Fußball

Anti-Gewalt-Konzept als Reaktion auf steigende Anzahl an Übergriffen

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Halten das "Anti-Gewalt-Konzept" für längst überfällig: Georg Heimes (links) und Michael Ternes.

Kreisgebiet - Das Thema Gewalt im Fußball ist stets präsent und wir immer mehr zum Problem. Nun reagiert der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen.

Tätliche Angriffe auf Schiedsrichter oder Gegenspieler, Rudelbildungen, Schläge, Tritte und üble Beleidigungen: Nach Angaben des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen (FLVW) ist die Anzahl von Gewaltvorfällen auf westfälischen Fußballplätzen seit der Saison 2017/18 um rund 20 Prozent gestiegen. 

Allein in der Vorrunde der laufenden Saison sind nach Angaben des FLVW 254 Gewaltvorfälle verzeichnet worden – davon galten 150 Angriffe den Schiedsrichtern. Eine dieser Attacken gab es gleich am 1. Spieltag in der B-Liga des Kreises Lüdenscheid, als ein 71-Jähriger Referee von einem 28-jährigen Spieler niedergestreckt wurde. Der Schiedsrichter hatte Schädelprellung und Schleudertrauma davongetragen, der Spieler wurde im Nachgang vom Kreissportgericht bis zum 23. September 2021 gesperrt. 

Der Fall aus dem Kreis Lüdenscheid, er war medial einer der vielbeleuchtetsten der vergangenen Jahre. FLVW-Präsident Gundolf Walaschewski hatte sich seinerzeit „schockiert über diesen brutalen Gewaltausbruch“ gezeigt und das Präsidium allen Unparteiischen im Verbandsgebiet den Rücken gestärkt. Das Thema Gewalt im Amateurfußball hat die Verbandsfunktionäre auch danach freilich beschäftigt, weil die Zahlen schlichtweg alarmierend sind. In seiner turnusmäßigen Sitzung im SportCentrum Kaiserau verabschiedete das FLVW-Präsidium in der vergangenen Woche ein „Konzept zur Gewaltprävention und zum Konfliktmanagement“. Dieses Anti-Gewalt-Konzept hatten Vertreterinnen und Vertreter aus Ehren- und Hauptamt zuvor in mehrwöchiger Arbeit erstellt, teilte der FLVW mit. 

„Unsere ‘Null-Toleranz-Politik’ gegenüber Gewalttätern wird jetzt mit einem Konzept untermauert, das ein klares Ziel hat: die Reduzierung von Gewaltvorfällen und Spielabbrüchen“, so FLVW-Präsident Gundolf Walaschewski. Die Zahlen seien alarmierend. „Diese Entwicklung müssen wir zwingend stoppen“, wird Andree Kruphölter in der Mitteilung zitiert. Der Rechtsanwalt ist seit Mai 2019 als Beisitzer im Präsidium des FLVW insbesondere für die Themen Sicherheit, Gewaltprävention und Fair-Play zuständig. Unter seiner Regie und mithilfe von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist rund um die Winterpause das neue Konzept entstanden. „Wir haben die spielfreie Zeit dazu genutzt, die Hinrunde komplett aufzuarbeiten und schnellstmöglich ein Papier auf den Weg zu bringen, das die Gewalt im Fußball reduzieren soll“, so der 45-Jährige. Das Anti-Gewalt-Konzept vernetze alle Ebenen des Fußballs und setze auf eine enge Zusammenarbeit zwischen den FLVW-Gremien, den Beteiligten in den Kreisen und Vereinen. Das Konzept ist nach FLVW-Angaben ein Dreiklang aus Handlungsempfehlungen, konkreten Beratungen und Schulungen, wobei die Prävention ein wichtiger Baustein sei. 

Was beinhaltet das Anti-Gewalt-Konzept?
Es soll Deeskalationstrainings für Schiedsrichter ebenso geben wie Schulungen für Staffelleiter und für die Ordnungsdienste der Vereine. Langfristig soll auch eine Evaluation, also eine sach- und fachgerechte Bewertung, der Sportgerichtsbarkeit und Austausch mit Richterinnen und Richtern zu einer Anpassung des Strafmaßes führen. Auch in die Aus- und Weiterbildung des Verbandes wird das Anti-Gewalt-Konzept aufgenommen. Zur Stärkung der Eigenverantwortung und Identifikation mit den Werten des Fußballs werde ein Trainerpass als Gütesiegel und eine Schulungseinheit „Anti-Gewalt“, die Eingang in die Trainer-Ausbildung findet, entwickelt und implementiert, heißt es. Darüber hinaus wird mit Alexander Lüggert ab sofort ein neuer Mitarbeiter des Verbandes als erste Anlaufstelle bei Gewaltvorfällen fungieren. Lüggert ist für die zeitnahe Aufnahme von Gewaltvorfällen und die Kontaktaufnahme zu Gewaltopfern und Vereinen zuständig. 

Was sagen die Kreisfunktionäre?
Für Michael Ternes, Vorsitzender des Fußballausschusses im Kreis Arnsberg und selbst Schiedsrichter, ist ein Anti-Gewalt-Konzept des Verbandes „schon lange überfällig. Es wird dringend Zeit, dass etwas gemacht wird.“ Der Kreis Arnsberg hatte im November 2017 bereits ein Zeichen gegen Gewalt auf Sportplätzen gesetzt, das bundesweit Beachtung fand. Nach einem weiteren tätlichen Angriff auf einen Unparteiischen hatten die Arnsberger Kreisfunktionäre entschieden, alle Meisterschaftsspiele der Kreisligen A bis D am darauffolgenden Sonntag abzusetzen und drei Monate später nachzuholen. Der FLVW hatte diese vom Arnsberger Kreisvorstand getragene Maßnahme befürwortet. „Seitdem hatten wir zumindest keine nennenswerten Vorfälle mehr“, hält Michael Ternes die damalige Maßnahme auch heute noch für sinnvoll. Aus seiner Sicht ist es neben Sanktionen und einem Anti-Gewalt-Konzept sehr wichtig, den Dialog zu suchen und auch zu führen. „Wir im Kreis Arnsberg suchen gerne das offene Gespräch mit Spielern und Vereinsvertretern“, erläutert Ternes, für den das Anti-Gewalt-Konzept aber eher „ein Handeln danach“ ist. Er fordert daher „noch mehr Prävention.“ 

Zudem würde sich Michael Ternes, der als Schiedsrichter oft mittendrin statt nur dabei ist, die Einführung einer zehnminütigen Zeitstrafe, die es im deutschen Amateurfußball von 1978 bis 1992 schon einmal gegeben hatte, wünschen. „Ich war und bin ein Freund der Zeitstrafe. Zum Abkühlen sind zehn Minuten durchaus sinnvoll“, so Ternes. 

„Im Großen und Ganzen schließe ich mich den Ausführungen von Michael Ternes an. Ein Anti-Gewalt-Konzept ist in der Tat schon lange überfällig. Alle zehn Jahre kam das Thema zur Sprache, nur passiert ist seitens des Verbandes bis heute nichts. Viele Ansätze, viel Bla-bla, Konkretes aber gab es nicht. Da sind die Kreise doch ziemlich allein gelassen worden“, zürnt Georg Heimes, Vorsitzender des Fußballausschusse im Kreis Lüdenscheid. 

Abschreckung durch härtere Strafen ist für ihn der sinnvollste Ansatz – und zwar an vielen Fronten. „Die Anweisung an die Schiedsrichter, nach der Winterpause bei Respektlosigkeiten härter durchzugreifen“, geht genau in die richtige Richtung. Neben körperlichen Auseinandersetzungen haben auch verbale Attacken in Richtung Gegenspieler und Schiedsrichter, Rudelbildungen sowie ständiges Reklamieren sowohl im Profi- als auch Amateurbereich nichts zu suchen“, heißt Heimes es gut, dass in diesen Fällen die Gelbe und auch Rote Karte bei den Referees lockerer sitzen soll. 

Was er indes überhaupt nicht nachvollziehen kann, ist, dass die Rechts- und Verfahrensordnung dahingehend geändert wurde, dass besonders drastische Strafen (z.B. „lebenslänglich“) nicht mehr möglich sind („Ein Rückschritt“), dazu plädiert er dafür, dass Staffelleiter unbürokratisch „Sünder“ länger aus dem Verkehr ziehen können: „Sie sollten nicht – wie aktuell – vorläufige Sperren nur bis höchstens vier Wochen, sondern bis zu zehn Wochen aussprechen dürfen. Auch vor dem Hintergrund, dass unser Kreissportgericht kaum noch tagt. Beratungen, Schulungen, Gesprächsrunden mit Vereinen – das alles liest sich auf dem Papier gut. Ich bezweifle aber, dass es Früchte tragen wird“, bleibt Heimes – zumindest momentan – bei seinem Standpunkt, dass nur hartes, abschreckendes Durchgreifen Früchte tragen wird.

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