstieg. Besonders in Erinnerung ist ihm seine Zeit in Serbien: „Die Leute und das ganze Leben dort haben mich sehr an meine Heimat in Virginia erinnert, wo auch viel und hart gearbeitet wird. Da schauen die Leute nicht darauf, woher du kommst, sondern wer du bist und wie du zu anderen Menschen bist.“ Aus einem anderen Grund unvergesslich wird ihm seine Zeit in Rumänien bleiben: „Wir wollten gerade in die Saisonvorbereitung starten, als Corona kam. Da wurde dann auch dort alles abgesagt, und irgendwann begann der Lockdown. Ich kannte niemanden und war damit eigentlich den ganzen Tag zu Hause. So bestand mein tägliches Leben für mehrere Monate nur aus drei Mal Training am Tag und dem Aufenthalt in der Wohnung. Das war nicht leicht.“

2021 kehrte Willie Sheird nach Deutschland zurück und spielte für die Cologne Ronin, die zur Saison 2022 dann jedoch auf seine Dienste verzichteten. Eher zufällig fand der Wahl-Leverkusener daraufhin zu den Lüdenscheid Lightnings. „Einer meiner alten Trainer hat mir den Tipp gegeben. Ich habe Kontakt zum Vorsitzenden Chris Tremmel aufgenommen, und irgendwann ging alles ganz schnell.“ Am 7. April, seinem Geburtstag, unterschrieb Sheird in Lüdenscheid, und nur zwei Wochen später stand bereits das erste Spiel an. Zum Abschluss der ersten Saisonhälfte Ende Juni traf der 41-Jährige mit den Lightnings dann auf seine Ex-Mannschaft Cologne Ronin und siegte zu seiner Freude überaus deutlich mit 32:0.

Über sein neues Team sagt der US-Amerikaner: „Eine gute Mannschaft, die sich immer noch im Lernprozess befindet.“ Angesichts seines Alters und seiner Routine sieht er sich nicht mehr nur als reiner Spieler, sondern auch als Coach für andere: „Ich freue mich, dass der Coaching Staff der Lightnings um Cheftrainer Michel Schumann mir die Möglichkeit gibt, mich hier einzubringen. Ich glaube und hoffe, dass uns das alle ein Stück weiterbringt“, erklärt Sheird, der sich in der Bergstadt auch deshalb sehr wohlfühlt, weil der Zusammenhalt stimme: „Für mich ist das sehr wichtig. Vor allem, da meine Familie – ich habe acht Brüder und sieben Schwestern – weit weg ist und ich sie nur sehr selten sehen kann.“

Ein Ende seiner Zeit in Lüdenscheid sieht der Routinier durchaus noch nicht, obwohl sein Engagement bei den Lightnings zeitintensiv ist. Denn Sheird wohnt in Leverkusen und arbeitet in Köln, und zudem ruht ab der kommenden Woche erst einmal die Zugverbindung zwischen Köln und Lüdenscheid. Doch Sheird kann sich durchaus vorstellen, mit seinem Hasen Barry nach Lüdenscheid oder in die nähere Umgebung zu ziehen, sofern sich eine näher gelegene Arbeitsstelle findet. Schließlich ist Football nicht alles: „Ein paar Jahre habe ich sicher noch, in denen ich gut spielen kann. Aber ich habe nie Football als Lebensunterhalt gespielt. Ich kann nicht ewig spielen und möchte meinen Lebensunterhalt weiter mit Arbeit verdienen“, erklärt er.

Aufstieg am Samstag perfekt?

Zunächst aber liegt der Fokus auf dem Saisonendspurt, der für die Lightnings und ihren Quarterback möglichst schon beim Heimausklang am 17. September gegen Wipperfürth in die vorzeitige Meisterschaft und den damit verbundenen Aufstieg münden soll. Dabei hat Willie Sheird in Lüdenscheid nicht einmal seine Glücksnummern 7 – diese Zahl trug auch John Elway – oder 18, die ein verstorbener Jugendfreund Sheirds getragen hat, auf dem Trikot. Aber auch seine aktuelle Nummer 3 gefällt ihm: „Die Denver Broncos haben mit Russel Wilson ja einen neuen Quarterback, der zu den besten der National Football League gehört und auch die 3 trägt. Daher kann das auch nur Glück bringen“, lacht der US-Amerikaner.

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